Noch vor wenigen Wochen war der Medizinaltechnik-Experte Stefan Blum überzeugt, dass der «Patient Protection and Affordable Care Act» im US-Kongress keine Chance habe. Blum ist Lead Portfolio Manager des BB Medtech-Fonds.

Inzwischen ist das neue Gesetz Tatsache, und Blum kommt zum Schluss, dass es für die Firmen der Pharma-, Biotech- und Medtech-Industrie im schlechtesten Fall «eine neutrale Sache» ist (siehe auch «Nachgefragt»). Im Vorfeld hatten vor allem Pharmafirmen vor einem Preiszerfall und einem Einbruch der Profite gewarnt.

Roche: «Wir werden profitieren»

Nun sieht alles ganz anders aus, wie eine Umfrage der «Handelszeitung» bestätigt. Kein einziges der angefragten Schweizer Unternehmen befürchtet unter dem Strich negative Auswirkungen. Im Gegenteil: «Wir werden davon profitieren, dass für die ganze Bevölkerung eine allgemeine Krankenversicherung eingeführt und so der Zugang zu medizinischen Leistungen verbessert wird», sagt Roche-Sprecher Alexander Klauser ohne Umschweife. Gleichzeitig werde aber auch der Preisdruck zunehmen. Aber Analysten gehen unisono davon aus, dass die Preissenkungen leicht verkraftbar sind. Und die Aktienmärkte scheinen ihnen recht zu geben.

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Auch Novartis «unterstützt die umfassende Gesundheitsreform. Dank unserer diversifizierten Aktivitäten in einer Anzahl Segmente im Gesundheitsmarkt, einschliesslich Impfstoffe und Diagnostika, Generika und OTC, sind wir für die Zukunft gut positioniert», sagt Konzernsprecher Satoshi Sugimoto. Auf konkrete Auswirkungen angesprochen sagt er: «Weitere Ausführungen machen wir zum jetzigen Zeitpunkt keine.»

Synthes & Co: Nullsummenspiel

Für den Orthopädiekonzern Synthes wird sich wenig ändern. Die Gesundheitsreform-Steuer von 2,3% (siehe Kasten) dürfte den Gewinn zwar etwas schmälern. «Auf der positiven Seite wäre zu vermerken, dass durch die erhöhte Anzahl der Versicherten eine bessere Leistungserbringung für diese zusätzlichen Patienten neuerdings in Frage kommt», sagt Synthes-Sprecher Gilgian Eisner. Das Unternehmen muss sich allerdings gegen einen erhöhten Preisdruck seitens der Spitäler wappnen, da diese weniger Zuschüsse von den Krankenkassen bekommen.

Ähnlich tönt es bei den beiden Zahnimplantateherstellern Nobel Biocare und Straumann. Die Sondersteuer von 2,3% auf den Umsätzen mit Kronen, Brücken, Prothesen und Implantaten in den USA mache konzernweit weniger als ein halbes Prozent aus, sagt Straumann-Sprecher Thomas Konrad. Zudem geht er davon aus, dass die Hersteller diese Steuer auf die Konsumenten übertragen werden.

Optimistisch zeigt sich auch der Laborzulieferer Tecan: «Die Nachfrage nach Tests und Diagnosen wird steigen, weil mehr Menschen versichert sind und zum Arzt oder ins Spital gehen werden», sagt Firmensprecher Martin Brändle. Negative Auswirkungen sieht er keine, und auch von der Sondersteuer ist Tecan nicht betroffen.

NACHGEFRAGT

Stefan Blum, Lead Portfolio Manager, BB Medtech-Fonds

«Kleine Medtech-Firmen werden Lizenzen frühzeitiger verkaufen»

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Die Firmen der Medizinaltechnikbranche müssen in den USA zur Finanzierung des neuen Gesundheitssystems künftig 2,3% des Umsatzes an den Staat abliefern. Wie verkraftet das die Branche?

Stefan Blum: Diese Abgabe kann immerhin von den Steuern abgezogen werden. Bei einem grossen Unternehmen mit einem Grenzsteuersatz von 35% macht es dann unter dem Strich nur etwa 1,7% des Umsatzes aus. Und das ist - zusammen mit dem späten Zeitpunkt - besser als erwartet. Das Wachstum dank den zusätzlichen Versicherten wird das in etwa kompensieren.

Nur kompensieren, bei 32 Mio zusätzlich Versicherten?

Blum: Diese neue Population ist noch relativ gesund. Und die neuen Versicherten sind grösstenteils sehr junge Leute, die wenig Einfluss auf die Medtech-Umsätze haben werden, weil sie weder Herzschrittmacher noch künstliche Hüftgelenke benötigen.

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Was passiert mit kleineren Firmen, die zwar Umsatz, aber noch kaum Gewinn machen?

Blum: Diese trifft es am härtesten. Die Abgabe kann den ganzen Gewinn auffressen. Es war überraschend, dass es im neuen Gesetz keine Ausnahmen für Start-ups und Firmen mit weniger als 50 Mio Dollar Umsatz gab, denn dies war in den Entwürfen noch drin.

Start-ups entwickeln oft innovative Produkte. Wird die Innovation auf der Stecke bleiben?

Blum: Das glaube ich nicht. Aber es könnte dazu führen, dass kleine Unternehmen sich oder Lizenzen frühzeitiger an grosse verkaufen, weil es länger dauert, bis sie Profit machen können. Also eine ähnliche Entwicklung, wie wir sie in der Biotech-Branche beobachten.

Wird die Medtech-Branche die Kosten für die Sonderabgabe nicht einfach auf die Preise abwälzen?

Blum: Ob sie das macht, kann ich schwer abschätzen. Die Pharmaindustrie hat das letztes Jahr getan, sie hat die Preise um durchschnittlich 8% erhöht. Das sorgte für grossen Ärger in der Politik. Daher ist es fraglich, ob es auch die Medtech-Branche versucht. Wenn nicht, wird die Reform eine neutrale Sache sein.

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