Bei der Zürich Versicherung steht derzeit die Zukunft der IT-Abteilung auf dem Plan: Zur Diskussion steht, die Sparte betriebsintern zu konzentrieren oder sie auszugliedern - vielleicht sogar an eine ausländische Firma. Entschieden wird erst nächstes Jahr.
Die Zürich wäre eines der ersten Schweizer Unternehmen, das eine ganze Abteilung oder zumindest ganze Teile davon ins Ausland verlagert. Denn noch wird in der Schweiz hauptsächlich in Firmen ausgegliedert, die vor Ort ansässig sind. So hat ABB kürzlich die Informatik-Abteilung samt Belegschaft an IBM übergeben. Die Verlagerungen von Funktionen in Niedriglohnländer, so genanntes Offshoring, dagegen finden solange nur Projekt-basiert statt.
So kann man sich bei der Credit Suisse nicht vorstellen, die ganze Software-Entwicklung oder das ganze Call- und Kontaktcenter auszulagern. «Das muss aus Know-how- und Sicherheitsgründen intern bleiben», begründet Sprecher Georg Söntgerath. Die Grossbank vergibt jedoch Programmier-Arbeiten und standardisiertes Codieren an IT-Spezialisten in Indien. «Allerdings nur im Einzelfall», so Söntgerath.
Aktiver ist die Swisscom. Die Bereiche Innovation und Mobile «vergeben regelmässig» IT-Projekte nach Russland und Indien, so Sprecher Sepp Huber. Voraussetzung sei ein klar definiertes Aufgabenprofil. So hat etwa die in St. Petersburg ansässige Firma Rektosoft mit ihren 35 Mitarbeitern die Messaging-Plattform von Swisscom Mobile entwickelt und ins Internet-Portal implementiert. Gelobt wird von den Verantwortlichen vor allem das gute Preis-Leistungs-Verhältnis der russischen und indischen Programmierer. Trotzdem kann man sich auch beim Telekomanbieter nicht vorstellen, ganze Abteilungen ins Ausland zu verlagern.
Das Unternehmen vergibt sich damit ein riesiges Sparpotenzial. Denn laut einer aktuellen Umfrage von A. T. Kearney lassen sich mit Offshoring mittel- und langfristig Kosteneinsparungen von bis zu 50% realisieren.
Dienstleistungsfirmen in den USA haben dieses Potenzial bereits erkannt: Die US-Finanzinstitute J.P. Morgan, HSBC, Citigroup und GE Capital haben Arbeitsplätze aus dem Bereich Unternehmensanalyse in Niedriglohnländer verlegt. GE Capital hat in den letzten fünf Jahren 11000 Callcenter-, Transaktionsverarbeitungs- und Buchhaltungs-Jobs nach Delhi ausgelagert. Und die Citigroup beschäftigt in ihrem ausgegliedertem Call- und Prozesscenter in Indien inzwischen 3000 Mitarbeiter.
So wird alleine die nordamerikanische Finanzindustrie in den nächsten fünf Jahren 850000 Arbeitsplätze in Billiglohnländer verschieben, wie eine Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte Research ergeben hat. Die Finanzdienstleister versprechen sich von der Verlagerung Einsparungen in der Höhe von über 30 Mrd Dollar pro Jahr.
*Europäer unter druck*
Der amerikanische Offshoring-Aktivismus wird europäische Unternehmen massiv in Zugzwang bringen. «Sie müssen ihren amerikanischen Wettbewerbern folgen und ihre personalintensiven Backoffice-Aktivitäten, längerfristig auch komplexere Geschäftsprozesse, ebenfalls in Niedriglohnländern ansiedeln», sagt Andreas Pratz, Offshoring-Experte und Autor der A.-T.-Kearney-Studie. Pratz kommt denn auch zum Schluss, dass der Schweiz, Österreich und Deutschland in den nächsten fünf Jahren 100000 Jobs verloren gehen, und dies alleine in der Finanzdienstleistungsbranche. Zum Vergleich: In der Schweiz umfasst der Finanzsektor rund 150 000 Arbeitsplätze. Finanziell soll die Arbeitsplatzverlagerung den Banken und Versicherungen in den drei Ländern Einsparungen von 5 Mrd Euro bringen.
*Neue Jobprofile*
Offshoring-Experten wollen den drohenden Arbeitsplatzverlust in der Schweiz dennoch nicht dramatisieren. Andrew Larsson von der «Swiss Organisation for Facilitating Investments» (SOFI), die Investitionsprojekte in Transitions- und Entwicklungsländer fördert, sagt: «Die ausgegliederten Bereiche und Projekte müssen professionell koordiniert werden, dazu brauchen die Unternehmen in der Schweiz gutes Personal. Das wirkt der Arbeitsplatzverlagerung entgegen.» Projekten, die bereits heute in Billiglohnländer vergeben werden, mangelt es oft an einer klaren Definition, so Larsson. «Zudem sprechen sich die Unternehmen zu wenig mit den Programmierern in den Billiglohnländern ab.» Deshalb sei die Rate der Misserfolge mit knapp 50% relativ hoch.
Aus diesem Grund sind vor allem die grossen Offshoring-Anbieter, wie beispielsweise die indische Cognizant, bestrebt, jeweils vor Ort (u.a. auch in Zürich) Verkaufsbüros mit marktkundigen Angestellten zu haben.
Hier sehen aber auch Schweizer IT-Firmen eine Geschäftschance. Die Zürcher Internetfirma Xiag beispielsweise beschäftigt 15 Mitarbeiter in Nowosibirsk. Dort wird entwickelt und designt, in der Schweiz werden Projekte akquiriert, beraten und implementiert. «Besonders bei Projekten, die einen hohen Grad an Kommunikation erfordern, brauchen die Unternehmen, die ausgliedern wollen, einen lokalen Ansprechpartner», sagt Andreas Graf, Managing Partner von Xiag, die auch schon für Novartis, Migros und CS tätig war. Graf stellt zwar einen Trend fest, dass immer mehr Firmen in der Schweiz Informatik-Aufträge ins Ausland ausgliedern. Dennoch ist auch er dem Offshoring-Boom eher zurückhaltend eingestellt: «Alles kann auch im IT-Bereich nicht ausgegliedert werden.» Strategisch wichtige Bereiche würden in den Unternehmen behalten.

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