Jeff Bezos konnte sich nur kurz über den Titel reichster Mensch der Welt freuen. Mit einem Vermögen von 90,6 Milliarden Dollar überholte der Amazon-Gründer laut dem US-Magazin «Forbes» den langjährigen Spitzenreiter und Microsoft-Gründer Bill Gates. Zu Handelschluss an der Wall Street sah es jedoch schon wieder anders aus: Die Aktien des weltgrössten Online-Händlers verloren leicht an Wert und Bezos musste den Spitzenplatz räumen.

Weiter unter Druck gerieten die Amazon-Papiere nach Vorlage von Geschäftszahlen. Im abgelaufenen Quartal ging der Gewinn des Konzerns aus Seattle stärker als von Experten erwartet zurück. Seit Jahresbeginn haben sich die Amazon-Titel um etwa 40 Prozent verteuert. Am Donnerstag markierte die Aktie dann ein Rekordhoch von 1083,31 Dollar. Anschliessend rutschte der Kurs ab und schloss 0,6 Prozent im Minus bei 1046 Dollar. Dadurch schrumpfte auch das Vermögen von Bezos wieder zusammen.

Wachstum frisst Gewinne auf

Für Enttäuschung sorgten die jüngsten Ergebniszahlen. Der Gewinn brach im abgelaufenen Quartal um 77 Prozent auf 197 Millionen Dollar ein und damit stärker als von Analysten vorausgesagt. Grund ist, dass Amazon auf rasantes Wachstum in neuen Bereichen und Ländern setzt und dafür hohe Kosten in Kauf nimmt.

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Der Online-Händler will etwa in die Auslieferung investieren und mehr Personal einstellen, um sich auf das Weihnachtsgeschäft vorzubereiten. Bezos warnte die Anleger, dass im laufenden Quartal ein Betriebsverlust von bis zu 400 Millionen Dollar auflaufen könnte. Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Viertel auf 38 Milliarden Dollar.

Amazon: Erfolg mit Prime-Mitgliedschaft

Amazon startete in den 90er Jahren als Internet-Buchversand, dringt aber inzwischen in klassische Bereiche der Wirtschaft vor. Weil immer mehr Verbraucher im Netz - und vor allem bei Amazon - einkaufen, stecken viele traditionelle Einzelhändler in der Krise. Inzwischen ist auch die Lebensmittelbranche in Aufruhr: Amazon will die US-Biokette Whole Foods Market für 13,7 Milliarden Dollar übernehmen. Was das Management mit der neuen Tochter genau vorhat, verriet Finanzchef Brian Olsavsky am Donnerstag nicht. Man erwarte allerdings einen «grossen Schub» bei der Expansion ins Lebensmittelgeschäft.

Amazon investiert auch kräftig, um Stammkunden mit der sogenannten Prime-Mitgliedschaft bei der Stange zu halten. Sie müssen gegen Zahlung einer Jahresgebühr in der Regel keine Versandkosten zahlen und können viele Filme und Serien beim hauseigenen Streamingdienst kostenlos anschauen. Die Prime-Mitgliedschaft ist einer der Eckpfeiler der Amazon-Strategie, weil Mitglieder so geneigt sind, mehr Produkte beim Weltmarktführer zu bestellen.

Nach Einschätzung der Wall-Street-Firma Cowen & Co werden bis Ende des Jahres mehr als 50 Prozent aller US-Haushalte Prime-Kunden sein. Besonderes Augenmerk legt der Konzern im Moment auf Asien: So will Amazon-Chef Bezos fünf Milliarden Dollar in Indien investieren und übernimmt das arabische Einkaufsportal souq.com.

(reuters/moh)