Am Wissen fehlt es den Unternehmen nicht. Sie werden angesichts der demografischen Entwicklung bald gezwungen sein, vermehrt auf ältere Mitarbeiter zurückzugreifen. Doch das Wissen in Taten umzusetzen, fällt vielen Schweizer Firmen noch schwer, wie eine Umfrage der «Handelszeitung» zeigt. Sie sticht in ein Wespennest, weil sich viele Unternehmen gerade auf die Socken machen, eine Strategie für Mitarbeiter 50plus auf die Beine zu stellen. So prüft die UBS Möglichkeiten, die Beschäftigung älterer Mitarbeiter zu fördern. Bei Swisscom befassen sich interne Arbeitsgruppen mit Handlungsoptionen, wie der Telekomkonzern auf die demografische Entwicklung reagieren will. Auch Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist daran, die Bank auf den für 2015 erwarteten Generationenknick vorzubereiten: «Wir arbeiten derzeit an Möglichkeiten, über 50-jährige Mitarbeiter je nach ihren Bedürfnissen und ihrer Leistungsfähigkeit besser einzusetzen.»

Zu den wenigen Ausnahmen, die bereits erste Resultate einer neuen «Altersstrategie» sehen, zählt ABB Schweiz. Der Technologiekonzern hat 2005 ein Arbeitspapier verabschiedet, das Vorgesetzten aufzeigt, wie sie Mitarbeiter über 50 mit Teilzeitmodellen und Weiterbildung sowie vor allem Wertschätzung zum Bleiben motivieren können. «Die Zahl der Frühpensionierungen, welche bei uns ab 62 Jahren möglich sind, ist in den vergangenen zwei, drei Jahren deutlich zurückgegangen», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Allerdings betont er, dass der Anteil der Mitarbeiter über 60 gerade mal bei 6% liegt – verglichen mit den 1,8% bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) ist das viel. ABB-Mitarbeiter, welche bis zum 70. Lebensjahr arbeiten, seien noch Ausnahmen. Es handle sich vielfach um Spezialisten.

Neue Modelle für Baby-Boomer

Auch bei Holcim ist das Know-how älterer, teilweise bereits pensionierter Mitarbeiter gefragt – vor allem in Bereichen, wo es um zementspezifische Fragen geht. Deshalb unterstützt Holcim eine vorzeitige Pensionierung erst ab 62, erlaubt aber einen Rentenaufschub bis fünf Jahre über das Pensionsalter hinaus, wie Holcim-Sprecher Roland Walker erklärt. Um zum Weiterarbeiten zu animieren, zeigt sich Holcim zudem offen für Teilzeitarbeit.

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Am wenigsten scheint die Bankenbranche auf ältere Mitarbeiter angewiesen zu sein. Bei UBS und ZKB heisst es ab dem 62. Altersjahr ab in den Ruhestand. Wenig verwunderlich, weist die Kredit- und Versicherungsbranche die höchste Frühpensionierungsquote auf, während solche in der öffentlichen Verwaltung, dem Handel und Reparaturgewerbe viel rarer sind (siehe Grafik).

Doch das könnte sich bald ändern. Für Credit Suisse ist es sonnenklar, dass sie aufgrund des sich abzeichnenden Fachkräftemangels in stärkerem Masse auf die Arbeitsleistung von älteren Mitarbeitenden angewiesen sein wird. Die ZKB begegnet der anstehenden Pensionierung der Baby-Boomer-Generation mit dem «Konzept45», einem Ausbildungs- und Betreuungskonzept sowie einer Standortbestimmung ab dem 45. Altersjahr.

Vor dem Hintergrund der Überalterung besteht in der Unternehmenspraxis aber generell nicht nur eine grosse Kluft zwischen der Erkenntnis über die Bedeutung von älteren Mitarbeitern und dem Platz, den sie in Unternehmen tatsächlich einnehmen.

Auch die Forderungen der Unternehmen sind sehr unterschiedlich. Aus Sicht von Ciba-Sprecher Dominik Marbet stellt sich die Frage der Weiterbeschäftigung über 65 Jahre in der Praxis nicht. Der Trend der 1990er Jahre zu einer immer früheren Pensionierung von Mitarbeitern sei zwar vorbei – heute steige das Alter bei der Pensionierung wieder. «Die meisten Mitarbeiter sind aber interessiert, vor 65 in Pension zu gehen – auch bei entsprechenden Rentenkürzungen.» Ähnliches sagt ZKB-Sprecherin Sibylle Umiker: «Eine Erhöhung des Rentenalters nach oben ist nicht im Sinne der ZKB; da die ZKB eine relativ tiefe Fluktuation aufweist, würden sonst die Perspektiven für die Nachwuchskräfte verloren gehen.»

Andere Bedürfnisse hat der Industriekonzern Rieter: Die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 käme Rieter wegen des angespannten Arbeitsmarkts entgegen. «Flexibilisierung nach oben ja, nach unten wegen des heute akuten und sich noch verschärfenden Fachkräftemangels nein», sagt Sprecher Peter Grädel.

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Nüchtern sind die Aussagen von Coop-Personalchef Peter Keller: «Eine Flexibilisierung des AHV-Alters nach unten wird aus unserer Sicht kaum finanzierbar sein, eine Flexibilisierung nach oben wird die Probleme der gesundheitlich angeschlagenen und leistungsschwachen Mitarbeitenden nicht lösen.»

Ball liegt bei der AHV

Überwiegend jedoch plädieren die meisten Firmen für eine Flexibilisierung des Rentenalters nach oben und nach unten sowie entsprechende AHV-Lösungen.

Laut Zurich-Sprecherin Sonja Giardini hat Zurich ihre eigene Vorsorgeeinrichtung bereits im Jahr 2006 so flexibilisiert, dass sowohl frühzeitige Pensionierungen, aber auch schrittweise Pensionierungen oder eine Beschäftigung über das Rentenalter hinaus möglich sind. Giardini: «Wir hoffen nun, dass die AHV mitzieht und ebenfalls interessante und flexible Möglichkeiten anbieten wird.»

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