Wie oft schon musste sich Paul Hälg von Analysten anhören, dass seine Strategie anachronistisch sei. Das Industriekonglomerat Dätwyler vereint vier völlig unterschiedliche, auf Nischen konzentrierte Konzernbereiche unter einem Dach. Doch jetzt das: Während die meisten Industriefirmen sich nur allmählich von den Folgen der Finanzkrise erholen, erreicht Dätwyler wieder die Ertragskraft früherer Jahre. Im ersten Semester stieg der Umsatz um fast 20 Prozent und der Betriebsgewinn (Stufe Ebit) erreichte mehr als 10 Prozent. Der Grund? «Dätwyler richtet die Strategie nicht nach Analysten aus», sagt Hälg. Die von Dätwyler bearbeiteten globalen und regionalen Nischen haben laut Hälg unterschiedliche Zyklen - was sowohl die branchenspezifische als auch die globale Entwicklung betrifft. «In Krisenzeiten ist es gerade diese Kombination, welche für Stabilität und Kontinuität sorgt und existenzbedrohende Umsatz- und Gewinneinbussen auf Gruppenebene verhindert», erklärt Hälg.

Harter Sparkurs

Zwei Gründe führten zur Resultatsverbesserung. Zum einen haben sich die Märkte erholt - etwa die Automobilindustrie und der Bau. Zum anderen passte Hälg die Kostenstrukturen rasch an das verschlechterte Umfeld an. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, hatte Dätwyler 2009 die Zahl der temporär Beschäftigten abgebaut, Entlassungen ausgesprochen, Kurzarbeit in den Sparten Gummi und Technische Komponenten eingeführt, die Logistik zentralisiert und lokale Verkaufsstellen im Fachhandel geschlossen. Zudem wurde die Dividende gekürzt.

Der Erfolg dieser Massnahmen zeigt sich etwa im Konzernbereich Technische Komponenten, der technische und elektronische Produkte wie Werkzeuge, Schmierstoffe oder elektronische Bauteile an Firmen verkauft. In allen Regionen ging es aufwärts. «Osteuropa war allerdings dynamischer als Zentral- und Nordeuropa», sagt Hälg.

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Im Fachhandel litt die Maagtech nach wie vor unter der anhaltenden Schwäche der exportorientierten schweizerischen Maschinenindustrie. «Andererseits kamen positive Signale aus Süddeutschland und Frankreich, wo die Nachfrage im ersten Halbjahr deutlich angezogen hat.» Das Betriebsergebnis machte 33 Millionen Franken aus - gegenüber 3 Millionen Franken in der vergleichbaren Vorjahresperiode. Die Ebit-Marge stieg von damals 1,2 auf satte 10 Prozent.

Noch nicht den hochgesteckten Erwartungen entspricht hingegen die Sparte Kabel, die mit einer Ebit-Marge von gut 5 Prozent hinterherhinkt. Woher sollen die Impulse kommen? Hälg räumt ein, dass dieser Portfolio-Bereich noch am stärksten an seiner Nischenposition arbeiten muss. «Wir sind dabei, uns als Generalunternehmer für elektrische und kommunikationstechnische Gebäude-Infrastrukturen sowie für Glasfasernetzwerke zu positionieren.» Als einen ersten Erfolg wertet er den Zuschlag für die Realisierung des neuen Glasfasernetzwerkes in Dietlikon, das wohl weniger wegen der Auftragshöhe, als wegen des Initialcharakters wichtig ist. Landauf, landab evaluieren Gemeinden derzeit solche Weiterentwicklungen ihrer Infrastruktur.

Einmal mehr als konjunkturresistente Stütze erweist sich das margenstarke Geschäft mit pharmazeutischen Verpackungen. «Dieser Markt wächst rund 5 Prozent pro Jahr. Das wirkt sich stabilisierend auf unser Portfolio aus. Als starke Nummer zwei geniessen wir bei den Pharmaunternehmen auf der ganzen Welt eine hohe Akzeptanz. Nicht zuletzt auch darum, weil sich ohne uns eine Monopolisierung abzeichnen könnte», sagt Hälg.

Dätwyler hat ein komfortables finanzielles Polster von rund 200 Millionen Franken Nettoliquidität und eine Eigenkapitalquote von 60 Prozent. Die Bahn für Zukäufe ist frei. In welche Richtung soll die Einkaufstour gehen? «Unser Hauptaugenmerk liegt klar auf dem Konzernbereich Technische Komponenten. Hier wollen wir unsere geografischen Marktpositionen vor allem in Zentral-, Nord- und Osteuropa stärken und ausbauen. In den Sparten Kabel und Gummi sind ebenfalls Arrondierungskäufe möglich», führt Hälg aus.

«Wir sind optimistisch»

Lässt sich der erfreuliche Start nach einer konjunkturbedingt schwierigen Phase auch auf das Gesamtjahr hochrechnen? «Wir sind optimistisch», sagt Hälg. Obwohl das zweite Semester für Dätwyler traditionellerweise schlechter verläuft: Hälg sieht die Guidance für die Ebitmarge zwischen 9 und 10 Prozent, den Nettogewinn bei 90 Millionen Franken und den Umsatz in einem Korridor zwischen 1,3 und 1,35 Milliarden Franken - wobei die erstmals konsolidierte Firma Reichelt 150 Millionen Franken beisteuern wird.