Ernüchtert durch Verluste in der Finanzmarktkrise sind viele Fondsanleger ausgestiegen und haben die erste Aufwärtsbewegung an den Börsen verpasst. Lohnt es sich jetzt noch, bei Aktienfonds einzusteigen?

Martin Thommen: Nach unseren Bewertungsmodellen sind Aktien noch immer unterbewertet. Wir sehen für diese Anlagekategorie weiterhin Potenzial. Zu einer guten Asset Allocation gehören in jedem Fall auch Aktien.

Die hohen Cash-Bestände deuten auf eine weit verbreitete Zurückhaltung bei den Investoren. Konzentriert sich das Interesse der Kunden vor allem auf Geldmarktfonds?

Thommen: Ja, die Risikoscheu bei den Anlegern ist unverkennbar. Die Erfahrung mit den Verlusten mit praktisch allen Anlagearten sitzt tief und führt dazu, dass die Kunden eher an der Seitenlinie stehen. Sie bevorzugen Cash-Investment. Dazu gehören Geldmarktfonds ebenso wie die traditionellen Kontoanlagen.

In der Krise haben einzig die Exchange Traded Funds - die ETF - zugelegt. Werden die Indexfonds jetzt von den Banken forciert?

Thommen: Das Interesse an ETF hat zugenommen. Die Nachfrage kommt derzeit vor allem von den professionellen Investoren und weniger aus dem breiten Publikum. Wir sehen aber auch zunehmend Vermögensverwalter, die Indexfonds teilweise als Bausteine für ihre Anlagestrategie verwenden, weil sie kostengünstig und flexibel sind.

Anzeige

Die Kursliste für Indexfonds wird in der Schweiz und weltweit rasch länger. Besteht nicht die Gefahr, dass zunehmend auch exotische ETF auf den Markt kommen?

Thommen: Bei einem Boom tendieren die Anbieter immer, etwas ins zu Exotische abzuschweifen. Jetzt aber suchen die Anleger verständliche und transparente Produkte. Dafür eignen sich ETF gleichermassen wie traditionelle Anlagefonds.

Was spricht denn für einen aktiv gemanagten Fonds?

Thommen: Die Chance, eine Überrendite zu erzielen. Es gibt an den Märkten immer wieder Asymmetrien und Ausnahmesituationen, die man nutzen kann, um eine zusätzliche Performance zu generieren. Je unsicherer sich die Marktsituation präsentiert, umso mehr Opportunitäten bieten sich für aktive Manager. UBS konnte zum Beispiel in den letzten Monaten aufgrund dieser Opportunitäten in vielen Bereichen eine beachtliche Outperformance gegenüber dem Benchmark generieren.

Langfriststudien zeigen allerdings, dass nur jeder fünfte Fonds eine solche Überrendite erzielt.

Thommen: Die 20% scheinen mir etwas tief, mit 40% würde ich mich einverstanden erklären. Als Anleger haben Sie damit in vier von zehn Fällen die Chance auf eine überdurchschnittliche Rendite, bei einem ETF ist es immer der Durchschnitt. Deshalb wird aktives Management immer ein gewichtiger Teil der Vermögensverwaltung sein.

Eine grosse Zahl an Fonds wurde bereits geschlossen. Hält dieser Trend an?

Thommen: Ja, das geht so weiter, wenn auch nicht in dramatischer Form. Es wird nicht zu Tausenden von Schliessungen kommen. Wir beobachten in der Branche einen generellen Trend zur Konsolidierung. Viele Fonds haben aufgrund der Marktentwicklung deutlich an Vermögen verloren. Nun müssen die Kosten reduziert werden, und das führt gleichzeitig zu einer Gesundschrumpfung. Mit der Entwicklung hin zu einer Guided-Open-Architecture sind die Banken nicht mehr gezwungen, alles selbst anzubieten.

Fondsschliessungen verstossen gegen den Langfristigkeitsgedanken. Der Investor sieht sich beim Wechsel des Fonds einer anderen Anlagestrategie gegenüber und muss allenfalls noch Abstriche beim Vermögen machen.

Thommen: Über die gesamte Industrie hinweg gesehen, kann das im schlechtes-ten Fall zutreffen. Die Anbieter machen dies in der Regel aber wesentlich kundenfreundlicher. Sie schliessen den Fonds nicht, sondern positionieren ihn neu oder fusionieren ihn mit einem anderen Fonds. Man ermöglicht dem Kunden damit den Übergang in ein gleichwertiges Produkt, damit sich die Anlagestrategie nicht ändert.

Suchen die Anleger vor allem Fonds, die einen Kapitalschutz beinhalten?

Thommen: Ja, diesen Trend können wir beobachten. Aber die Investoren sind kritischer geworden und prüfen die Ausgestaltung des Kapitalschutzes genau. Gefragte Alternativen zu Kapitalschutzprodukten sind Geldmarktfonds oder traditionelle Konto-Lösungen. In einzelnen Kundenkategorien spürt man eine gewisse Rückkehr in risikoreichere Anlagen. Dieser Schritt erfolgt allerdings nicht über ka-pitalgeschützte Produkte, sondern eher über Corporate Bonds, High Yield Bonds, Aktienfonds oder ETF.

Die Fondsbranche hat immer komplexere Produkte lanciert, kurz vor der Finanzkrise etwa die Long/Short-Vehikel 130/30. Steht jetzt wieder «Plain Vanilla» im Vordergrund?

