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Korruption
Argentiniens Politkrimi trifft Schweizer Finanzszene

Hedgefonds-Guru Paul Singer will von Argentinien 1,7 Milliarden Dollar Schulden eintreiben. Auf seiner Suche nach versteckten Vermögenswerten der Elite findet er neue Verbindungen in die Schweiz.

Von Christian Bütikofer
am 22.06.2015

Für Paul Singer ist Zahltag. Sein Hedgefonds Elliott Management hatte während Argentiniens Staatspleite im Jahr 2001 mit anderen Investoren Staatsanleihen für billiges Geld aufgekauft und so dem Land wieder zu Kapital und damit dem wirtschaftlichen Neuanfang verholfen.

Argentiniens Verbindlichkeiten aus diesem Deal gegenüber dem US-Hedgefonds belaufen sich inzwischen auf 1,7 Milliarden Dollar. Weil der südamerikanische Staat mit einem Schuldenschnitt nur einen Teil zurückzahlen will, klagte Singers Tochterfirma NML Capital Argentinien in den USA ein und gewann in letzter Instanz.

Brennpunkt Nevada

Um an das geschuldete Geld zu kommen, dreht Singer jetzt jeden Stein um und stöbert auch in den hintersten Winkeln der Erde Vermögenswerte der Argentinier auf. In der Vergangenheit liess er unter anderem ein Schiff in Ghana beschlagnahmen. Seine Aktivitäten sind Gift für die herrschende Politkaste.

Denn Singers hartnäckige Suche führt auch dazu, dass seine Heerscharen aus Privatermittlern und Anwälten Verdachtsfällen politischer Korruption nachgehen. So kommt es, dass Singers Anwälte vor einem Gericht im Bundesstaat Nevada laufend neue Beweise einbringen, die enge Geschäftsfreunde und politische Verbündete der argentinischen Präsidentenfamilie Kirchner schwer belasten: Sie sollen 65 Millionen Dollar veruntreut und ausser Landes gebracht haben.

Der Baulöwe und die Schweiz

Argentinische Journalisten enthüllten 2013 ein enormes Netz von Korruption und Geldwäscherei um den ehemaligen Präsidenten Néstor Kirchner, der das Land zwischen 2003 und 2008 regierte und 2010 verstarb. Seine Frau Cristina Fernández de Kirchner war als Nachfolgerin zur Präsidentin des Landes gewählt worden, amtiert bis heute und ist von den aktuellen Enthüllungen ebenfalls betroffen. Denn die Entourage der Begünstigten der Kirchners blieb weitgehend dieselbe und auch Frau Kirchner soll über die finanziellen Machenschaften ihres Mannes auf dem Laufenden gewesen sein

Einer der Kirchner-Spezis ist Lázaro Báez – ein Baulöwe, dessen wirtschaftlicher Aufstieg eng mit dem politischen der Kirchners verbunden ist. Die Enthüllungen in der Presse riefen auch die Justiz auf den Plan, wie handelszeitung.ch berichtete. Staatsanwalt José María Campagnoli legte einen Bericht vor, der zeigte, wie Báez' Umfeld Millionen von Dollar ausser Landes brachte und sich dazu offenbar auch des in der Schweiz ansässigen Treuhänders und Landsmanns Néstor Marcelo Ramos sowie dessen Helvetic Services Group bediente.

Während die Staatsanwälte in Argentinien ermittelten, gingen Singers private Ermittler ebenfalls auf die Pirsch nach den versickerten Millionen aus Báez' Umfeld. Singers Bemühungen zeigten Erstaunliches und dürften für Kirchners Umfeld zum echten Problem werden.

«UBS Confidential Document» als Beweis

Der Amerikaner zwang Strohfirmen auf den Seychellen gerichtlich, wichtige Dokumente auszuhändigen. Desgleichen in New York: Banken wie die UBS mussten dem Hedgefonds Kontoauszüge liefern. Sämtliche Akten legte Singer den Richtern in Nevada vor, die nun öffentlich zugänglich sind. Dies offenbar auch gegen den Willen der Schweizer Grossbank UBS, welche das «vertrauliche Dokument» («UBS Confidential Document») nicht publiziert haben wollte, weil es dann ins Auge der Öffentlichkeit gelangen würde. Doch der vorsitzende Richter Cam Ferenbach entschied, der Schutz vor öffentlicher Überprüfung sei kein Grund, Dokumente zurückzuhalten. Die UBS konnte auf Anfrage keine Stellung zum Fall nehmen.

Die Kontodaten zeigen auch Geldströme von Ramos' Helvetic Services Group. Aufgelistet sind neben der UBS weitere Banken wie Abteilungen der Credit Suisse, Citibank Schweiz, PKB Privatbank, Clariden Leu, sowie HSBC Schweiz oder die LGT Bank in Liechtenstein (siehe Downloads links).

Neuer Anlauf der argentinischen Justiz

Die Anwälte Singers schreiben in ihren Eingaben, dass ihre Recherchen in verblüffender Weise mit jenen von Staatsanwalt Campagnoli übereinstimmten – obwohl dem argentinischen Beamten die Bankakten nicht zur Verfügung standen.

Inzwischen ist der Kampf der argentinischen Justiz gegen die Korruption in der Politik um ein Kapitel reicher: Ein anderer Staatsanwalt, Guillermo Marijuán, hat am Freitag Antrag auf Anklage gegen Kirchner-Freund Lázaro Báez und dessen Schweizer Kollegen Néstor Marcelo Ramos von der Helvetic Services Group gestellt. Ob sein Antrag vor den Richtern Erfolg hat, ist derzeit noch offen.

In seiner Ermittlungsakte will er sich auch auf Erkenntnisse von Hedgefonds-Inhaber Paul Singer stützen. Ein Sprecher der Helvetic Services Group sagte gegenüber handelszeitung.ch, man könne die laufenden Ermittlungen nicht kommentieren.

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