In den USA kühlt sich der Immobilienmarkt dramatisch ab. Hat das Konsequenzen für den Verkauf von ­Settop-Boxen und damit für Ihr
Access-­Geschäft?
Kudelski: Wir sehen derzeit keinen direkten Einfluss. Wenn es einen gibt, läuft er über die Konsumausgaben, und das dürfte nur kurzfristig sein. Es ist natürlich etwas anderes, wenn sich dieses Problem auf andere Regionen in der Welt ausbreitet. Aber das haben wir bisher nicht gesehen. In den USA sind wir nur mit OpenTV im Kabelgeschäft vertreten, und das Digitalfernsehen läuft immer noch gut.

Jetzt sprechen Sie über die Konsumentenseite. Was ist mit den Kabelnetzbetreibern?
Kudelski: Unser Hauptkunde hat nicht ein so hoch gehebeltes Geschäft, dass er jetzt in Schwierigkeiten kommen und Investi­tionen herunterfahren müsste. Es werden jetzt neue Lösungen mit neuen Features installiert. Bei etlichen neuen Lösungen lassen sich die Kosten noch besser kontrollieren. Und wenn Kabelnetzbetreiber ihre alten Lösungen weiterbetreiben, haben wir Alternativen. Wie auch immer, es dient unserem Geschäft.

Beeinflusst ein abgekühlter Immobilienmarkt die weitere Einführung des ­
Karten-Mietmodells?
Kudelski: Es ist eine gute Zeit für die Einführung des Mietmodells. Das hängt auch mit der Einführung der neuen Sicherheitstechnologien zusammen. Wir sehen aber keine Beschleunigung über die 10 Mio Wechsler, die wir bei unserem Halbjahresergebnis angekündigt hatten.

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Analysten vermissen Integrations­fortschritte bei OpenTV, wo Sie im letzten Jahr die Mehrheit übernommen haben.
Kudelski: Dazu kann ich nur eingeschränkt Aussagen machen, weil OpenTV an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gelistet ist. Deshalb nur so viel: Die gegenwärtige Ausrichtung zeigt einen Schwerpunkt bei Middleware und wird unverändert beibehalten. Dazu kommen zwei interessante Entwicklungsrichtungen: Neue Lösungen, zu denen interaktive und gezielte Werbung gehören, sowie der ame­rikanische Kabelmarkt. Für uns stellt sich die Frage der Balance zwischen kurzfristig orientierter Wertschöpfung oder Investi­tionen, um OpenTV langfristig optimal zu positionieren.

Welche Eingriffsmöglichkeiten haben Sie hier?
Kudelski: OpenTV hat ein eigenes Management, wir stellen im Board die Mehrheit und haben die Kontrolle über die strategische Ausrichtung.

Wie läuft die Zusammenarbeit auf ­operativer Ebene?
Kudelski: Wir haben gesehen, dass wir gemeinsam erfolgreich auftreten können. So war das gemeinsame Angebot von Nagravision und OpenTV der Schlüssel für den Gewinn eines grossen Auftrags in Indien. Wir sprechen also nicht von Integration, sondern ergreifen gemeinsame Chancen.

Gibt es Pläne, OpenTV weiter in Ihr ­Unternehmen zu integrieren?
Kudelski: Nein, denn OpenTV arbeitet gegenwärtig auch mit den Lösungen von Konkurrenten, und das wäre mit einer weitgehenden Integration nicht mehr möglich.

Stehen weitere Akquisitionen bevor?
Kudelski: Wir haben keine grösseren Akquisitionen geplant. Wir prüfen aber laufend kleinere Zukäufe. Dabei stehen Technologie und Lösungen sowie Markposition im Vordergrund. Wir prüfen immer sehr sorgfältig, ob eine bestimmte Akquisition Sinn macht und ob der Preis gerechtfertigt ist, und gehen dabei pragmatisch vor.

War der Preis für OpenTV rückblickend zu hoch?
Kudelski: Er war vernünftig auf dem Hintergrund der Marktposition, aber hier darf man nicht nur die kurzfristige Sicht, sondern muss auch das langfristige Potenzial berücksichtigen. Zudem war der Zeitpunkt günstig. Der Turnaround wird noch einige Monate beanspruchen. Das Unternehmen ist in einer guten Position, sich langfristig zu entwickeln. Ich glaube fest, dass wir Grossartiges erreichen können.

Ihre Zugangstechnologie war immer ­wieder ein Ziel von Hacker-Attacken.
Ist das Problem unter Kontrolle?
Kudelski: Hacker sind immer aktiv, die Attraktivität ist vom Content und den Funktionen sowie vom Markt und der eigenen Grösse abhängig. Wir sehen weniger Attacken auch dank neuer Settop-Boxen-Technologie. Natürlich gibt es immer wieder Sicherheitsfragen, aber die zu lösen, ist ein kontinuierlicher Prozess.

