Es fliesst zwar nicht alles in der Schweizer Uhrenindustrie, aber vieles ist doch in Bewegung. Und die aktuellen makroökonomischen Verwerfungen dürften diesen Trend voraussichtlich 2009 noch verschärfen.

LVMH und Hublot

Die Botschaft, dass der französische Luxusgigant Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) die prosperierende Hublot SA für offenbar 480 Mio Fr. gekauft hatte, überraschte im Frühsommer 2008 so manchen wie der Blitz aus heiterem Himmel. Insider hatten freilich schon länger mit einer Änderung der Besitzverhältnisse gerechnet, allerdings in Richtung des alten und vertraglich bleibenden CEO Jean-Claude Biver, dessen Hublot-Misson mit dem Deal keineswegs beendet ist. Immerhin steht das neue Manufakturgebäude in Nyon vor der Fertigstellung und dem Bezug (Dezember dieses Jahres), wartet das eigene Chronographenkaliber auf sein Debüt und sollen die Stückzahlen auf 40000 Uhren per annum klettern.

LMMH wies für 2007 einen konsolidierten Gesamtumsatz von 16,481 Mrd Euro aus. Bei einem Nettogewinn von 2,3 Mrd Euro war der Hublot-Kaufpreis quasi «Peanuts». Durch den Deal dürfte LVMH seinen Umsatz im Uhren- und Schmuckgeschäft (Zenith, TAG Heuer, Louis Vuitton, Dior) nach der Hublot-Konsolidierung locker über 1 Mrd Euro hieven.

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PPR und Sowind

LVMHs Intimfeind, die Gruppe Pinault Printemps Redoute (PPR), ist 2008 ebenfalls nicht untätig geblieben. Der französische Multi mit einem Jahresumsatz von knapp 20 Mrd Euro hat einen wichtigen Schritt getan, um sein mit Gucci und Bedat weiterhin unterentwickeltes Uhrenbusiness auf eine breitere Plattform zu stellen. Nach einer Due-Diligence-Prüfung durch Goldmann Sachs erwarb er im Frühsommer 2008 vorerst 23% der Genfer Sowind-Gruppe mit den Uhrenmanufakturen Girard-Perregaux und JeanRichard.

Der Vertrag sieht vor, dass PPR den Anteil weiter erhöhen kann, Luigi Macaluso seine Sowind-Gruppe aber weiterhin kontrol-liert. Dieses Abkommen beschert Girard-Perregaux und JeanRichard den strategischen und finanziellen Support eines führenden Global Players. PPR profitiert seinerseits von einer beträchtlichen uhrmacherischen Kompetenz.

Swatch Group und Vica

1977 kreierte Vincent Calabrese für Corum die Uhr Golden Bridge mit Stabwerk. 1985 gehörte er zu den Mitgründern der Akademie der unabhängigen Uhrenkreateure (AHCI). In dieser Zeit entstand sein Tourbillon mit exzentrisch positionierter Unruh und normalem Anker, welches die Grundlage für eine Drehgang-Kooperation mit Blancpain bildete. Seit 2008 gehört nun die Vica SA des italienischstämmigen Uhrmachers zu Blancpain. Damit gingen auch die Uhrenmarke Vincent Calabrese, die Produktionsanlagen, die Entwicklungen sowie sämtliche Patente in Blancpain-Eigentum über.

Vincent Calabrese ist neu Mitglied der Generaldirektion der seit 1992 zur Swatch Group gehörenden Blancpain.

Swatch Group und Moebius

Unter das schützende Dach der Swatch Group ist H. Moebius & Sohn geschlüpft. Seit vielen Jahrzehnten schon agiert das Unternehmen als Produzent und Lieferant klassischer und synthetischer Schmiermittel für Uhrwerke. Durch dieses Engagement sichert sich die Swatch Group ein immens wichtiges und – trotz neuer Technologien – langfristig unverzichtbares Know-how auf diesem Sektor.

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Swatch Group und Golay

Swatch als weltgrösster Uhrenkonzern kontrolliert zudem mit dem Erwerb weiterer 65% an der François Golay SA, Le Brassus, den kompetenten Hersteller qualitativ hochwertiger Zahnräder und anderer Uhrenkomponenten fortan vollständig.

Kein Interesse scheint Nicolas G. Hayek indessen an der zahlungsunfähigen deutschen Traditions-Uhrenmarke Junghans zu haben.

