Viele Anleger sind seit Jahren an den Finanzmärkten aktiv. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass es sich entscheidend lohnt, in regelmässigen Abständen Gedanken zu den ganz persönlichen Anlagezielen zu machen. Das kann der Kauf einer Immobilie oder eine Frühpensionierung vor dem 60. Altersjahr sein. Durch den kontinuierlichen Denkprozess sind sie in der Lage, ihre Anlageziele quantitativ zu formulieren und sich ihrer Risikofähigkeit und Risikofreudigkeit bewusst zu werden.

Strukturiertes Vorgehen

Erst das Platzen der New-Economy-Blase hat vielen Investoren bewusst gemacht, dass sie sich von der lang anhaltenden Hausse haben blenden lassen und in vielen Bereichen falsch positioniert waren. Speziell die Verlustrisiken von Aktienanlagen wurden unterschätzt: Sie waren auf die lange und starke Korrekturphase nicht vorbereitet.

Bei einer langfristigen Betrachtung zeigt sich, dass das Risiko im Gegensatz zur Rendite bedeutend konstanter ist. Während das Risiko bei Aktienanlagen ­ unter Verwendung von Zehnjahresdurchschnitten ­ seit 1950 in einer Bandbreite von 11,8% bis 16,6% lag (Differenz 4,8 Prozentpunkte), resultierten bei der Rendite Extremwerte zwischen Minus 2,1% und Plus 15,2%. Das ist eine Differenz von 17,3% Prozentpunkten! Es ist somit sinnvoll, die optimale Anlagestrategie über das maximal tolerierbare Risiko und nicht über die erwünschte Rendite zu bestimmen. Das maximal tolerierbare Risiko wird mittels eines Risikoprofils in Erfahrung gebracht, wobei dieses aus zwei Faktoren besteht: der Risikofähigkeit, wie viel Risiko ein Anleger eingehen kann, und der Risikofreudigkeit, wie viel Risiko ein Anleger eingehen will. Ist aus dem maximal tolerierbaren Risiko die optimale Anlagestrategie abgeleitet, wird deren langfristige Rendite geschätzt. Idealerweise stimmt diese Rendite mit der notwendigen Rendite zum Erreichen des Anlageziels überein. Ist die Rendite jedoch tiefer, muss das Anlageziel überdacht werden. Das Resultat dieser Analyse kann sein, dass eine Anlagestrategie mit 50% festverzinslichen Werten und 50% Aktien optimal ist.

Ende der 90er Jahre propagierten die Banken vermehrt Finanzpläne. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass die als Basis gewählten erwarteten Renditen auf den Aktienmärkten zumindest kurzfristig stark überschätzt worden waren. Das Hauptproblem ist, dass es keine guten Modelle zur Schätzung der künftigen Rendite über kürzere Zeiträume wie z.B. ein Jahr gibt. Oft werden daher historische Werte den Schätzungen für die Zukunft zu Grunde gelegt. Hatte der US-Aktienindex S&P 500 zwischen 1950 und 1999 im Durchschnitt jedes Jahr um 9% zugelegt, so stieg dieser Wert zwischen 1990 und 1999 auf rund 15%. Aus der Sicht von 1999 wäre eine Annahme der zukünftigen Performance von 9% als konservativ betrachtet worden. In Tat und Wahrheit fiel der S&P 500 jedoch zwischen Januar 2000 und Dezember 2002 um rund 40%. Die Differenz zum erwarteten Renditeplus von knapp 30% fiel damit katastrophal aus. Der Fehler basiert in der fehlenden Kongruenz der Fristen: Es macht wenig Sinn, einen über 50 Jahre berechneten Durchschnittswert als repräsentativ für die kommenden drei Jahre zu betrachten, da die effektiven Werte sehr stark von diesem Mittelwert differieren.

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Ein klarer Pluspunkt des strukturierten Vorgehens ist die Erfassung der Risikotoleranz eines Kunden: In den meisten Fällen hat dieser Parameter dazu geführt, dass ein Anleger nicht zu 100% in Aktien investiert war, sondern eine deutlich tiefere Aktienallokation von beispielsweise 50% gewählt hatte. Obligationen haben von 2000 bis 2002 rund 36% zugelegt. Ein gemischtes Portfolio bestehend aus 50% Festverzinslichen und 50% Aktien erlitt in dieser Zeit nur eine leicht negative Performance und war somit weit entfernt von den Minus 40% des reinen Aktienportfolios. Konkret hätte sich die jährliche Performance (annualisiert) von ­12,8% auf ­2% verbessert und das Risiko wäre von knapp 19% auf rund 8,5% gefallen.

Renditeschätzungen als Achillesferse

Mit einer sauberen und umfassenden Erfassung aller Bedürfnisse stellt in der Finanzplanung die erwartete Rendite der Anlagen die Achillesferse dar. Dieses Problem kann dadurch entschärft werden, dass die Annahmen konservativ ausfallen. Für einen in Schweizerfranken rechnenden Investor erwarten wir für die nächsten fünf Jahre Renditen von 2% für Obligationen, 8% für Aktien, 5% für alternative Anlagen (Hedge-Fonds) und gut 5% für ein gemischtes Portfolio. Wenn sich der Anleger früh einer Finanzplanung unterzieht, kann dadurch der Planungshorizont verlängert werden. Damit steigen auch die Chancen, dass die erwartete Rendite realisiert oder sogar übertroffen werden kann.

Adrian Scherer, CFA, Chief Investment Officer, Bank Sal. Oppenheim (Schweiz) AG, Zürich.