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Apple Pay? Twint fürchtet vor allem Bargeld-Fans

Twint gegen Bares: Findet hier das wahre Duell statt? Keystone

Twint will das mobile Zahlen in der Schweiz massentauglich machen – bisher allerdings bevorzugen die Kunden Bares. Twint-Chef Keissler will darum mit finanziellen Anreizen Überzeugungsarbeit leisten.

Veröffentlicht am 29.06.2016

Mobile Payment ist das Wort der Stunde in der Schweizer Finanzbranche. Der grössere Konkurrent als Apple Pay ist für den Schweizer Anbieter Twint indes die Gewohnheit der Kunden.

Thierry Keissler hat ein ehrgeiziges Ziel. Bis Ende 2017 sollen eine Million Kunden in der Schweiz die App zum Zahlen nutzen. Das sagte der Twint-Chef am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur sda am Rande des Swiss International Finance Forum (SIFF) in Bern.

Am liebsten Zahlen Schweizer mit Bargeld oder Karte

Stand heute sind die Apps Twint und Paymit, die im Herbst zu einer einzigen Anwendung zusammengelegt werden, erst auf rund einer halben Million Handys installiert. Die Zahl der aktiven Nutzer ist noch deutlich kleiner. Am liebsten zahlen die Schweizer noch immer mit Bargeld oder kontaktlos mit der Karte.

Das Geschäftsmodell von Twint werde nur dann erfolgreich sein, wenn für den Kunden ein klarer Mehrwert ersichtlich sei, gibt Kneissler denn auch unumwunden zu. «Twint wird mehr sein als nur Payment», verspricht er. Ein Anfang in diese Richtung ist gemacht: So kann beispielsweise die Coop Supercard bei Twint hinterlegt werden. Jedes Mal wenn der Kunde seine Einkäufe mit der App bezahlt, werden die Punkte automatisch abgebucht. Die Plastikkarte wird dadurch obsolet.

Pilotversuche sind am Laufen

Doch es soll noch weitergehen. Laut Kneissler kann heute bereits bei mehreren tausend Händlern mit dem Handy bezahlt werden. Diese sollen schon bald gezielt Coupons für Twint-Kunden freischalten können. Entsprechende Pilotversuche laufen. Wer mit der App bezahlt, erhält so einen Rabatt auf seine getätigten Einkäufe.

Auch das Hinterlegen von Stempelkarten soll demnächst möglich sein: Nach zehn Sandwiches, die in der Bäckerei mit Twint bezahlt werden, ist das elfte gratis. Zudem werden Abholservices getestet. Wer zeitlich knapp dran ist, kann auf dem Weg zum Bahnhof via Twint einen Kaffee bestellen und bezahlen und diesen dann ohne Wartezeit an der Theke abholen.

Beschleunigung von Prozessen

Neben finanziellen Anreizen sieht Kneissler auch in der Beschleunigung von Prozessen einen Kundenmehrwert. Bis Ende Jahr will Twint bei ersten Restaurants seine Zahlfunktion anbieten: Die Tische sind mit einem QR-Code ausgestattet, die der Kunde nach dem Essen mit der App scannen kann.

Da Twint eine direkte Verbindung ins Kassensystem des Restaurants hat, erkennt das Programm die Tischnummer und generiert die Rechnung. Der Betrag wird anschliessend automatisch abgebucht - das Warten auf den Kellner entfällt.


«Apple Pay ist nicht wirklich innovativ»

Twint gehe im Anwendungsbereich deutlich über das hinaus, was Apple Pay anbiete, sagt Urs Rüegsegger, CEO des Finanzdienstleisterin Six. Der Konzern ist neben den fünf grössten Schweizer Banken und den Detailhändlern Coop und Migros einer der Besitzer von Twint und fungiert als Acquirer, also als Zahlungsabwickler im Hintergrund.

«Apple Pay ist nicht wirklich innovativ, sondern funktioniert als klassische Kreditkartentransaktion», gibt Rüegsegger zu bedenken. Dank der Innovationen, die Twint als Ersatz zum Bargeld bietet, ist er zuversichtlich, dass sich der nationale Standard von Twint neben dem internationalen Standard von Apple Pay wird etablieren können.

Dennoch könnte die Technologie für Twint zum Stolperstein werden. Apple verweigert den App-Entwicklern bis anhin den Zugriff auf die NFC-Schnittstelle. Nur Apple Pay wird die Kommunikation via Near Field Communication (NFC) erlaubt. Dabei wäre dies die einfachste und schnellste Technologie. Das Hinhalten des Handys an den Zahlterminal genügt, dass Öffnen einer App oder Scannen eines Codes entfällt.

Hoffen auf die Wettbewerbsbehörde

Rüegsegger sagt denn auch klar, dass die Monopolisierung der NFC-Schnittstelle durch Apple ein Problem für Twint darstellt. Die starke Verbreitung von NFC in der Schweiz seit der Einführung der kontaktlosen Kreditkarten zeige, dass die einfache Handhabung einem klaren Kundenbedürfnis entspreche. «In der digitalen Welt geht es um Convenience».

Der Six-Chef wünscht sich denn auch, dass Apple die Blockadepolitik aufgeben würde. «Es wäre auch interessant zu hören, was die Wettbewerbsbehörde dazu sagt. Wir denken Apple betreibt hier eine Behinderung des Wettbewerbs», kritisiert Rüegsegger. Für den Fall, dass Apple die NFC-Schnittstelle auf den iPhones dereinst tatsächlich freigeben sollte, wäre die neue Twint-App auf alle Fälle gerüstet. Sie wird technologieoffen konzipiert und funktioniert neben Bluetooth und QR-Codes auch mit NFC.

Blackrock-Techchef Tom Fortin über digitale Vermögensverwaltung:

 

(sda/me)

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