Thommen: Durchaus. Anleger meiden momentan Produkte, die einen exotischen Charakter haben. Transparenz und Einfachheit wird gesucht, und dies sollte auch das Markenzeichen der Anlagefonds sein.

Wird zur breiten Diversifikation stärker in global ausgerichtete Fonds investiert oder gibt es weiterhin eine Neigung zum Heimmarkt?

Thommen: Der nationale Reflex steht klar im Vordergrund. Für einen Schweizer Anleger ist die «Swissness» enorm wichtig.

Wie steht es mit den Emerging Markets?

Thommen: Da eröffnen sich die grossen Chancen, aber auch die grossen Risiken. Schwellenländer-Fonds gehören in ein Portfolio, allerdings mit einem beschränkten Anteil, weil allein schon politische Veränderungen die Kurse massiv beeinflussen können.

Sie haben vor Jahresfrist von breit abgestützten Portfolios gesprochen, die 10 bis 15% Hedge-Fonds umfassen sollten. Diese Anlageklasse ist zwischenzeitlich arg unter Druck geraten. Hat sich an der Strategie der UBS deswegen etwas verändert?

Thommen: Nein. Die Hedge-Fonds sind im Vergleich zu den Aktien wesentlich weniger stark gefallen. Wer in der Finanzmarktkrise solche Produkte im Portfolio hatte, ist besser gefahren als jemand ohne Hedge-Fonds. Auch in Zukunft gehören solche alternativen Investments aus Diversifikationsgründen zu einer ausgewogenen Anlagestrategie.

Die strukturierten Produkte haben zulasten der Fonds einen rasanten Aufstieg erlebt. Seit der Krise ist das Angebot massiv ausgedünnt. Gibt es nun eine Rückkehr zum klassischen Finanzinstrument?

Thommen: Davon bin ich überzeugt. Der Anlagefonds wird einer der Gewinner nach der Krise sein. Die Kunden suchen leicht verständliche Produkte mit einem guten regulatorischen Umfeld und einem sehr diversifizierten Gegenparteienrisiko. Das spricht für Fonds. Die strukturierten Produkte dürften ebenfalls an Bedeutung gewinnen, aber die Anleger werden nicht mehr blind in diese Vehikel investieren.

Einzelne Banken trennen sich teilweise oder vollständig vom Fondsgeschäft. Kommt es zu einer stärkeren Konzentration bei grossen Fondsgesellschaften?

Thommen: Das könnte durchaus der Fall sein. Diese Entwicklung steht auch in Verbindung mit der Open-Architecture. Dazu gehört ein Business-Modell, bei dem sich die Bank auf die Beratung konzentriert und die Produkte von einem externen Anbieter erwirbt. Die UBS fährt ein anderes Business-Modell. Wir denken, dass wir mehr Synergien haben, wenn wir integriert arbeiten.

In der Praxis legen aber viele Banken den Kunden die eigenen Fonds ins Depot, weil damit mehr zu verdienen ist.

Thommen: Diese Versuchung ist vorhanden. In einer offenen Architektur bin ich aber dermassen dem Wettbewerbsdruck ausgesetzt, dass ich mit einem schlecht rentierenden Produkt im Vergleich zu Drittprodukten der Konkurrenz keine Chance habe. Die UBS prüft ihre eigenen Fonds nach dem gleichen Muster wie diejenigen der Mitbewerber. Wenn sie nicht konkurrenzfähig sind, fallen sie aus dem Angebot.

Die Schweiz will zu den drei gewichtigsten Produktionsstandorten für die Anlagefonds in Europa gehören. Gemäss dem EU-Entwurf für die Alternative Investment Fund Manager würde die Schweiz als Drittstaat behandelt und Schweizer Asset Manager könnten kaum mehr Produkte im EU-Raum vertreiben. Ist damit das skizzierte Wachstumsszenario hinfällig?

Thommen: Ja, ein Grundpfeiler dieser Strategie war die Konzentration auf das alternative Geschäft. Sollte die EU-Direktive umgesetzt werden, wie das aus dem ersten Entwurf hervorgeht, dann wären Drittländer wie die Schweiz benachteiligt. Hedge- Fonds-Manager würden sich in diesem Fall sehr genau überlegen, ob sie in unser Land kommen, wenn sie die eigenen Produkte im übrigen Europa nicht verkaufen können. Deswegen kämpfen wir gegen diesen diskriminierenden Vorschlag.

Wie stehen die Chancen?

Thommen: Wir sind mit unserem Widerstand nicht allein. Die Amerikaner nehmen als Drittland die gleiche Position ein. Auch die Alternative Manager in London sind gegen eine solche Abschottung in Europa. Es gibt bereits einen Gegenvorschlag, der unter der schwedischen EU-Präsidentschaft entstanden ist und in dieser Beziehung wesentliche Verbesserungen aufweist.

Als Nichtmitglied kann sich die Schweiz auch künftig nicht bei der Mitgestaltung des EU-Fondsmarktes profilieren.

Thommen: Aus diesem Grund fordern wir den EU-Marktzutritt für Fonds. Wir wollen als Finanzplatz gleich behandelt werden, obwohl die Schweiz nicht Mitglied ist. Wegen des Bankgeheimnisses war dies bisher ein schwieriges Unterfangen. Nun sind wir der EU jüngst entgegengekommen und können auch etwas verlangen.