Wie denn?
Kudelski: Wir haben zwei neue Familien von Sicherheitstechnologien in den vergangenen Monaten auf den Markt gebracht, und danach kommen dann weitere. Diese sind alle auf den Mietmodus optimiert.

Wären nicht Akquisitionen im ­Sicherheitsbereich naheliegend?
Kudelski: Wir haben eigene Lösungen, die sich durch neue Technologien bereits stark verändert haben. Ein Beispiel ist Digitales Zugriffsrecht-Management in Verbindung mit Zugangssystemen. Uns stellt sich auch hier immer die Frage nach der Wahl zwischen drei Optionen: Organischer Eigenentwicklung, punktuellen Akquisitionen oder einer Zusammenarbeit mit anderen Firmen. Denn wir brauchen offene Lösungen.

Die Kudelski-Aktien sind seit Juni um ein Drittel gefallen. Sind die Aktien jetzt richtig bewertet?
Kudelski: Ich kommentiere prinzipiell nicht den Aktienkurs.

Wird die Aktie wieder steigen?
Kudelski: Man muss sich als Anleger das Chancen-Risiko-Verhältnis vor Augen führen. Meine persönliche Meinung ist die, dass wir vielleicht kurzfristig einige Risikofaktoren haben, aber damit verbessern wir unsere langfristigen Chancen. Die Frage ist dann immer, ob man die kurzfristige oder die langfristige Seite bevorzugt.

Und? Welche Wahl treffen Sie?
Kudelski: Wir könnten beispielsweise kurzfristig unsere Margen durch Kürzungen beim Forschungs- und Entwicklungsetat ausweiten und eine höhere ­Profitabilität ausweisen, aber dann hätten wir langfristig weniger Möglichkei-ten, zu wachsen. Und hier ist auch das ­Timing sehr wichtig – wenn wir zu spät sind, hat das grosse negative Kon­sequenzen. Je besser der Finanzmarkt das versteht, desto besser: Wir haben zwar relativ hohe Entwicklungskosten, aber das Potenzial ist entsprechend sehr gross. Bei Kabelnetzbetreibern ausserhalb der USA ist unser Marktanteil mehr als doppelt so hoch wie der grössten Konkurrenten.

Eine der neuen Technologien ist Fernsehen über Breitbandleitungen, das IPTV. Gibt es dazu neue Tests bei Kunden?
Kudelski: Einer unserer grössten Kunden, Neuf Cegetel in Frankreich, nimmt gerade grössere Auslieferungen vor. Bei IPTV ist die zentrale Frage, wie hoch die Kosten der Skalierbarkeit sind, aber das hängt vom Ausrüster der Zentralen ab. Reine IPTV-Netzbetreiber haben nicht die gleichen Kostenvorteile wie die Betreiber hybrider Netze, also von Netzen, die typischerweise Digital-TV-, Rundfunk- oder Kabelnetzbetreiber haben. Und da verfügen wir über klare Wettbewerbsvorteile. IPTV bringt ihnen tiefere Auslieferungskosten und neue Features.

Ein zweites Wachstumsfeld ist das von Mobilfernsehen. Wie läuft es hier?
Kudelski: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um solche Dienste zu lancieren. In Italien ist dies bereits geschehen. In anderen Ländern erwarte ich das eher für 2008. Die Technologie lässt sich rasch ausliefern.

Rechnen Sie damit, dass Handys die ­Fernseher im Wohnzimmer ersetzen ­werden?
Kudelski: Nein. Handys sind eher eine Ergänzung für Menschen, die sehr mobil sind, oder für junge Menschen, die unabhängig fernsehen möchten. Der typische Markt ist ein grosstädtisches Gebiet mit vielen Pendlern, die unterwegs Zugriff auf das Fernsehen haben möchten.

Nicht nur die Kunden, auch das Hersteller-umfeld wandelt sich. So hat Cisco den ­Settop-Boxen-Hersteller Scientific Atlanta gekauft und auch mit Microsoft ist ein ­Riese neu im Markt.
Kudelski: In den Ländern ausserhalb der USA betrachten wir sie eher als Partnerfirmen von uns, weniger als Konkurrenten. Wir haben etliche Auslieferungen, wo wir zusammenarbeiten. Es sind eher die Netzbetreiber, die sich konkurrenzieren, wobei je nach Netzwerk entweder Microsoft-Lösungen oder unsere Lösungen die natürliche Wahl sind - für Zugangssysteme bei hybriden Lösungen sind wir es. Wir sehen uns da nicht in den gleichen Märkten als Konkurrenten, sondern eher als Ergänzung.