Richemont und Roger Dubuis

Bereits 2007 hatte die im Luxussektor nicht minder schwergewichtige Richemont-Gruppe den gewerblichen Geschäftsbereich (Werkeproduktion) der finanziell angeschlagenen Uhrenmanufaktur Roger Dubuis (MRD) samt Gebäude, modernstem Maschinenpark und zirka 200 Mitarbeitern übernommen. Gleichzeitig ging auch der ebenfalls darbende Roger-Dubuis-Vertrieb für dem Mittleren Osten und die USA an Richemont über. Im Sommer 2008 folgte der zweite Akt, in dem Richemont von Carlos Dias dessen 60%igen Anteil an der Marke Roger Dubuis erwarb. Der Rest verbleibt beim Minderheitsaktionär und Dias-Gegner Akram Aljord. Zum Kaufpreis wurden, wie üblich in der Branche, keine Angaben gemacht.

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Zweifellos passt Roger Dubuis als Marke gut ins Richemont-Portfolio. Sie deckt allein schon gestalterisch ein völlig anderes Marktsegment ab und könnte so künftig gegen Franck Muller antreten. Zum Roger-Dubuis-CEO avancierte Matthias A. Schuler, bis dahin Chief Operational Officer der Schaffhauser IWC. 2003 war der 1966 in Augsburg geborene Diplomkaufmann vom Konsumgüter-Multi Procter & Gamble zur IWC gestossen. «Mich haben mechanische Uhren schon immer ausgesprochen interessiert. Aber von alleine hätte ich den Weg zur IWC nicht gefunden. Vielmehr wurde ich von Richemont darauf angesprochen, ob ich nicht künftig hier arbeiten möchte.»

Schuler soll bei Roger Dubuis innerhalb von zwei Jahren einen Marken-Relaunch auf die Beine stellen. Zur Seite stehen wird ihm Claude Vuillemez. Der langjährige Leiter der Cartier-Manufaktur in La Chaux-de-Fonds gilt in Branchenkreisen als ausgewiesener Spezialist in Sachen Uhrenproduktion und Qualitätsmanagement. MRD wird ihre Aktivitäten künftig auf Spitzen-Uhrwerke für Cartier fokussieren.

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Richemont und B.A.T.

Damit Richemont auch für ethische Fonds als Anleger interessant(er) wird, welche beispielsweise Tabak- oder Alkoholaktivitäten strikt ablehnen, hat das Management eine Abtrennung des (rauchenden) Anteils an der British American Tobacco (B.A.T.) vollzogen. Somit gehört die Zukunft einem reinrassigen Konzern für Luxusgüter.

Chow Tai Fook und Milus

Die Übernahme der Werke- und Komponentenfabrikanten Soprod-Indtec-SFT durch die in Hongkong ansässige Peace Mark Holdings Ltd. hatte 2007 in der Schweiz einige Diskussionen ausgelöst. Nun ist das chinesische Intermezzo beendet, weil bei Peace Mark die Augen offenbar grösser waren als der Magen. Als zu schwer verdaulich erwies sich letztlich jedoch die 368 Mio Dollar schwere Akquisition der fernöstlichen, in Singapur beheimateten Sincere-Fachhandelsaktivitäten.

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Die wenig erbauliche Folge: Peace Mark, seit 2002 auch Eigentümerin der Bieler Luxusmarke Milus, wurde wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit liquidiert. Für Milus hält sich der Schaden in Grenzen, denn hier hat nun die ebenfalls auf Luxusgüter spezialisierte Gruppe Chow Tai Fook Co Ltd. (CTF), eine grosse, in Hongkong beheimatete Fachhandelskette, das Sagen. Die 80 Jahre alte CFT mit einem Jahresumsatz von gut 1 Mrd Dollar gehört der Familie des chinesischen Milliardärs Cheng Yu Tung und beschäftigt weltweit 80000 Mitarbeiter.

Festina und SFT

Auch für die SFT Société de Finance et Technologie, Sitten, die Soprod, Reussilles, und die Indtec, ebenfalls in Sitten, ist die Zukunft gesichert. Als Rettungsanker erwies sich die spanische Festina-Lotus-Gruppe von Miguel Rodriguez (60), der 1968 mit umgerechnet 5 Fr. in der Tasche wegen seines Widerstands gegen das faschistische Franco-Regime in die Schweiz flüchtete und sich später vom Tellerwäscher zum Uhrenunternehmer hocharbeitete. Fortan trägt der Werkehersteller Indtec den Namen Soprod Sion.

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Festina-Lotus avanciert mit diesem Geschäft zu einem umfassenden Anbieter auf dem Uhrensektor, denn zur Gruppe gehören auch die Uhrenfabrik DTH im Vallée de Joux, die H5-Holding für Luxusuhren, zu der L. Leroy und Perrelet zählen, und die Festina-Candido Watch. Summa summarum stehen derzeit bei Festina-Lotus im Bereich des Swiss Made gut 500 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste.