Sei es in der Schweiz, der Eurozone oder den USA: Die Zinssätze für Staatsanleihen sinken. Die Rendite des Obligationenindex der Zürcher Kantonalbank für Anleihen der Eidgenossenschaft mit Laufzeiten von 7 bis 10 Jahren ist zwischen dem 9. und 27. Juli von 3,35% auf 3,03% gesunken. Damit erscheinen Renditen von weniger als 3% plötzlich wieder realistisch. Besonders markant ist der Zinsrückgang in den USA. Am 12. Juni lagen die zehnjährigen Sätze bei 5,21%. Nunmehr sind sie bei 4,79%.
Als Investor kann man zum jetzigen Zeitpunkt durchaus noch auf diesen Zug aufspringen. Die langfristigen Zinsen können noch weiter sinken. Das heisst, man kann sich am Obligationenmarkt engagieren. Aber wer einsteigt, sollte den richtigen Waggon wählen und sich auf Staatsanleihen konzentrieren. Obligationen von Schuldnern mit geringer Kreditqualität sind zu meiden. Wer es doch nicht lassen kann, sollte das nur tun, wenn er die Zeit hat, die Positionen genau zu verfolgen. Und Anleger, die in Franken denken, sollten von Fremdwährungen wie Euro, Pfund oder Dollar Abstand nehmen. Solche Engagements sollten nur dann eingegangen werden, wenn man ein sehr diszipliniertes Management der Währungsrisiken verfolgt.
Stellt sich indes die dringende Frage, wie weit die Zinsen noch fallen können, wie lange es noch dauert und weshalb die Zinsen überhaupt rückläufig sind. Was das Potenzial betrifft, so kann die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen noch bis 4,20% fallen, jene entsprechender deutscher Anleihen bis 3,9%; und in der Schweiz sind Renditen für zehnjährige Eidgenossen von 2,70% durchaus möglich. In keinem der Märkte dürften jedoch die historischen Tiefststände wieder erreicht werden. Der Zinsrückgang könnte sich über die kommenden drei bis vier Monate hinziehen.

*Die Blase ist langsam geplatzt*
Von all den Fragen ist jedoch die nach dem Warum des Zinsrückgangs für die Disposition der Zinsstrategie entscheidend. Die Ursache des Zinsrückgangs ist im Platzen einer der Blasen zu sehen, die sich an den Finanzmärkten in den letzten Jahren aufgebaut hat. Dabei handelt es sich um die wahrscheinlich grösste dieser Blasen, nämlich jene im US-Immobilienmarkt. Die hypothekarischen Verpflichtungen der Haushalte und nicht gewinnorientierten Organisationen haben sich in den vergangenen Jahren explosionsartig entwickelt. Im 1. Quartal 2001 hatten sie noch 4 Billionen Dollar betragen. Im 1. Quartal 2007 waren es schon 9,8 Billionen. Zum Vergleich: Das nominale Bruttoinlandprodukt lag 2006 bei 13,2 Billionen Dollar. Nachdem es zuerst so ausgesehen hat, als ob sich die Probleme im US-Hypothekarmarkt auf Hypotheken von Schuldnern mit geringer Kreditqualität beschränken, zeigt sich immer stärker, dass eine Isolierung auf dieses Marktsegment unwahrscheinlich ist. So wird der Verwaltungsratsvorsitzende und Chef von Countrywide Financial von der «New York Times» mit den folgenden Worten zitiert: «Die Preise für Eigenheime fallen so wie nie zuvor. Ausgenommen zur Zeit der Grossen Depression.»

*Seit 35 Jahren steigende Preise*
Countrywide Financial ist das grösste in der Vergabe von Hypotheken engagierte Unternehmen in den USA und rechnet nicht vor 2009 mit einer Erholung des Häusermarktes. Seit die Häuserpreise von privaten und staatlichen Organisationen erfasst werden, also seit 35 Jahren, sind sie nicht gefallen. Das heisst, nicht nur die Investoren in Hypotheken, sondern auch die amerikanischen Bürger sind plötzlich mit einer noch nie so zu beobachtenden Situation konfrontiert. Countrywide Financial gab zudem bekannt, dass es bei 4,56% der Hypotheken für bessere Schuldner per Ende des 2. Quartals zum Zahlungsverzug gekommen war.
Was sich im Hypothekarmarkt abspielt, lässt sich immer weniger auf diesen beschränken, denn die Ereignisse ziehen weitere Kreise. So gerät der Markt für Wertpapiere, die auf verbrieften Schulden basieren, in Schwierigkeiten. Ein Marktteilnehmer spricht gegenüber Bloomberg sogar davon, dass der Markt zu Beginn dieses Monats praktisch geschlossen war.
Kommen diese Entwicklungen nicht rasch zu einem Halt, kann sich eine Spirale entwickeln, in deren Verlauf es zu einer Kreditrationierung kommt. Und das ist das Schreckensszenario für die amerikanische Notenbank. Gibt es spiralartige Tendenzen und beginnen die Banken, nicht nur neue Kredite nur noch zu zögerlich zu sprechen und Bestehende nicht mehr zu verlängern oder gar zu künden, gerät die US-Wirtschaft sehr rasch in sehr grosse Schwierigkeiten. Darum wird es immer wahrscheinlicher, dass das Fed noch in diesem Jahr die Zinsen senken wird.

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*Inflation noch nicht besiegt*
Gleichzeitig kann man davon ausgehen, dass die anderen grossen Zentralbanken in Grossbritannien, Europa und Japan den Prozess der Zinserhöhungen zumindest verschleppen. Ihnen ist klar, dass, wenn in den US-Finanzmärkten die Musik stoppt und der Dollar in den freien Fall übergehen sollte, die Lage sehr rasch ausser Kontrolle gerät. Diese veränderte Perspektive für die Leitzinsen wird den Obligationenmärkten zuerst einen weiteren positiven Impuls geben. Das heisst, die Zinsen werden sinken. Und zwar sowohl die lang- als auch die kurzfristigen.
Die von den Notenbanken in die Wege geleitete Reflationierung erfolgt aber nicht, weil die Inflation besiegt worden ist, sondern aus Angst vor Turbulenzen im Finanzsystem. Darum bleibt für die Obligationenmärkte das Risiko einer wieder aufkeimenden Inflation. Die kommende Entspannung an den Zinsmärkten dürfte somit nur ein Intermezzo sein, bevor die Zinsen wieder ansteigen.