Der Hongkonger Hang-Seng-Index kletterte erstmals seit September 2008 wieder über die 20 000-Punkte-Grenze, der Tokioter Nikkei nahm die Hürde von 10 000 Zählern. Beide Indizes haben damit in den vergangenen Monaten eine atemberaubende Rally hingelegt. Der Hang Seng hatte im März seinen Tiefpunkt bei knapp über 11000 Punkten erreicht, der Nikkei war zeitweise bis auf 7000 Zähler abgestürzt. Hongkongs Aktienkurse haben sich somit seither schon fast verdoppelt, Japans Aktien bringen es auf ein Plus von knapp 50%.

Der kurzfristig wirkende Grund für diese Kurssprünge liegt vor allem in der wirtschaftlichen Erholung Chinas. Die politischen Massnahmen zur Stützung der Wirtschaft scheinen dort zu wirken - schneller und deutlicher als von vielen erwartet. Und im Falle Japans kommt hinzu, dass dort Ende August Wahlen stattfinden und einige Beobachter davon einen Schub für die Konjunktur erwarten.

Chinas Wirtschaft wächst stark

Vor allem die jüngsten Wachstumszahlen aus China sorgten für Euphorie an den Märkten. Um 7,9% ist die Wirtschaft demnach im 2. Quartal 2009 gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Die Industrieproduktion stieg gegenüber dem Vormonat sogar um 10,7%. Damit scheint die chinesische Wirtschaft nun schon beinahe wieder auf den alten Wachstumspfad eingeschwenkt zu sein.

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Dies führte zwischenzeitlich zu Diskussionen, dass die Regierung ihre Konjunkturprogramme vielleicht bald beschneiden könnte. Spekulationen um eine strengere Kontrolle des Kreditsektors hatten zu einem Einbruch des chinesischen Leitindex geführt und auch die Kurse an der Wall Street belastet (siehe «Nachgefragt»). Doch in der vergangenen Woche liess das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei offiziell verlautbaren, dass keine Änderung der Politik zu erwarten sei.

Qing Wang von Morgan Stanley glaubt daher, dass die staatlichen Stützungsprogramme frühestens 2010 Einschnitte erfahren könnten. So lange dürfte der Aufschwung daher mit unverminderter Geschwindigkeit anhalten. Fraglich ist jedoch, ob dies auch zu weiteren Gewinnen an Chinas Aktienmärkten führt.

Victoria Mo, Managerin des Robeco-China-Fonds, erwartet nach dem enormen Plus der vergangenen Monate nun zunächst eine Periode der Konsolidierung und auch von Korrekturen, also zwischenzeitlichen Verlusten. Erst wenn klar wird, dass auch die Unternehmensgewinne mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage mithalten, könnte es weiter aufwärts gehen. Einen Rückfall auf die alten Tiefststände vom März an den Aktienmärkten erwartet inzwischen allerdings niemand mehr.

Japan profitiert von China

Auch Japan profitiert natürlich von der Erholung Chinas. Dort könnten jedoch die Parlamentswahlen vom 30. August für zusätzlichen Schub sorgen. «Ein Sieg der oppositionellen Demokratischen Partei (DJP) könnte den Konsum deutlich anschieben», sagt Stefan Bain, Manager des F&C Japan Fonds. Denn die Demokratische Partei hat eine Reihe entsprechender Massnahmen angekündigt. So soll beispielsweise das Kindergeld verdoppelt werden, Hochschulgebühren sollen abgeschafft und eine Mindestrente eingeführt werden. Insgesamt will die Partei die verfügbaren Einkommen durch diese und weitere Massnahmen in den nächsten Jahren um 20% erhöhen. Ausserdem sollen kleinere und mittelgrosse Unternehmen stärker gefördert und die Macht der Bürokraten beschnitten werden.

Ein Sieg der Demokratischen Partei erscheint gegenwärtig durchaus möglich. Sollte sie ihre Pläne dann wie angekündigt umsetzen, wären vor allem Unternehmen aus der Konsumindustrie sowie kleinere und mittelgrosse Firmen die Gewinner. Entsprechend dürften auch die Aktienkurse dieser Sektoren im Falle eines DJP-Sieges besonders profitieren.

Yen könnte weiter nachgeben

Das Problem für ausländische Anleger: Parallel zu weiteren Kurssteigerungen könnte der Yen weiter nachgeben. Mit der Verschärfung der Finanzkrise stieg der Kurs der japanischen Währung deutlich an. Inzwischen hat sie jedoch wieder stark nachgegeben. Und angesichts der nachlassenden Angst der Anleger vor einem Finanzkollaps könnte diese Tendenz nach Ansicht von Armin Mekelburg von der HypoVereinsbank anhalten. «Der Yen sollte das prominenteste Opfer der Risikoneigung bleiben», so Mekelburg.

Denn damit nehmen Investoren wieder verstärkt billige Kredite in Japan auf, um mit ihnen Investitionen anderswo auf der Welt zu finanzieren - geradeso, wie sie es vor der jüngsten Finanzkrise taten. Dies drückt auf den Kurs des Yen, und dies wiederum schmälert in Euro umgerechnet mögliche Kursgewinne an Tokios Aktienmarkt.


Nachgefragt

«In China wartet noch viel Geld auf Anlagen»

Senior Investment Specialist Robeco, Rotterdam.

Die Börse in Schanghai ist jüngst um über 5% gefallen. Weshalb?

Wolfram Barges: Nach der starken Erholung der chinesischen Börsen steigt mittlerweile die Nervosität der Investoren. Befürchtungen, dass die chinesische Zentralbank ihre Geldpolitik normalisieren werde, haben die Unsicherheit verstärkt. Dieser Faktor wird überschätzt, denn Chinas Zentralbank wird an der lockeren Währungspolitik auch im 2. Halbjahr noch festhalten.

Wie geht es Chinas Wirtschaft?

Barges: China wird das angestrebte Wachstum von 8% wohl erreichen dank fiskalen und monetären Eingriffen. Denn was als Infrastrukturprogramm angekündigt war, wurde auch auf konsum orientierte Bereiche ausgedehnt. Gleichzeitig versucht die Regierung, mit dem angepassten Fünfjahresprogramm die Überhitzung an den Küsten zu dämmen und andere Regionen zu fördern.

Wie entwickelt sich die Börse?

Barges: Die Bewertung der Börsen ist im chinesischen Vergleich durchschnittlich, absolut aber nicht mehr günstig. Die Konsolidierung scheint abgeschlossen, der Markt bleibt volatil. Es wartet aber noch viel Geld auf Investmentmöglichkeiten an der Börse. Zusammen mit der besseren Ertragsperspektive wird es die Kurse weiter antreiben.

Welche Aktien empfehlen Sie?

Barges: Wir setzen verstärkt auf zyklische Werte. Auch setzen wir auf Autozulieferer und -produzenten sowie Sportmarken.