Novartis zahlte den Cocktail und schickte vier Redner ins Hotel Renaissance in Schanghai. Drei waren Forschungschefs, der vierte zuständig für den Kontakt zur Regierung. Auf dem Spiel stand viel. Es ging um das Geschäft für die nächsten Jahre. Die Crème de la crème der Branche besprach sich vier Tage mit chinesischen Beamten und Ärzten. Top-Thema war die Entwicklung von neuen Medikamenten, im Fokus standen Studien mit chinesischen Patienten. Diese Studien sind billiger, weniger reguliert und können im Westen für die Zulassung von Arzneien verwendet werden. Novartis investierte eine Milliarde Franken, auch in klinische Studien. Das war 2007.

Doch irgend etwas scheint bei Novartis in China schiefgelaufen zu sein. Denn die Staatsanwaltschaft des westlichen Bezirks von New York hat Ermittlungen aufgenommen. Offenbar interessiert sich die Behörde genau für die Patientenstudien in China. Laut dem Geschäftsbericht von Novartis geht es um «Fragen der Einverständniserklärung». Also darum, ob die Patienten in klinischen Studien wirklich wussten, was mit ihnen oder mit ihren Daten geschieht. Die amerikanischen Staatsanwälte untersuchen aber auch die Vermarktungspraktiken von Novartis bei einigen Medikamenten.

Noch ist nicht abschätzbar, wie gravierend der Fall ist. Doch in den Vereinigten Staaten ist er unter einschlägigen Anwälten und ehemaligen Staatsanwälten bereits ein heiss diskutiertes Thema. Auch bei Novartis erkennt man offenbar die Brisanz. Man bestand intern darauf, im Jahresbericht auf die Ermittlungen hinzuweisen, um den Anlegern gegenüber «auf der sicheren Seite zu stehen», wie ein Insider sagt. Man wollte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, Informationen zurückbehalten zu haben.

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«Wir werden hart durchgreifen»

Die Manager der Medikamentenkonzerne sind vorsichtig geworden, seit das Justizdepartement der USA die Branche stärker ins Visier nimmt. Letztes Jahr mussten Pharmafirmen vier Milliarden Dollar an Bussen und Vergleichsgeldern an die Behörden abliefern. Justizminister Eric Holder fasste die härtere Gangart damals zusammen: «Die Regierung hat den Kampf gegen Gesundheitsbetrug auf eine neue Ebene gebracht.»

Allein Novartis willigte im Herbst auf einen Vergleich mit den amerikanischen Behörden von über 400 Millionen Dollar ein. Der Konzern soll die Epilepsie-Arznei Trileptal und andere Medikamente ohne Bewilligung für bestimmte Anwendungen vermarktet haben. Zudem bezahlte der Basler Pharmagigant offenbar verbotene Kickbackzahlungen an Angestellte im Gesundheitswesen.

Der juristische Beschuss im letzten Jahr war erst das Vorspiel. Staatsanwalt Lanny Breuer, Chef der Kriminalabteilung im Justizdepartement, kündigte eine breit angelegte Untersuchung zur internationalen Korruption im Sektor an: «Wir werden über Jahre hart durchgreifen. Wir werden ermitteln und, falls berechtigt, gerichtlich vorgehen. Gegen Firmen, aber auch gegen ihre Manager.»

Die Drohung schliesst den Kreis zu den aktuellen Ermittlungen gegen Novartis. Denn das Einfallstor für das Justizdepartement sind die klinischen Patientenstudien, die im Ausland durchgeführt werden, eben zum Beispiel in China. 80 Prozent der in den USA zugelassenen Medikamente beruhen mindestens auf einer im Ausland erstellten Studie.

Diese Versuche an Patienten führen die Pharmakonzerne inzwischen oft nicht mehr selber durch. Sie vergeben die Aufträge an sogenannte CRO (Contract oder Clinical Research Organizations). Diese selbstständigen Subunternehmen rekrutieren die Patienten, arbeiten mit Spitälern zusammen und händigen zum Schluss die Studienresultate dem Auftraggeber aus. Das Modell boomt, in China mit hohen zweistelligen Wachstumsraten.

