Seit dem US Masters 2008 vor wenigen Tagen hat die Challenge Tour ein nicht zu widerlegendes Argument für ihre Daseinsberechtigung: Trevor Immelman, der südafrikanische Sieger des prestigeträchtigsten Golf-Turniers der Welt, hat seine Sporen einst in der europäischen «zweiten Liga» abverdient. Im Jahr 2000 gewann er sein allererstes Turnier auf dieser Stufe in Kenia (gehört ebenfalls zur Europa-Tour), und als 10. der Jahreswertung qualifizierte er sich für die European PGA Tour.

Zwischenstation für die Jungen

Der heute 28-Jährige ist der prominenteste Beleg dafür, was die Challenge Tour sein soll: Zwischenstation für junge, hungrige Golf-Pros auf dem Weg nach oben. «In der Challenge League kann man sich das Leben nicht verdienen», sagt Alain de Soutrait, der seit 14 Jahren Direktor der Challenge Tour ist. Dies sei auch nicht das Ziel, betont der 56-jährige Franzose, wenngleich rund ein Drittel der qualifizierten Spieler routinierte Pros sind, die die nächste Stufe schon einmal erreicht haben, nach einer Schwäche jetzt aber einen neuen Anlauf zurück ins Oberhaus nehmen.

Der in Südafrika geborene Schweizer André Bossert ist einer von ihnen. Er hat die Annehmlichkeiten der European PGA Tour schon erlebt und empfindet den Kampf ums tägliche Brot auf der Challenge Tour als hart. Nur rund 10% des Preisgeldes sind da im Vergleich zur grossen Europa-Tour zu gewinnen ? «etwa 25% müssten es sein», findet Bossert, der überzeugt ist, 2008 den Schritt zurück nach oben im sechsten Anlauf zu schaffen.

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Beim Niveau kaum Unterschiede

Die grosse Preisgelddifferenz empfindet «Bossy» darum als ungerecht, weil die Leistungsunterschiede nur marginal seien. 2006 betrug das durchschnittliche Siegerscore minus 13,9, wer den Cut (Halbierung des Teilnehmerfeldes nach zwei von vier Runden) schaffen wollte, musste im Durchschnitt Par spielen. «Fände im Wylihof in zwei aufeinanderfolgenden Wochen ein Turnier der Challenge und der European Tour statt, ich bin überzeugt, dass die Scores ganz ähnlich ausfielen», sagt Bossert bestimmt.

Bei aller Kritik der Schweizer Nummer zwei gilt es festzuhalten, dass sich die Challenge Tour seit ihrer Gründung im Jahr 1989 enorm entwickelt hat. Als «Satellite Tour» war sie im ersten Jahr ein wenig strukturiertes Gebilde von 41 Turnieren in acht Ländern. 2008 umfasst sie 32 Turniere mit einem Preisgeld von total 5,1 Mio Euro.

Doch dass pro Jahr durchschnittlich fünf Turnierorte ersetzt werden müssen, belegt, wie hart das Brot ist, das die Veranstalter essen. Die von den Printmedien spärlich beachtete und vom Fernsehen so gut wie verschmähte Tour besucht mittlerweile 22 Länder in vier Kontinenten, eine geografische Ausdehnung, die zwar eine Ausdehnung der Saison auf zehn Monate ermöglicht, aber auch eine Erhöhung der (Reise-)Spesen verursacht.

Auch Ulrich hofft auf Erfolge

Dass die Kosten für einen Spieler der Challenge Tour gross, das Interesse potenzieller Sponsoren aber klein ist, diese Erfahrung hat nach erst einem Turnier auf der Challenge Tour Damian Ulrich bereits gemacht (siehe auch Seite 6. Der 24-jährige Zuger geht ins erst zweite Jahr als Professional, war als «Rookie» in der EPD Tour, einer vorwiegend in Deutschland ausgetragenen Turnierserie der dritten europäischen Stufe, schon sehr erfolgreich. Er beendete das Jahr als Gesamtdritter, was ihm die Spielberechtigung für die Challenge Tour eintrug ? aber nur knapp 18000 Euro an Preisgeld.

Die «Jugi» statt 5-Sterne-Hotels

Für 2008 hat die Nummer fünf der Titleist Swiss PGA Order of Merit Aufwendungen von 120000 Fr. budgetiert ? der 20. der Challenge-Tour-Jahreswertung hat 2007 aber nur rund 56000 Euro verdient. Ein Rang unter den 20 Jahresbesten ist Ulrichs klares Ziel, weil er sich so für die European PGA-Tour qualifizieren würde.

