Wie ist Pictet von der Kreditkrise betroffen?

Nicolas Pictet: Wir sind nicht direkt von der Krise betroffen. Im US-Subprime-Markt haben wir uns nicht engagiert. Auch nicht unsere Fonds. Doch das Private-Banking-Geschäft ist sehr zyklisch. Wenn
die Aktienmärkte fallen, schrumpfen die verwalteten Vermögen, während gleichzeitig die Kosten stabil bleiben. In diesem Jahr kommt hinzu, dass es angesichts der grossen Unsicherheiten sehr schwierig ist, Marktprognosen zu erstellen. 

Befürchten Sie, dass die USA in eineRezession abgleiten?

Pictet: Eine Rezession ist nicht völlig ausgeschlossen. Ich persönlich denke allerdings, dass die USA mit einer Rezession «flirten» werden. Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass – wenn ich mich richtig erinnere – sich die US-Wirtschaft in den letzten 15 Wahljahren nur einmal in einem Wahljahr schwach entwickelt hat.

Wie lange wird die Krise aus Ihrer Sicht noch dauern?

Pictet: Die Krise wird uns wahrscheinlich noch einige Monate beschäftigen. Letztlich ist es eine Frage des Vertrauens. Sobald das Vertrauen in die Finanzmärkte zurückkehrt, verbessert sich die Lage
rasch. Andernfalls könnte die Krise aber noch sehr viel länger dauern.

Setzen Privatbanken in diesem unsicheren Marktumfeld vermehrt auf alternative Anlagen?

Pictet: Die Investitionen in alternative Anlagen werden sicher steigen. Dabei sehe ich bei den europäischen Kunden im Vergleich zu den amerikanischen Kunden noch Aufholpotenzial. 

Der Finanzplatz Schweiz soll für Anbieter von alternativen Anlagen attraktiver werden. Welche Fortschritte wurden bisher mit dem Masterplan erzielt?

Pictet: Der Zweck des Masterplans ist es, dass die Schweiz ein dynamisches Finanzzentrum bleibt. Fondsmanager und Trustmanager sollen sich hier ansiedeln. In einem kleinen Land ist es schwierig, Talente anzuziehen. Der Fondsmanager hat zum Beispiel weniger Möglichkeiten, den Arbeitgeber zu wechseln wie in London oder New York. Zudem müssen regulatorische Hürden abgebaut werden.

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Wird der Masterplan Erfolg haben?

Pictet: Das hängt von den staatlichen Behörden ab.

Was tun die Privatbanken, damit der Finanzplatz Schweiz wieder zur Nummer drei aufrückt?

Pictet: Wir engagieren uns in der Privatbankenvereinigung. Diese Vereinigung organisiert zweimal pro Jahr ein Nachtessen für Parlamentsmitglieder, um ihnen die Herausforderungen für den Finanzplatz
bewusst zu machen. 

Was macht Pictet als einzelne Bank? 

Pictet: Wir sind in der letzten Zeit sehr schnell gewachsen und stellen laufend Mitarbeiter aus der ganzen Welt ein. Auch in Zukunft werden wir mehr Fachkräfte aus Indien oder China brauchen. Der Masterplan ist ein Kampf für den Finanzplatz Schweiz, nicht für Pictet.

Es spielt für Pictet keine Rolle, wenn der Masterplan scheitert? 

Pictet: Das würde ich nicht sagen. Der Masterplan ist in die Zukunft gerichtet, und dieses Problem wird sich noch verschärfen. Doch am Ende ist es schon so: Wenn wir unser Geschäft nicht mehr in der
Schweiz betreiben können, machen wir es halt irgendwo anders.

Wie stark spüren Sie den Kampf um Talente schon heute?

Pictet: Dieser Kampf ist real und wird sich noch zuspitzen. Um Talente zu gewinnen, braucht es eine gute Personalabteilung. Ich selbst bin bei Pictet für Human Resources zuständig. Eine erfolgreiche Personalpolitik ist eine Kombination von verschiedenen Faktoren. Man muss den Mitarbeitern Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Firma bieten. Immer wichtiger wird auch, den Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie nicht auf sich allein gestellt sind.

Und das Gehalt ...

Pictet: Das Gehalt ist nicht der wichtigste Faktor. Dafür ist das Ansehen der Bank entscheidend. Der Mitarbeiter muss stolz sein auf seine Arbeit und seinen Arbeitgeber. Und Firmen sollten für ihre Mitarbeiter sorgen.

Sie bezahlen keine überdurchschnittlich hohen Saläre...

Pictet: Neben all den genannten Dingen müssen wir dafür sorgen, dass unsere Mitarbeiter finanziell korrekt behandelt werden. Wir bezahlen marktkonforme Gehälter. 

Behandeln Sie Ihre Mitarbeiter besser als andere Banken? Gibt es spezielle Sozialprogramme?

Pictet: Nein, aber unsere Partner-Struktur bietet besondere Vorteile. Wir sind alle schon sehr lange Partner bei Pictet. Ich bin seit 1991 dabei und werde noch lange Zeit Partner bleiben. Ich sorge dafür, dass die Mitarbeiter gerne bei uns arbeiten. In anderen Organisationen, die an sehr kurzfristigen Umsatz- und Ertragszielen orientiert und sehr produktgetrieben sind, fühlen sich die Mitarbeiter oft als Mittel zum Zweck. 

Ist Ihr Modell also jenem etwa der Grossbanken überlegen? 

Pictet: Lassen Sie mich dies aus Sicht eines Kunden beantworten. Als Kunde wäre es mir wohler, dem Besitzer der Bank gegenüberzusitzen, der die Verantwortung trägt und keinem kurzfristigen Druck ausgesetzt ist.

Kann Pictet von der Misere der UBS und anderer Banken profitieren? Haben bereits enttäuschte Kunden bei Ihnen angeklopft?
 
Pictet: Nein, und wir mögen es auch nicht, von der Krise zu profitieren. Denn das bedeutet immer auch, dass die Kunden zu uns kommen, weil sie Angst haben, anstatt sich mit einem kühlen Kopf
zu entscheiden. Davon abgesehen konnte der Neugeldzufluss zuletzt jährlich um über 30% gesteigert werden.
 
Wie lief es 2007?  

Pictet: Im letzten Jahr sind uns 39 Mrd Fr. an Neugeldern zugeflossen. Wir haben damit also etwas weniger Neugeldzufluss als im Jahr zuvor, als wir 45 Mrd Fr. an neuen Geldern anziehen konnten. Die Zuflüsse verteilen sich übrigens relativ gleichmässig auf unsere drei Geschäftsfelder
Private Banking, Asset Management und Fonds. 

Konnten im Fondsgeschäft Marktanteile gewonnen werden? 

Pictet: 2007 war das beste Jahr bezüglich Neugeldzufluss für das Fondsgeschäft. In Japan sind wir bereits die Nummer eins, und in Europa konnten wir in vielen Ländern – auch in der Schweiz – unseren
Marktanteil ausbauen. Natürlich sind auch Gelder abgeflossen, aber vorwiegend im allgemein schwierigen Bereich Fixed Income. Dafür haben die Aktienfonds viele Neugeldzuflüsse verzeichnet. Für das Fondsgeschäft kann ich einen sehr positiven Ausblick geben. 

Und für das gesamte Geschäft, rechnen Sie für 2008 mit ähnlichen Neugeldzuflüssen wie im letzten Jahr? 

Pictet: Die Pipeline sieht diesbezüglich gut aus, aber die Turbulenzen an den Börsen werden sicher Spuren hinterlassen. Gewinnzahlen macht Pictet nicht publik. Durchschnittlich haben die Genfer  Privatbanken ihre Gewinne 2007 um 20% gesteigert.

Wie schneiden Sie im Vergleich ab? 

Pictet: Wir liegen über dem Durchschnitt, spezifischer kann ich nicht werden. 

Pictet ist in seiner 200-jährigen Geschichte ausschliesslich aus eigener Kraft gewachsen. Sind künftig auch Akquisitionen möglich?

Pictet: Organisches Wachstum ist unser Prinzip. Seit ich Partner bin, hatten wir manchmal Opportunitäten, und wir haben immer nein gesagt. Denn für die Mitarbeiter ist eine Fusion immer mit einem kulturellen Schock verbunden, sie sorgen sich um ihre Zukunft und fragen sich, welche Rolle sie in der neuen Organisation spielen werden. Und wer sich Sorgen macht, kümmert sich weniger um die
Kunden. 

Und Kooperationen? 

Pictet: Bei Kooperationen würden wir nicht nein sagen, aber die Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, waren nicht sehr überzeugend. Wir haben festgestellt, dass das  Verantwortungsgefühl sinkt, wenn die Verantwortung geteilt wird.

Gehört zu Ihrem Expansionskurs auch die Eröffnung von weiteren Niederlassungen? 

Pictet: In diesem Jahr nicht. Der Grund ist einfach: Wir haben in der letzten Zeit viele neue Niederlassungen aufgebaut. Zuletzt in Barcelona. Jetzt werden wir uns darauf konzentrieren, diese zu entwickeln.