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Insider-Gespräche in Mexiko

Doch mit der Auslagerung sinkt die Verlässlichkeit der Daten. «Der Studien-Agent hat ein Interesse daran, dass sie positiv ausfallen», sagt ein Compliance-Experte mit Draht zum Justizdepartement in Washington. Dort vermutet man Schlimmeres: Schmiergeldzahlungen. «Die Regierung der USA ist speziell interessiert an allen korrupten Zahlungen, welche die Zuverlässigkeit der Daten unrechtmässig beeinflusst haben könnten», schreibt die renommierte New Yorker Anwaltskanzlei Arnold & Porter.

Vorderhand gibt es keine Indizien, dass Novartis in China Bestechungsgelder gezahlt hätte. Der Konzern schreibt im Jahresbericht zumindest, die laufende Untersuchung sei zivilrechtlich. Möglicherweise ist dieser Fall quasi ein Abfallprodukt der Ermittlertruppe von Lanny Breuer.

In Korruptionsschwierigkeiten steckt Novartis aber eventuell in Mexiko. Dort veröffentlichte der Sender Televisa letzten November ein Gespräch zwischen einem Beamten der Gesundheitsbehörde und einem lokalen Novartis-Direktor. Die beiden unterhielten sich über Insider-Informationen zu einem anstehenden Bieterverfahren. Mexikos Präsident Felipe Calderon ordnete umgehend eine Untersuchung wegen möglicher Korruption an, der Beamte wurde suspendiert. Sollte sich ein Vergehen bestätigen, könnte sich auch das Justizdepartement der USA dafür interessieren. Novartis wollte zu diesem Fall auf Anfrage der «Handelszeitung» keine Stellung nehmen.

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«Die intensivierten Ermittlungen der amerikanischen Behörden gegen Korruption im Ausland werden in der Schweiz noch unterschätzt», sagt der auf Wirtschaftsdelikte spezialisierte Anwalt Arno Thürig. «Einige grosse Konzerne reagieren bereits, doch vor allem bei mittelgrossen, international tätigen Unternehmen - nicht nur aus der Pharmabranche - fehlt die Sensibilität gegenüber dem Thema», sagt der Experte weiter.

Inzwischen rüsten die amerikanischen Behörden auf. «Das Justizdepartement stellt laufend neue Ermittler an», sagt ein Insider. Die Zusammenarbeit mit FBI-Agenten gehöre mittlerweile zur Tagesordnung. Was das bedeutet, zeigte sich ein erstes Mal im Mai 2009 im noblen Hotel Mandarin Oriental in Miami. Damals verhandelten zwei amerikanische Firmen mit zwei Vertretern des Verteidigungsministeriums von Gabun über die Lieferung von militärischem Gerät im Wert von 15 Millionen Franken. Man war sich auch einig, eine 20-prozentige Kommission speziell abzurechnen - eine klassische Bestechung. Was die beiden Unternehmen nicht wussten: Die angeblichen Vertreter des westafrikanischen Landes waren FBI-Agenten, die verdeckt für das Justizdepartement ermittelten. 16 Personen wurden daraufhin angeklagt.

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Auch die Briten werden strenger

Gefahr droht den Pharmafirmen indes nicht nur aus den Vereinigten Staaten, sondern auch aus Grossbritannien. Dort tritt demnächst das neue Antikorruptionsgesetz in Kraft. Es gilt für alle Unternehmen, die im Königreich geschäften, unabhängig vom Ort ihres Firmensitzes. Anders als das amerikanische Gegenstück ahndet es nicht nur Bestechungsgelder an ausländische Beamte, sondern auch jene zwischen privaten Geschäftsleuten. Eine juristische Bombe. «Die britische Variante ist wie die amerikanische Antikorruptionsgesetzgebung, aber auf Steroiden», sagt US-Anwalt Mark Mendelsohn. Und meint damit: Um ein Vielfaches stärker.

Bereits kleine Gefälligkeiten wie ausgedehnte bezahlte Nachtessen mit Kunden können nun in Grossbritannien durch die Behörden strafrechtlich verfolgt werden. Richard Alderman, Chef der britischen Betrugsbehörde (Serious Fraud Office, SFO), warnte die Pharmaindustrie schon mal im Vorfeld: Man stehe in engem Kontakt zu Washington und schaue sich die Branche bereits genau an.

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Novartis engagiert sich inzwischen überall an Anti-Korruptions-Konferenzen. Zum Beispiel in China. Dort referierte der Redner des Basler Konzerns letztes Jahr darüber, was zu tun sei, wenn Schwächen intern erkannt werden. Die Cocktails an dieser Veranstaltung sponserte nicht mehr Novartis. Das übernahm eine Firma für Rechtsberatung.