Der Zuger mit gutem Schulabschluss und einer Ausbildung als Golf-Manager geniesst das Leben als Professional, auch wenn es weit entfernt ist vom Luxusdasein, das den gängigen Vorstellungen entsprechen mag. Es sei wohl «näher bei Jugendherbergen als bei Fünfsterne-Hotels», sagte Stefan Gort, der Manager des lokalen Klubs, unlängst anlässlich einer Podiumsdiskussion im GC Wylihof.

Die Namen weiterer grosser Spieler, die in der Challenge Tour einst ihre Sporen abverdient haben ? angefangen bei Costantino Rocca über Tomas Björn zu Bradley Dredge, Michael Campbell, Alex Cejka oder Justin Rose ?, mögen als Antrieb dienen, alles zu investieren, was es zu einer grossen Karriere braucht. Und seit dem Triumph Immelmans sind wir gar mit der verlockenden Vorstellung konfrontiert, im Juli auf den Greens des GC Wylihof einen künftigen Masters-Sieger in Aktion zu sehen.

 

 

NACHGEFRAGT André Bossert, Schweizer Golf-Profi


«Nur wenige zeigen den Biss, den es zum Erfolg braucht»

André Bossert ist die Nummer zwei in der Titleist Swiss PGA Order of Merit, der aktuellen Bestenliste im Schweizer Golf.

Wie wichtig ist für Sie das Heimturnier im Golfclub Wylihof?

André Bossert: Es ist wichtig, weil die Aufmerksamkeit im eigenen Land grösser ist. Also bereite ich mich darauf speziell gut vor. Es ist nicht das wichtigste Turnier des Jahres, aber eines von vier, denen ich eine besondere Bedeutung zumesse.

Ist es denn auch Ihr Lieblings- Turnier?

Bossert: Nein, eher nicht, da der Platz mir nicht wirklich liegt. Die schwierigen Roughs sind für mich kein entscheidender Faktor, weil meine Schläge in der Regel gerade sind. Aber ich spielte in den beiden ersten Turnieren auf den Grüns nicht gut, darum half es mir wenig, dass ich pro Runde 14 bis 16 Mal die Greens in Regulation erreichte.

Sie sind seit einiger Zeit Vater ? und müssen sich mit Ihren 44 Jahren auf der Challenge Tour manchmal auch wie ein Vater vorkommen?

Bossert: Das ist in der Tat manchmal so. Ich sehe die Welt schon ein wenig anders als die jüngere Generation. Aber das gilt es zu akzeptieren.

Spielerisch ist es wohl ähnlich, indem junge Wilde die Bälle um Dutzende von Metern weiter schlagen als Sie?

Bossert: Es hat tatsächlich viele, die die Bälle enorm weit schlagen, aber nur wenige zeigen den Biss, den es zum konstanten Erfolg braucht. Ich sehe in der Regel ziemlich rasch, ob ein Junger die Qualitäten zum grossen Spieler hat. Seit ich vor fünf Jahren mein Comeback auf der Challenge Tour gegeben habe, beobachte ich die anderen auch, wie sie sich bezüglich Fitness, beim Training und in Sachen Disziplin verhalten. Was neben den Turnieren abläuft, ist genauso wichtig. Und meistens haben sich meine Prognosen erfüllt.

Und wie sehen Sie die Situation in der Schweiz, wo das professionelle Männer-Golf in letzter Zeit arg stagniert?

Bossert: Ganz ähnlich. Ich sehe nicht alles, aber ich denke, wer weiterkommen will, muss auch mehr investieren. Nach meiner Meinung fehlt es in der Schweiz an Strukturen und Betreuung. Wir waren in den 90er Jahren diesbezüglich in Europa vorbildlich, doch inzwischen haben uns andere Nationen überholt ? nicht nur die Schweden, die seit langem top organisiert sind, sondern auch Länder wie etwa Österreich.

Wenn man Sie so analysieren hört, fragt man sich: Ist André Bossert dereinst der ideale Schweizer Nationalcoach?

Bossert: Ich möchte meine Erfahrungen gerne jungen Schweizern weitergeben. Aber die Rahmenbedingungen müssten entsprechend sein. Und ich könnte mir anderseits auch vorstellen, mit dem Erreichen des 50. Lebensjahres auf der Senioren-Tour einzusteigen. Denn es gibt nichts Schöneres, als sein Leben als Golf-Professional verdienen zu können.