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Android noch grün vor Neid

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Seit Kurzem können Schweizer Entwickler Applikationen für Handys mit der Google-Software Android verkaufen. Die Nachfrage nimmt zu, doch das grosse Geschäft läuft auf dem iPhone und bald beim Windows

Von Jorgos Brouzos
am 13.10.2010

Seit wenigen Tagen ist es Schweizer App-Entwicklern möglich, Sofware-Applikationen für Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android zu verkaufen. «Es ist ein grosser Fortschritt, dass die Beschränkung im Android Market aufgehoben wurde», so Joachim Hagger, CTO des Zürcher IT-Unternehmens Netcetera. Es sei für das Ökosystem rund um Android-Handys notwendig, dass Applikationen verkauft werden können. Seit zwei Monaten wird Netcetera von Kunden verstärkt auf Android angesprochen. Die Schweiz ist zwar ein iPhone-Land, doch: «Es ist bald ein Muss, auf der Android-Plattform vertreten zu sein», so Hagger.

Android-Anteil wächst stark

In den USA haben Android-Handys das iPhone von Apple überholt. Laut dem Marktforschungsinstitut Nielsen waren zwischen März und August 32% der verkauften Smartphones mit Android ausgerüstet, dahinter lag das Blackberry von RIM (26%) und erst dann folgte das iPhone (25%). Und Android holt auch in der Schweiz auf. «Android-Geräte von Sony Ericsson, Samsung und HTC erfreuen sich wachsender Beliebtheit, im Speziellen das Galaxy S von Samsung», so Martin Lehmann, CEO der Handy-Kette Mobilezone.

Trotz der Möglichkeiten geben sich hiesige Entwickler höchstens verhalten optimistisch. Ein Erfolg wie der eines kuwaitischen Jungen, der ein iPhone-Spiel fast 1 Mio Mal verkaufte, scheint bei Android eher ausgeschlossen. Das bestätigen die Erfahrungen des jungen Horgener App-Entwicklers iAgentur. Das Unternehmen hat im Ausland bereits Erfahrungen mit kostenpflichtigen Downloads im Android Market gesammelt, etwa mit dem Golf-Programm Golfrules. iAgentur befindet sich in einem äusserst zweckmässigen und fast schon kargen Büro in einem eher anonymen Industriebau. Neben einigen iMac-Rechnern sorgt nur die Aussicht auf den Zürichsee für Ablenkung. «Im App-Store von Apple haben wir 276-mal mehr verkauft als im Android Market», so Martin Schawalder, Chef-Entwickler der iAgentur. Der Hauptgrund ist für Schawalder «das mangelhafte Ökosystem» bei Android: Bei Apple verfügt jeder User automatische über ein iTunes-Konto mitsamt hinterlegten Kreditkartendaten. Das macht das Abrechnen einfacher. «Es ist, wie wenn sie ihr Produkt in einem renommierten Kaufhaus mit hoher Kundenfrequenz präsentieren können», so Schawalder. Apple wird sich daher rasant entwickeln, so Schawalder: «Das Potenzial ist riesig.» Hingegen haben nur wenige einen Google Checkout Account, dem iTunes-Pendant bei Android.

Auch das soeben lancierte Windows Phone 7 von Microsoft ist für ihn interessant, da es eine Lücke zwischen dem regulierten iPhone-Store und dem fast schon zu offenen Android besetzt. Zudem lässt sich auf Smartphones auch spielen - und da hat Microsoft mit den Xbox-Videospielen einen Trumpf im Ärmel. Dennoch bleibt Apple an der Spitze: «Wir investieren 70 bis 80% unserer Ressourcen ins Apple iOS, der Rest ist aufgeteilt auf Windows Phone 7, Android, Blackberry und Palm», so Schawalder.

Unternehmen wollen Apps

Mobil ist der Trend, es ist kein Hype, und Applikationen werden noch die nächsten zehn Jahre boomen. «Jetzt kommen auch grosse börsenkotierte Konzerne zu uns und wollen Apps», sagt Schawalder, vor Kurzem etwa ein internationaler Industriekonzern. Der Markt werde sich in der Schweiz enorm ausweiten. Denn: «Eine App ist noch immer das günstigste Marketinginstrument», so Schawalder. Auch Urs Marti, Geschäftsführer beim Zürcher App-Entwickler iEffects, der die App der Migros-Tochter LeShop entwickelt hat, ist überzeugt: Für die Online-Shop-Anbieter ist es von Vorteil, ihre Lösungen auf andere Handys zu portieren. «Es ist eine Dienstleistung dem Endkunden gegenüber, dass er zum Beispiel auch auf dem iPad eine exzellente App erhält, die er gerne bedient», sagt Marti. Wenn es zwei Internetshops gibt und einer davon verfügt über eine komfortable Applikation, dann werden die Kunden diese auch der reinen Webseite vorziehen.

«Es wird eine Konsolidierung bei den Online-Shops geben», so Marti. Die Überlebenden werden über Applikationen auf jedem erfolgreichen Gerät verfügen. Doch im Moment gibt es noch keine LeShop-App für den Android Market. Der Grund dafür ist einleuchtend: In der Schweiz finden 80% des Internetdatenverkehrs auf Smartphones über iPhones statt. «Es wird noch ein halbes bis ein Jahr gehen, bis automatisch beide Systeme unterstützt werden müssen», sagt Marti. «Die Nutzer sind hungrig nach Innovationen», sagt Yusuf Erkan von Mobileman, dem Zürcher Spezialisten für Strategieberatung und Mobile-IT Engineering. Es genüge nicht, eine Webseite in ein Programm zu verpacken, um erfolgreich zu sein, braucht es benutzerfreundliche und neuartige Applikationslösungen. Doch er warnt auch Unternehmen, die ihr Geschäft zu sehr von Angeboten wie etwa dem App Store oder dem Android Market abhängig machen. «Die Lizenzabkommen sind dynamische Dokumente, auf die sie als Anbieter keinen Einfluss haben», so Erkan.

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