Wie alle, die viel mit dem Auto unterwegs sind, wird in den kommenden Wochen Kurt Andres auf den Schweizer Strassen Erschütterungen spüren, wo früher keine waren. Der Winter setzte den Fahrbahnen zu - Risse, Löcher, Ausbrüche. Doch wo andere sich ärgern, zeigt Andres professionelle Freude. Denn Asphalt ist für ihn mehr als ein Belag. Er ist eine Passion. Seit Anfang Jahr führt der 48-Jährige die Zofinger Aeschlimann AG mit gut 200 Angestellten - die Nummer eins in der Schweiz für Gussasphalt, mit Kunden in der ganzen Welt.

Die Mitarbeitenden von Aeschlimann dürften dieses Jahr weniger mit Strassenreparaturen beschäftigt sein als auch schon. «Es deutet alles darauf hin, dass unser Strassennetz diesen Winter besser übersteht», sagt Geschäftsführer Andres. «Die Temperaturen lagen zeitweise zwar sehr tief, aber dafür war es deutlich weniger feucht.» Feuchtigkeit nämlich ist das, was einem Asphaltbelag im Winter das Leben schwer macht. Sie dringt in die Poren ein und wenn sie gefriert, kann sie ganze Teile des Belags wegsprengen.

Die schnellen Schweizer

Der Unterhalt der Strassen funktioniere in der Schweiz gut, sagt Andres. «Gemeinden, Kantone und der Bund lassen Schäden in der Regel schnell beheben, so können sie sich nicht potenzieren. Wir haben deshalb ein Strassennetz in sehr gutem Zustand.» Doch das hat seinen Preis. Gemäss einer neuen Studie des Nationalfonds schlägt der Unterhalt der National-, Kantons- und Gemeindestrassen jährlich mit über 3 Milliarden Franken zu Buche. Nicht einmal das reicht. Der Verband Infrastruktur Strasse hat errechnet, dass die Kantone jedes Jahr zwischen 63 000 und 91 000 Franken in jeden Kilometer Kantonsstrasse stecken müssten. Zwei Drittel geben weniger aus.

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Aeschlimann-Chef Andres verfolgt diese Entwicklung kritisch. «Ein Strassennetz, das schnelle und sichere Verbindungen garantiert, ist das Rückgrat unserer Wirtschaft», sagt er. «Wir müssen deshalb bereit sein, die nötigen Mittel aufzuwenden, um dieses Netz zu erhalten.» Das wird indes immer teurer. Die Schweizer werden immer mobiler, das Verkehrsaufkommen wächst. «Ein Belag muss heute viel mehr aushalten als vor 20 Jahren», sagt Andres. «Entspechend grösser ist der Aufwand für den Unterhalt.»

Doch nicht nur die Belastung für den Belag auf den Strassen nimmt zu. Andres beobachtet auch, wie die Anforderungen der Gesellschaft an den Asphalt gestiegen sind. Strassen müssten nicht mehr nur Fahrsicherheit bieten und mit geringem Wartungsaufwand möglichst lange befahrbar sein, sagt er. Sie dürften auch kaum mehr Lärm verursachen.

Der Trend im Strassenbau geht daher in Richtung Flüsterbeläge. Sie sind poröser als herkömmlicher Asphalt und schlucken einen Teil der Geräusche, die Autos verursachen. «Eine gute Sache eigentlich, die Behörden können sich so an gewissen Orten Lärmschutzmassnahmen sparen», sagt Andres. Doch auch Flüsterbeläge haben ihren Haken. Sie sind zwar leise, werden aber nicht alt. Durch ihre offenporige Oberfläche dringt leicht Flüssigkeit in den Belag. Nach acht bis zwölf Jahren müssen sie ersetzt werden. Ein herkömmlicher Belag schafft 25 bis 30 Jahre. «Ein leiser Belag, der lange hält - das ist wie die Quadratur des Kreises.»

Die Suche nach dem perfekten Belag

Es ist diese Quadratur des Kreises, die Andres bei der Suche nach dem perfekten Asphalt antreibt. Die Aeschlimann AG begann 1936 mit Asphalt für Dachabdichtungen, seither haben ihre Forscher rund 240 Asphalt-Rezepturen entwickelt. «Es ist ein Tüfteln», sagt der Chef. «Wir variieren mit den Bestandteilen, mischen Kies, Sand, Füller mit Bitumen. Wir variieren mit der Dosierung, arbeiten mit verschiedenen Temperaturen.» Das Ziel: Für jede Anwendung der passende Asphalt. Ganz gleich, ob für den Belag auf der 17,5 Kilometer langen Storebaelt-Brücke in Dänemark, für die Westumfahrung Zürich oder den Boden der Zürcher Bahnhofshalle.

«Schwarze Kunst» nennt man das bei Aeschlimann. Dass Andres zu ihr stiess, war Zufall, er ist eigentlich Architekt. Vor neun Jahren kam der Vater von zwei Töchtern zur Hochbau-Divison der Aeschlimann. Seither ist er dem Asphalt verfallen. «Ich bin fasziniert von diesem Baustoff und von seinen Einsatzmöglichkeiten», schwärmt er. «Ich liebe Asphalt.»

Gleichzeitig ist Andres aber auch darum bemüht, bei der Aeschlimann AG den Bereich der Flüssigkunststoffe für Decor- und Industriebodenbeläge auszubauen. Das Ziel ist klar: Das Unternehmen, das zur Specogna Holding gehört und keine Zahlen veröffentlicht, soll unabhängiger von den Jahreszeiten werden. Denn in der winterlichen Kälte ist Asphaltieren nicht möglich. «Darum fängt das Jahr für uns jeweils schleppend an.

Kerngeschäft bleibt aber der Gussasphalt. Und hier gibt es in den nächsten Jahren viel zu tun. Ende Januar kündigte der Bundesrat für die kommenden Jahre «kostspielige Belagssanierungen» an, um die Substanz des bestehenden Nationalstrassennetzes zu erhalten.