Vor 15 Jahren wurde in Kirchberg BE mit der Produktion von Velos mit Elektromotoren begonnen. Im hauseigenen Museum wird der «rote Büffel», quasi der Stammvater dieser Stahlesel, gezeigt. Am Anfang war - wie bei vielen Erfolgsgeschichten - eine geniale Idee. Philipp Kohlbrenner aus Kaltacker war es leid, täglich den weiten Weg zur Arbeit mit dem Velo zurückzulegen. Er sorgte mit dem «roten Büffel» für eine eigene Logistikleistung. So einfach begann die Geschichte des Unternehmens Biketec, Herstellerin von Elektrovelos der Marke Flyer. Die Kundschaft ist heute so vielfältig wie unsere bunt zusammengewürfelte Gesellschaft. Und es kommen immer neue Fans dazu. Zunächst war es vor allem die Generation 50 Plus. Dann kamen die 60-Plus-Vertreter hinzu. Es sind Kunden, welche Spass an der Bewegung im Freien haben, aber zuweilen an Gelenk- oder Herzproblemen leiden. Und heute sind es immer mehr Junge, etwa Berufspendler, welche sich kein zweites Auto leisten können oder wollen oder es mit der berufstätigen Frau teilen, sowie die Lohas. Für Uneingeweihte: Lohas steht für Lifestyle of health and sustainability. So tragisch es tönen mag: Die Rezession zeigt sich in diesem Unternehmen von der anderen, der positiven Seite.

Energie sparen beim Fahren

CEO Kurt Schär hat ein probates Beispiel, um Noch-Nicht Flyer-Fahrerinnen und -Fahrer zu überzeugen. «Wissen Sie, dass Sie allein mit einer morgendlichen warmen Dusche mehr Energie verbrauchen als ein Flyer-Fahrer, der 100 km zurücklegt?» Da bleibt einem fast die Spucke weg. Und dann erzählt er die Geschichte von Mathias Jaeggi, dem Vorzeigemann des Unternehmens. Der hat doch tatsächlich 2008 in 99 Tagen 10421 km zurückgelegt, befuhr die 21 Euroländer, erreichte 2,6 Mio Pedalumdrehungen und verbuchte 16 Fr. Stromkosten. Und das alles ohne Doping. Wenn Schär über seine Vehikel spricht, ist er kaum mehr zu stoppen und lädt sofort zu einer Probefahrt ein. Das Fahrgefühl lässt sich nur schwer beschreiben. Man wird wie von Engelsflügeln angetrieben und tut trotzdem etwas für die Gesundheit, weil der Tretvorgang beschleunigt wird. Urs Freuler, ein weiteres Aushängeschild des Hauses, fuhr in Saisonbestzeit über die drei Pässe Susten, Furka und Grimsel. Und brauchte mit dem Flyer nur wenig mehr Zeit als die Besten der Tour de Suisse. «Und wissen Sie, was das Tollste war? Wer mit einem Flyer solche Parforcetouren macht, hat keinen roten Kopf und ist anschliessend total entspannt», erzählt Schär lachend.

Nach so viel Velotechnik wird es Zeit, durch die Produktionsräume zu gehen, in denen diese Fortbewegungsmittel hergestellt werden. Am Anfang des Erfolgs lag eine grosse Logistikleistung. Die Bestandteile kommen aus der ganzen Welt, der Rahmen etwa aus Taiwan, der Sattel aus Italien, die Schaltung aus Japan, Reifen aus Deutschland, Felgen aus der Schweiz. Im Moment hat man nur ein Problem: Diese Teile müssen nicht nur in einem sorgfältig geplanten Rhythmus bestellt werden, weil die Orderspitzen je nach Saison und Wetterlage ändern, sie müssen auch noch gelagert werden und zwar so, dass sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind. Das Produktionskonzept unterscheidet sich wesentlich von jenem der japanischen Konkurrenz. Nicht die Velos «rotieren», sondern die Mitarbeitenden, von denen jeder spezielle Aufgaben hat. «Mit dem Vorteil, dass bei einer Zeitverzögerung für anspruchsvolle Arbeiten nicht vor- oder nachgelagerte Aufgaben blockiert werden», sagt Simon Brülisauer, Leiter Tourismus und Events. Wie sein Chef ist er mit allen Duzis, hat für jeden ein freundliches Wort, und auch er ist kaum zu bremsen, wenn er diese begehrten Velos präsentiert - allen voran ein neues Modell aus Karbon. Pro Tag verlassen derzeit 120 elektrisch angetriebene Fahrzeuge das Haus. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 17000 Fahrräder ausgeliefert, dieses Jahr sollen es nochmals mehr werden. Mit hoher Geschwindigkeit werden jene, welche ins Ausland gehen, in spezielle Kartonbehälter verpackt. «Der Auslandanteil macht etwa 50% aus, Hauptabnehmer kommen aus Deutschland und aus Holland», sagt Brülisauer. Und was er mit Stolz anfügt: Die Flyer haben in der Schweiz einen Marktanteil von fast 70%. Der Umsatz erreichte 2008 45 Mio Fr.

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Umzug bei Vollbetrieb

Die engen Raumverhältnisse im bernischen Kirchberg erfordern eine generalstabsmässige Logistik-planung für die Anlieferung der Container aus Fernost, die Exportware und die Produkte für den Fachhandel. Nahe gelegene Abnehmer holen die Elektro-Fahrzeuge gleich selber ab. Dass der Hersteller bereits wieder auf ein erfolgreiches Jahr hoffen darf, ist nach dieser Besichtigung klar. Aber es steht auch eine schwierige Aufgabe bevor. Um endlich genügend Platz zu haben, ist in Huttwil für 12 Mio Fr. ein Neubau erstellt worden. Die Frage, ob alle Mitarbeitenden an den neuen Arbeitsplatz mitkommen werden, ist schon fast überflüssig. «Klar doch», sagen Brülisauer und Schär. «Und wir suchen sogar noch ein Dutzend neue.» Das Unternehmen verlässt man mit einem guten Gefühl - endlich einmal gute Nachrichten in einer von der Finanzkrise gebeutelten Wirtschaft.