Jurist, Politiker, Professor - mit welchem Hut arbeiten Sie als Präsident der EUA?

Jean-Marc Rapp: Entscheidend ist, dass ich ein profunder Kenner der schweizerischen wie der europäischen Hochschullandschaft bin. Die halbe Arbeitszeit gehört wieder der Universität Lausanne und meiner Professur in Handelsrecht. Präsident der EUA zu sein, ist zuerst eine politische Funktion im Dienste der Universitäten zur Umsetzung des Bologna-Prozesses und der EUA-Programme für Bildung und Forschung. Regelmässig treffe ich die Bildungsminister der EU und ihrer Mitgliedländer sowie andere politisch Verantwortliche. Als oberster Verantwortlicher eines Teams von 35 Personen habe ich auch ein Büro in Brüssel. Die EUA bietet wichtige Dienstleistungen für ihre Mitglieder an, etwa Unterstützung für die betriebliche Führung von Hochschulen oder die Abstimmung der Doktoratskurse.

Und Ihr Regierungsprogramm?

Rapp: Als Schweizer will ich besonders das Umsetzen fördern. Was in der Bologna-Reform versprochen wurde, soll wirklich realisiert werden. Stärken möchte ich ferner die Bereiche Weiterbildung und Forschung. Die kulturelle Bedeutung der Universitäten und ihre soziale Funktion dürfen nicht vergessen gehen. Der solide Platz schweizerischer wie europäischer Universitäten im weltweiten Wettbewerb ist wichtig. Aber wettbewerbsfähig zu sein allein, genügt nicht. Ein im Grundsatz erfreulicher Aspekt von Bologna ist die Ausrichtung auf die Studierenden. Personenzentriertes Lernen ist ein humanistisches Menschenbild - und mehr als nur Mittel, die Leute arbeitsmarktfähig zu machen.

Kürzlich veröffentlichte die EUA eine Bilanz der ersten zehn Jahre seit Bologna. Was steht für Sie auf der Haben-Seite?

Rapp: Die vertikale Mobilität steigt. Vertikal heisst, dass zunehmend Studierende den Master an einer anderen Universität absolvieren als den Bachelor. Das bedeutet einen Gewinn für die Einzelnen. Gelebte Flexibilität und internationale Erfahrung erleichtern ihnen danach den Eintritt in den Arbeitsmarkt. Zur horizontalen Mobilität, der Belegung von Auslandsemestern im Verlauf des Studiums, lässt sich noch nichts sagen. Die Veränderungen seit 1999 liegen innerhalb der statistischen Ungenauigkeit. Vielleicht liegt die noch immer bescheidene horizontale Mobilität auch ein bisschen an der Sattheit westlicher Studierender. Aus dem Osten Europas packen seit einigen Jahren äusserst intelligente und pragmatische Studierende die Chancen der Reform. Sie prägen heute den gesamteuropäischen Studentenverband, quasi das Pendant zur EUA. Vergessen wir auch nicht, dass in China und Indien Dutzende Millionen Leute studieren. Dieses Potenzial wird künftig die Gewichte verschieben.

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Verbessern diese positiven Wirkungen von Bologna die Arbeitsmarktchancen für junge Hochschulabsolventen?

Rapp: Noch nicht überall. Der erste Titel, der Bachelor, befähigt grundsätzlich zur Berufsausübung. Doch viele Arbeitgeber begreifen erst nach und nach, was die vereinheitlichten Diplome der Bologna-Reform bedeuten. Viele haben ihre Anstellungsgrundlagen noch nicht angepasst. Das gilt erstaunlicherweise auch in vielen öffentlichen Verwaltungen. Vielleicht verstärkt eine Grundhaltung vieler Universitäten diese Geringschätzung des Bachelors: Verbreitet gilt erst der Master als richtiger Abschluss. In der Schweiz, wo nur 25 bis 30% der jungen Erwachsenen studieren, mag das verkraftbar sein. In Ländern wie Deutschland oder Frankreich mit weit über 50% ist unabdingbar, dass ein bedeutender Teil der Studierenden nach dem Bachelor in den Arbeitsmarkt eintritt.

Wo sind die Baustellen sowie Mängel von Bologna, die im vergangenen Jahr zu studentischen Protesten geführt haben?

Rapp: Eine wichtige Vorbemerkung: Oft wird zu wenig unterschieden, was die Bologna-Reform bewirkt und was mit nationalen politischen Massnahmen zusammenhängt. Das heftig diskutierte Thema Studiengebühren und deren Höhe als Beispiel gehört gar nicht dazu. Noch zu wenig umgesetzt ist, wie gesagt, die horizontale Mobilität. Das gilt leider nach wie vor auch innerhalb der Schweiz über den Röstigraben. Vielleicht müssten wieder Anreize eingeführt werden, die zu meiner Zeit als Rektor in Lausanne galten: Wer einige Zeit in der Deutschschweiz studierte und dabei eine Zwischenprüfung nicht bestand, dem wurde dieser Misserfolg bei uns nicht angerechnet. So wurde der Austausch zu einer Erfahrung ohne Risiko. 95% der Ziele der Bologna-Reform sind aber umgesetzt.

