Die fortschreitende Globalisierung lässt auch die na-tionalen Arbeitsmärkte zusammenwachsen und führt zu einer erheblichen Ausweitung des global verfügbaren Arbeitsangebots. Hiervon profitiert die Schweizer Wirtschaft unter anderem durch Migration. Massgeblich dafür ist eine durch die Umsetzung des Personenfreizügigkeitsabkommens liberalere Migrationspolitik. Für Bürger aus dem EU/EFTA-Raum erleichtert sich schrittweise der Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt, wobei die Integration mit den «alten» EU-Mitgliedern, den EFTA-Staaten und den beiden Mittelmeerinseln Malta und Zypern besonders weit vorangeschritten ist. Dies hat unweigerlich volkswirtschaftliche Konsequenzen.

Positive Effekte überwiegen

Der Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte lindert direkt den im Zuge der aktuellen Hochkonjunktur eingetretenen produktionshemmenden Arbeitskräftemangel, ohne dass es zu einer Verdrängung der Schweizer Arbeitskräfte kommt. Zudem nimmt der Lohnauftrieb ab. Hierzu trägt die Arbeitskräftezuwanderung auch dadurch bei, dass die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht im Rahmen der Lohnverhandlungen geschwächt und somit die Lohndynamik gedämpft wird. Die Immigration zusätzlicher Arbeitskräfte beeinflusst die Parameter der Verhandlungsmacht. Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an der Gesamtzahl der Beschäftigten und der Zentralisierungsgrad verringern sich, während die (potenzielle) Konkurrenz um die Arbeitsplätze zunimmt.
Mittel- bis längerfristig erfährt der Schweizer Arbeitsmarkt durch die Zuwanderung gut ausgebildeter Arbeitskräfte eine «Auffrischung». Eine höhere Arbeitsproduktivität ist die Folge. Insbesondere über eine Veränderung der Qualität der Arbeit (Humankapital) übt die Immigration Einfluss auf die Entwicklung der Arbeitsproduktivität aus. Seit Inkrafttreten des Personenfreizügigkeitsabkommens nimmt der Bildungsstand der Neuzugewanderten eindeutig und akzentuiert zu. Die Schweiz erfährt ein «brain gain». Die migrationsbedingt höhere Verfügbarkeit gut ausgebildeter Arbeitskräfte steigert die Arbeitsmarkteffizienz. Es wird eine bessere Übereinstimmung zwischen angebotenen und nachgefragten Qualifikationen erreicht. Zusammen mit einer schwächeren gewerkschaftlichen Verhandlungsmacht könnte sich hierdurch die strukturelle Arbeitslosigkeit tendenziell verringern.
Die positiven Arbeitsmarkteffekte der Migration strahlen auch auf die Gesamtwirtschaft aus. Höhere Arbeitsproduktivität und gestiegenes Arbeitsvolumen – Letzteres aufgrund einer höheren Erwerbsbeteiligung, einer Zunahme von Erwerbsbevölkerung und Beschäftigungsquote – münden in einen Anstieg des Potenzialwachstums.

Selbstreinigungsmechanismus

Im Falle einer konjunkturellen Abkühlung wird die Arbeitslosenrate temporär ansteigen. Dabei dürfte die Reaktion aufgrund der grösseren Sesshaftigkeit der ausländischen Erwerbsbevölkerung spürbarer ausfallen als in den vergangenen Rezessionen. Übersteigen aber die Vorteile einer erneuten Auswanderung deren Kosten, wird ein Teil wieder ausreisen. Dies dürfte insbesondere bei den gut ausgebildeten Erwerbstätigen rasch der Fall sein, da diese bestrebt sind, dass ihre längere Ausbildungszeit ansprechend entgolten wird. Der globale War for Talents wirkt somit als Selbstreinigungsmechanismus des Marktes.

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Patrick Muhl und Dennis Brandes, Economic Research, Credit Suisse, Zürich.