Für den britischen Investor Jeremy Grantham ist der US-Aktienmarkt rund 65 Prozent überbewertet – entsprechend hält der Co-Gründer und Chef-Stratege des Vermögensverwalters GMO fest: «Der Bullenmarkt könnte jederzeit zu einem Ende kommen.» Trotzdem ist Grantham eher der optimistischen Gilde zuzuordnen: «Die Wahrscheinlichkeit liegt über 50 Prozent, dass er für ein oder zwei Jahre weitergeht.»

Geradezu euphorisch präsentieren sich dagegen traditionellerweise die Analysten, die Apple unter die Lupe nehmen: Gemäss Daten des Finanzdienstleisters Bloomberg rechnen zwei Drittel von ihnen mit einem weiter steigenden Aktienkurs – nur gerade vier von 64 sprechen eine Verkaufsempfehlung aus. Beispiele für Kursziele: 630, 650, 690, 700 Dollar – Werte also, die noch vor wenigen Wochen ins Reich der Fantasie geschrieben worden wären.

1000 Dollar als Traummarke

Nun hat die Apple-Aktie erstmals seit Herbst 2012 wieder die Marke von 600 Dollar zurückerobert, nachdem der Kurs vor rund einem Jahr mit 388 Dollar den vorläufigen Tiefpunkt seines Absturzes erreicht hatte. Noch im Sommer 2012 sah die Welt ganz anders aus: 700 Dollar wurden geknackt – nicht wenige Finanzexperten träumten bereits von 1000 Dollar und mehr.

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Der Konzern um Firmenchef Tim Cook ist seit jeher an der Börse ein Phänomen: Im Vorfeld von Quartalszahlen oder Produktvorstellungen werden die Erwartungen jeweils so hoch geschraubt, dass die Investorengemeinde im Nachhinein eigentlich nur enttäuscht sein kann. In der Tat hat Cooks Mannschaft produktseitig zuletzt keine ganz grossen Würfe zeigen können (gespannt wartet man auf das neue iPhone im September und konkrete Informationen zur iWatch), die Kasse des Konzerns füllt sich aber derart kontinuierlich, dass es manchem Konkurrenten das Wasser in die Augen treibt.

Aktiensplit vergrössert Anlegerbasis

Für den Kursschub sorgte sicherlich die Ankündigung des Aktiensplits im Verhältnis von 1:7, was die Zahl der potenziellen Investoren grundsätzlich erhöht. Kommt hinzu, dass Apple punkto Bewertung durchaus realistische Werte ausweist: Das Kurs/Gewinn-Verhältnis ist mit 14x für einen Technologiekonzern moderat, das sogenannte PEG-Ratio (Kurs/Gewinn-Verhältnis geteilt durch das Wachstum) liegt bei 0,9 – Werte unter 1 gelten als attraktiv.

Doch es gibt mittlerweile Gegenwind: So sagt der New Yorker Hedgefonds-Manager David Einhorn: «Es gibt einen klaren Konsens, dass wir die zweite Tech-Blase innerhalb von 15 Jahren erleben». Er wettet gegen den Tech-Hype – hat dabei aber natürlich auch vor allem Firmen wie Twitter oder Facebook im Visier. Die Twitter-Aktie büsste am gestrigen Dienstag an nur einem Handelstag fast 20 Prozent ihres Wertes ein.

Die auf Stimmungen an den Finanzmärkten spezialisierte Forschungsfirma Sentix sieht Anzeichen, dass «der seit 2006 bestehende strukturelle Technologie-Optimismus zu Ende» gehen dürfte – der jüngste Indikator wies im April den zweitstärksten Rückgang in seiner bis 2002 zurückreichenden Historie auf.