Die Turnschuhe Zoom Mercurial Xi Fk von Nike gibt es bei Amazon für 68,83 Euro. Aber: «Dieser Artikel kann nicht in die Schweiz geliefert werden.» Den Lautsprecher Echo von Amazon gibt es im Shop für 84,99 Euro. Aber: «Dieser Artikel kann nicht in die Schweiz geliefert werden.»

Damit ist bald Schluss. Wahrscheinlich schon in wenigen Wochen. Der weltgrösste E-Commerce-Anbieter Amazon und die Post haben einen Vertrag zur Abwicklung von Importen abgeschlossen. Konkret wechselt Amazon von der Einzelverzollung zur digitalen Verzollung. Das heisst, dass Amazon die Importe per Softwareschnittstelle direkt bei der Post anmeldet. Die Lastwagen voller Schweizer Bestellungen können so direkt über die Grenze und in ein Verteilzentrum der Post fahren.

Amazon macht es nun wie Zalando

Was nach logistischen Details klingt, hat das Potenzial, den helvetischen Detailhandel gehörig umzuwälzen. Vereinfacht gesagt, macht der Verzollungs-Deal Amazon für Schweizer Kunden zu einem Schweizer Shop. Genau wie Zalando. Der deutsche Modeversender kommt für Kunden aus der Schweiz wie ein Schweizer Online-Shop. Für Schweizer Kunden hat der längst erwartete Schritt erhebliche Vorteile: Unliebsame Überraschungen mit hohen Verzollungsrechnungen an der Haustür sind passé.

Zudem können die Lieferungen mit dem neuen Verfahren schneller in Schweizer Briefkästen gelangen – Amazon wird wohl eine Lieferung innert 24 Stunden anstreben, zumindest für Kunden des hauseigenen Loyalitätsprogramms Prime. Zudem wird Amazon künftig auch jene Sortimente, die bislang nicht in die Schweiz geliefert wurden, sukzessive gegen null zurückfahren. Der Umsatz von heute mindestens 600 Millionen Franken könnte in drei Jahren auf 2,5 Milliarden steigen.

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Sollen also die helvetischen Händler schon mal anfangen, ihr Begräbnis zu planen? Weil ja schliesslich der böse US-Gigant eh alles plattwälzt? Nein!

Digitaler Wühltisch

Erstens: Amazon ist längst ein Konkurrent aller Schweizer Händler. Dennoch florieren gut geführte Schweizer Online-Shops wie Digitec Galaxus, Brack oder auch Exlibris und Dodax – und sind preislich konkurrenzfähig. Zweitens ist Amazon von der Anmutung her so etwas wie ein gigantischer Wühltisch. Die Kunden sind nicht bei Amazon, weil dort das Shoppen Spass macht, sondern weil es praktisch ist und es fast alles gibt. Ausser Emotionen. Wer seinen Kunden – onoder offline – so etwas wie ein Einkaufserlebnis bietet, wird weiterhin Chancen haben. Simpel gesagt: Dem Espresso mit der Freundin im Jelmoli hat Amazon nur Auswahl und Preise entgegenzusetzen.

Obwohl Amazon dank dem Post-Deal im Bereich Mode, Spielwaren und Beauty für mehr Wettbewerb sorgen wird, trifft der Riese in der Schweiz auf Händler, die ihre Hausaufgaben gemacht haben. Das Bestellen des Grabschmucks wäre also verfrüht.
Und übrigens: Das Geld dafür würde man ohnehin besser in Amazon-Aktien investieren.