GLOBALISIERUNG. Angesichts globaler Herausforderungen wie der Kreditkrise und des Klimawandels braucht es nach Einschätzung von CEO und VR-Präsidenten von Schweizer Firmen, die am WEF in Davos teilnehmen, neue Formen der Zusammenarbeit. «Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, im Alleingang zu agieren», ist Risikokapitalist Peter Friedli überzeugt. «Lösungen müssen mit Rücksicht und gegenseitiger Anerkennung der jeweiligen Interessen angestrebt werden.»

Gerade weil die drängendsten Probleme der Wirtschaft transnationalen Charakter haben, müssten diese in Zusammenarbeit zwischen den Regierungen, der Wirtschaft und der Gesellschaft angegangen werden, ist James Schiro, der CEO der Zurich FS, überzeugt. «Wettbewerb ist nicht immer ausreichend, die Probleme, denen wir heute gegenüberstehen, zu lösen.» Ein Risikomanagement, das an nationalen Grenzen stoppe, werde fehlschlagen. «Dies ist mitnichten ein Ruf nach mehr Regulierung.» Obschon auch Markus Neuhaus, CEO von PricewaterhouseCoopers Schweiz, ein Verfechter des freien Wettbewerbs ist, glaubt er, dass es staatlich verordnete Rahmenbedingungen braucht. «Solche Regeln stellen für die verantwortungsvollen Wirtschaftsteilnehmer keine Last dar, im Gegenteil.» Denn das konstruktive Zusammenspiel zwischen Politik und Wirtschaft stärke beide. Ein Beispiel dafür bietet der Klimawandel, wie Christian Mumenthaler, Head of Life&Health bei der Swiss Re, unterstreicht: «Globale Risiken wie Klimawandel, Naturkatastrophen und die Verknappung von Ressourcen bedürfen grenzüberschreitender Zusammenarbeit und neuer Lösungsansätze.»

Wettbewerb allein genügt nicht

Ivan Pictet, Partner beim Genfer Bankhaus Pictet, erachtet das WEF in Davos als Paradebeispiel für neue Formen des Dialogs. Sie würden helfen, die unterschiedlichen Interessen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Auch CS-VR-Präsident Walter Kielholz sieht darin eine grosse Chance von Davos: «Das WEF-Jahrestreffen ermöglicht es auf einzigartige Weise, Entscheidungsträger aus unterschiedlichen Bereichen zu treffen und sich mit ihnen über Themen auszutauschen, die den Horizont für das eigene Geschäft, aber auch darüber hinaus erweitern.» Auf den Wettbewerb allein will sich der Bankier Ivan Pictet bei der Lösung globaler Herausforderungen allerdings nicht verlassen: «Einfach den Markt entscheiden zu lassen, kann bisweilen kontraproduktiv sein», sagt er. «Ein sozial verantwortliches Unternehmen engagiert sich heute besser für wichtige Umweltfragen und sieht nicht untätig zu.» Allerdings würde eine allzu starke Reglementierung die Privatinitiative ersticken. «Ausgewogenheit und richtiges Mass sind also entscheidend.» Dem pflichtet OC-Oerlikon-CEO Uwe Krüger bei: «Wettbewerb ist wichtig – aber auch klare Spielregeln und Schiedrichter.» Nötig sei dies etwa in der Energiepolitik oder wenn es um die Belange der Entwicklungs- und Schwellenländer gehe, die stärker berücksichtigt werden müssten. Und Börsenpräsident Peter Gomez bringt es auf den Punkt: «Der Wettbewerb wird zwar langfristig alle Beteiligten besser stellen, aber wie sagte schon der Ökonom John Maynard Keynes: Langfristig sind wir alle tot.» Für den Technologieunternehmer André Kudelski bietet eine aktive Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und Staat gute Perspektiven. Der Wettbewerb sei zwar ein ausgezeichnetes Werkzeug, um die Effizienz, die Effektivität und die Kreativität anzukurbeln. «Aber es gehört zu den Rollen des Staates, längerfristig Initiativen zu ergreifen und zu fördern, um das entstehen zu lassen, was noch nicht exisitiert.» Dazu gehöre der Bau der Infrastrukturen. «Zudem obliegt es dem Staat, die Bildung zu fördern und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um im internationalen Wettbewerb der Regionen und Staaten zu bestehen.» Nur so könnten vielversprechende Technologien und Talente ins Land geholt werden.

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Grenzen der Zusammenarbeit

Skeptisch gegenüber einer stärkeren Einbindung von Staaten und globalen Institutionen ist allerdings Daniel Aegerter, VR-Präsident der Armada Investment Group: «Nur wenige traditionelle Institutionen sind wirklich effektiv», stellt er fest. Deren Fokus liegt oft auf den Problemen der Vergangenheit. «Die beste und effektivste Art der Zusammenarbeit ist von Auge zu Auge der Entscheidungsträger, und genau diese Rolle spielt das WEF, um einen Anstoss für Lösungen zu geben.»

Die Macht der gemeinschaftlichen Innovation» lautet das Hauptthema des 38. WEF-Jahrestreffens. «Dieses Motto beschreibt, was die Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft weiterbringt», sagt André Schneider, COO des WEF. «Komplexität, Interessenkonflikte und knapper werdende Ressourcen bleiben die grössten Hürden für nachhaltige Lösungen.» In dieser Situation brauche es Innovation in enger Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Dies ist ganz im Sinne von Bundesrat Hans-Rudolf Merz: «Schrankenloser Wettbewerb ist gnadenlos», sagt er. «Ich stehe ein für eine Wirtschaftsordnung des ökonomischen Humanismus, für eine Gesellschaft und eine Politik, die die Schwachen schützt und Macht begrenzt.»

Noch seien viele Strukturen in unserer Welt zu stark auf die alte Weltordnung ausgerichtet, kritisiert Bruno Raschle, CEO der Adveq-Gruppe. Doch künftig sei «politisches Unternehmertum gefragt, um einen Wettbewerb für neue Lösungsansätze unter den Wirtschaftsnationen auszulösen». Dabei seien auch die Universitäten einzubeziehen, fordert Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne: «Es braucht Reformen, um eine neue Weltordnung zu entwickeln, zu denen auch Universitäten – durch ihre kollektive Intelligenz – beitragen können.» Josef Ming, Partner bei Bain & Company Zürich, erwartet neue Geschäftsmodelle, «welche das Verhältnis zwischen Firmen jenseits der klassischen Kategorien von Lieferanten, Kunden und Konkurrenten umfassen». Die Politik sieht er nicht primär als gestaltenden Akteur. Martin Wittig, Member of the Global Executive Committee bei Roland Berger, warnt vor zu viel staatlichem Einfluss: «Neue Organisations- und Ordnungsansätze, vor allem seitens der Politik und einzelner Staaten, bewirken nur weitere Bürokratisierung.» (