Wenn alles gut läuft, sollte die Neue Alpentransversale (Neat) im Jahr 2017 eröffnet werden können. Ein Milliardenbauwerk, das - so macht es derzeit den Anschein - den modernen Bedürfnissen des Unbegleiteten kombinierten Verkehrs (UKV) allerdings gar nicht voll entsprechen kann. Dies deshalb, weil bei der Planung der Neat die moderne Entwicklung im Schienengüterverkehr in Europa offensichtlich nicht genügend berücksichtigt wurde.

70 Tunnels sind im Weg

Ein kurzer Rückblick: In den vergangenen Jahren haben sich die Rahmenbedingungen in der Transportlogistik verändert. Immer mehr Güter werden heute von Lastwagen mit Sattelaufliegern transportiert, vor allem Stückgut, aber auch Halb- und Fertigfabrikate. Der überwiegende Teil dieser Sattelauflieger weist heute eine Eckhöhe von 4 m und eine Innenhöhe von 2,7 m auf. Diese 4 m sind die Ursache aller Probleme: Zulaufstrecken zum Nord-Südportal der Gotthardroute können nicht durchfahren werden. Es sind dies rund 30 Tunnels mit einer Gesamtlänge von etwa 20 km sowie rund 70 Brücken über die Geleise. Offenbar war bei der Neat-Planung gar nicht vorgesehen, dass auf der Gotthardroute Sattelauflieger mit 4 m Eckhöhe befördert werden sollen. In der Neat-Wirtschaftlichkeitsstudie von 1997 wurde ein Ausbau der Gotthardstrecke zum 4-m-Korridor gar nicht in Betracht gezogen. Eine Fehlplanung, wie sich jetzt herausstellt.

Nach Auskunft der Hupac AG, dem führenden Operateur im Kombinierten Verkehr auf der Gotthardachse, können mit speziellen (tiefer gelegten) Tragwagen nur Sattelauflieger mit einer maximalen Eckhöhe von 3,80 m befördert werden. Bleibt es bei der momentanen Situation, dann würde die teure Neat die in sie gesetzten Erwartungen nicht voll erfüllen können. Dass die Transporte von Sattelaufliegern mit 4 m Eckhöhe in jüngster Zeit an Bedeutung zugenommen haben, zeigen die Frequenzzahlen am Brenner und am Lötschberg, welche im Jahr 2007 um 14,3% beziehungsweise um 17,3% zunahmen. Auf der Gotthardroute dagegen nahmen die Transporte um 4,3% ab. Gleichzeitig stieg die Zahl der Transitfahrten auf der Strasse - ebenfalls überwiegend mit Sattelaufliegern - um rund 10% an. Ein Trend, der sich auch 2008 fortsetzte.

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Steigende Nachfrage

Derzeit besteht nach Angaben der SBB eine Nachfrage für grossprofilige Züge auf der Nord-Süd-Achse durch die Schweiz von täglich 35 bis 40 Trassees. Darunter fallen die Züge der Rola sowie Züge im Unbegleiteten kombinierten Verkehr mit Wechselaufbauten und Sattelaufliegern bis zu 4 m Eckhöhe. Im Hinblick auf die Inbetriebnahme des Gotthard- und des Ceneri-Basistunnels in rund zehn Jahren prüfen die SBB - nach Auskunft von Mediensprecher Roland Binz - im Auftrag des Bundes, welche Massnahmen auf den Zulaufstrecken zwischen Basel und Chiasso nötig sind, damit im Zeitpunkt der Inbetriebnahme der Neat am Gotthard auch auf dieser Achse 4-m- Trassees möglich sind und damit weitere Nachfragesteigerungen bewältig werden können. Binz weist im Weiteren daraufhin, dass im Hinblick auf die zu erwartende Zunahme der Nachfrage nach 4-m-Trassees in einem ersten Schritt für den kommenden Fahrplanwechsel vom Dezember 2009 eine Erhöhung auf 60 bis 65 Grossprofiltrassees auf der Lötschberg-Achse geplant ist. Erreicht werden soll dies mit gezielten Fahrplananpassungen.

650000 Lastwagen als Ziel

Trotz dieser Massnahmen wird man allerdings nicht darum herumkommen, die notwendigen Ausbauarbeiten an den Tunnels und Brücken auf der Nord-Süd-Achse in Angriff zu nehmen. Schliesslich steht noch immer das Verlagerungsziel von 650000 Lastwagen im Raum, das allerdings auf die Zeit nach der Eröffnung der Neat verschoben werden musste. Werden diese Ausbauarbeiten unterlassen, würde das Verlagerungsziel wohl endgültig eine Illusion bleiben und die Milliarden-Investitionen in die Neat wären schlecht genutzt.