Der Pharmariese Novartis kommt mit einem Unternehmen von Milliardär Ernesto Bertarelli ins Geschäft. Der Basler Pharmakonzern lizenziert drei Antiinfektiva-Programme aus der Antibiotikaforschung an Boston Pharmaceuticals aus. Das Unternehmen gehört zu Gurnet Point Capital, dem Gesundheitsfonds der Familie Bertarelli. Novartis-Chef Vas Narasimhan hatte im Juli verkündet, die Antibiotikaforschung einzustellen.

Bei den drei Produktkandidaten handelt es sich um Wirkstoffe zur Bekämpfung restistenter gram-negativer Bakterien. «Der Bedarf nach neuen Antibiotika ist offensichtlich und wir freuen uns, mit Boston Pharmaceuticals einen Partner gefunden zu haben, der die Expertise und die Ressourcen hat, um diese weiter zu entwickeln», sagt Jay Bradner, Chef des NIBR, der weltweiten Forschungsorganisation von Novartis.

Novartis hat weiter den Fuss drin

Finanzielle Details zum Deal wurden keine bekannt. Vorgesehen ist eine Upfront-Zahlung an Novartis. Dazu kommen Lizenzeinnahmen und Milestone-Zahlungen im Falle einer erfolgreichen Kommerzialisierung der drei Kandidaten. Zudem wird Novartis an den beiden Unternehmen, die Boston Pharmaceuticals zur Weiterentwicklung der drei Kandidaten gründen wird, und damit auch an einem möglichen kommerziellen Erfolg beteiligt.

Rob Armstrong, CEO von Boston Pharmaceuticals, zeigte sich erfreut über das Zustandekommen der Vereinbarung. Zwei der drei Wirkstoffe seien komplementär in ihrem Wirkungsmechanismus, was die Erfolgschancen verbessere. Einer der Wirkstoffe werde möglicherweise bereits 2020 auf den Markt kommen. Gleichzeitig mit den Novartis-Wirkstoffkandidaten hat Boston Pharmaceuticals fünf Anbtibiotikaprogramme der britischen GSK übernommen, womit das Bertarelli-Unternehmen zu einem bedeutenden Akteur auf dem Feld der Antibiotikaforschung avanciert. Das Unternehmen wurde 2015 als Ableger des anfänglich mit 2 Milliarden Dollar ausgestatteten Gurnet Point Capital gegründet, dem Gesundheitsfonds der Familie Bertarelli. Das Unternehmen wurde mit 600 Millionen Dollar ausgestattet.

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Resistenzen sind eines der grössten Gesundheitsprobleme

Antibiotika-Resistenzen gehören zu den drängendesten ungelösten Problemem der öffentlichen Gesundheit. Bei den nun von Boston Pharmaceuticals übernommenen Novartis-Programmen geht es um die Bekämpfung von CRE, einer der gefürchteten Krankenhausinfektionen, und resistente Pseudomonas – beides Infektionen, die von den US-Centers for Disease Control and Prevention und der Weltgesundheitsorganisation WHO als bedeutende Risiken für die öffentliche Gesundheit eingestuft wurden.

Trotzdem hat Novartis-Konzernchef Vas Narasimhan entschieden, sich aus der Antibiotikaforschung zu verabschieden. Dem Entschluss fielen 140 Stellen in Emeryville in der Francisco Bay zum Opfer. Der Schritt war Teil einer Strategie, die Forschung und Entwicklung auf drei Bereiche zu fokussieren: Krebs, Neurowissenschaften und ophtalmologische Medikamente.

Big Pharma auf dem Rückzug

Mit Novartis hatte sich eine weitere grosse Pharmafirma aus der Antibiotikaforschung verabschiedet. Die Amsterdamer Nichtregierungsorganisation Access to Medicine Foundation war 2017 in einem Bericht zum Schluss gekommen, dass nur noch acht grosse Pharmafirmen bedeutende Antibiotikaprogramme hätten.

Lord O'Neil, ehemals Chef-Ökonom von Goldman Sachs und Verfasser eines viel beachteten Antibiotika-Berichts der britischen Regierung von 2016, sagte im Juni diesen Jahres allerdings: «Ich denke, das war sehr grosszügig.» Er sei schockiert über die «endlosen Beteuerungen der Industrie, wie wichtig es sei, die Resistenzen zu bekämpfen, und den Mangel an konkreten Initiativen, und, noch wichtiger, den Mangel an Geld, den sie bereit ist, dafür zur Verfügung zu stellen». Seiner Meinung nach sind noch drei Pharmafirmen wirklich in der Antbiotikaforschung engagiert, darunter Roche.

«Das Geschäftsmodell lebt, der Bedarf wird steigen»

Ein Grund für den Rückzug ist die Schwierigkeit, ein Geschäftsmodell für neue Anbiotika zu finden. Die medizinische Notwendigkeit gebietet es, Antibiotika, die gegen resistente Keime wirken, nur dann einzusetzen, wenn sie wirklich indiziert sind, um eine erneute Resistenzbildung zu verhindern. Das verträgt sich schlecht mit Gewinnorientierung, weshalb es immer wieder Versuche gab, die Anreize zu verbessern – bis jetzt allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.

«Ich habe keinen Zweifel, dass es ein Geschäftsmodell gibt», sagt Rob Armstrong von Boston Pharmaceuticals. Die Resistenzen nähmen weltweit zu, der Bedarf steige. «Ich bin zuversichtlich, dass sich mit Antibiotika auch Geld verdienen lässt.»

Novartis sucht nun noch nach Lösungen für zwei verbleibende Programme aus der Antibiotikaforschung, darunter eines gegen Clostridium difficile, eine potentiell lebensgefährliche Störung der Darmflora.