Eine Kritik an der Bologna-Reform betrifft die zunehmende Akademisierung aller Berufsausbildungen. Ist bald jede Fachhochschule eine Universität?

Rapp: Nein - und zum Glück nicht. Fachhochschulen und Universitäten unterscheiden sich grundsätzlich. Die Finanzierung ist ganz anders, ebenso die Anforderungen an einen Professor. Die Schweiz hat ein stabiles System der unterschiedlichen Ausbildungsgänge. Das zeigt der Vergleich der Situation in Frankreich, Grossbritannien, Norwegen, der Slowakei und der Schweiz in der Studie «Insitutional Diversity in European Higher Education: Tensions and Challenges for Policy Makers and Institutional Leaders». Bei uns wollen zudem Fachhochschulen kaum oder zumindest viel weniger zu Universitäten werden, ist meine Erfahrung. Auch wer eine Fachhochschule absolviert hat, ist stolz auf seinen Abschluss. Eine Frage stellt sich jedoch: Ist wirklich für alle Berufe der hohe wissenschaftliche Anspruch auf eine Hochschulausbildung gerechtfertigt und sachlich begründet?

Gemeinsam ist doch auch, dass neu alle Stufen mengenmässige Vorgaben über Lehre, Forschung und Dienstleistungen zur Mittelbeschaffung erbringen müssen.

Rapp: Eine Gefahr sehe ich im Trend zur Selbstfinanzierung. Dieser Druck führt zu sehr hohen Gebühren für Weiterbildungsangebote - gerade für ein Land wie die Schweiz mit weniger jungen, neu ausgebildeten Fachkräften und einer im Durchschnitt immer älteren Bevölkerung. Nötig wäre ein viel höherer Anteil an Leuten, die sich weiterbilden, und vor allem, dass auch ältere Menschen regelmässig Weiterbildungen abschliessen.

Was kann man dagegen tun?

Rapp: Um dieses wesentliche Ziel für die Wirtschaft und das ganze Land zu erreichen, müssen in der Schweiz mehr öffentliche Gelder für Weiterbildungen eingesetzt werden. Das kann erweiterte Abzugsmöglichkeiten in der Steuererklärung bedeuten oder direkte Zahlungen an die Ausbildungsstätten. Die demografische und wirtschaftliche Realität verlangt nach lebenslangem Lernen. Dazu gehört immer wieder, dass Leute auch noch Mitte 40 eine ganz neue Berufsrichtung einschlagen. Das muss unterstützt werden, denn die neuen Chancen bringen persönlich und gesellschaftlich Nutzen.

Drängt die Zeit diesbezüglich?

Rapp: Über solche Anpassungen in der Weiterbildung muss schnell und umfassend nachgedacht werden. Kurse für Menschen mit Lebens- wie Berufserfahrung verlangen aber nach anderen Methoden und Angeboten der Ausbildungsstätten. Ob für diese angepassten Angebote eher die Fachhochschulen oder auch die Universitäten zuständig sein sollen, muss ebenfalls diskutiert werden. Den Hochschulen rate ich, diese Thematik aktiv anzugehen und auch gewisse Risiken einzugehen. Oft werden dagegen hohe und steigende Kosten angeführt: Vergessen wir doch nicht, dass die Hochschulen neben ihrer eigentlichen Aufgabe direkt und indirekt Stellen schaffen und damit den Wohlstand fördern. Alle brauchen heute das Internet und kennen den Beruf Webmaster - doch seine Anfänge wurden an den Universitäten geschaffen. Viele Technologieunternehmen wuchsen ebenfalls aus Hochschulen.

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Zumindest in Deutschschweizer Medien wurde im vergangenen Jahr die Zahl ausländischer Professoren zum Thema. Bringen auch Berufungen Austausch im Sinne von Bologna?

Rapp: Ja, aber dieser Bereich gehört nicht zu den Bologna-Themen. Die Ausgangslage ist auch sehr unterschiedlich: In der Schweiz ist etwa jede dritte Professur an einer Universität ausländisch besetzt. In Frankreich oder Italien erreicht der Anteil von Professoren aus dem Ausland keinen Zehntel dieses Wertes. Ein Grund sind hohe Hürden, die die Mobilität von Professoren und ihren wissenschaftlichen Mitarbeitenden hemmen. Solange Bereiche wie die Altersvorsorge, Sozialleistungen oder Steuerfragen nicht unter diesem Aspekt europaweit harmonisiert werden, bleibt der Austausch beschränkt.

Wie soll man dem begegnen?

Rapp: Solche Mängel für den Alltag der Forschenden und Lehrenden können aber weder die Universitäten noch die EUA beseitigen. Gefordert ist auch hier die Politik. Wichtig ist gerade für die Schweiz als Kleinstaat ausserhalb der EU: Der Austausch fördert nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs. Er bedeutet auch Kontakte oder Freundschaften über alle Grenzen. Das bringt immer wieder viel Verständnis für die Anliegen der Schweiz.