Kronleuchter ­ wie das Wort schon klingt! Die Vereinigung von Krone, Licht, Erleuchtung ­ das hat schon etwas für sich. Es klingt nach grossem Auftritt, Feierlichkeit und stilvollem Ambiente. Doch lange waren die üppigen Leuchten, die meist in der Raummitte platziert werden, als spiessig oder pompös verrufen. Vielleicht kam das auch nur von dem meist gleissend hellen Licht, das die klaren Kristallklunker in den Raum hinein reflektieren. Doch das ist heute, in den Zeiten von raffinierter Lichtsteuerung oder einfacher Dimmtechnik, kein Hinderungsgrund mehr. Und ausserdem passt ein fulminanter Auftritt und ein bisschen Luxus und Glamour ganz gut ins aktuelle Lebensgefühl, zumindest als Akzent oder «Lichtblick».

Dass Kronleuchter heute meist etwas anders aussehen als früher, ist keine Frage. Wie weit man geht, hängt dann wieder vom persönlichen Geschmack und dem Wagemut ab. Auf die Spitze getrieben hat es wieder einmal Philippe Starck, der wohl bekannteste Designer unserer Tage: Für den renommierten Leuchtenhersteller Flos kreierte er gläserne Etageren, beladen mit schwerem, handgeschliffenem Kristall. Am ungewohnten Platz unter der Decke kommt den edlen Vasen und Karaffen eine neue Funktion zu: Licht zu spenden. Seinen schrägen Griff in die hochherrschaftliche Glasvitrine hatte der Franzose auf dem Messestand des Herstellers perfekt und mit einem Augenzwinkern ins passende Szenario gesetzt. Knackige Hausmädchen in adrettem Schwarz/ Weiss und unkorrektem Supermini wedelten dort Staub. Echt waren sie nicht, nur lebensgrosse Modepuppen. Das muss man Starck lassen: Er besitzt ein untrügliches Gespür für Trends und für Kommunikation.

Als moderne Zitate des klassischen Kronleuchters kann man einige Leuchten des Designverlegers Anthologie Quartett bezeichnen: Da Kopien immer der definitive Beleg sind, dass ein Modell ein Markterfolg ist, liegt «Cellula» seit einigen Jahren ganz vorne in der Gunst der Käufer. An einem Aluminiumstab sind traditionelle, verschieden geschliffene Kristallteile zu einer funkelnden Reihe aufgefädelt, eine perfekte Leuchte für die beliebten langen Esstische. Neu ist ebenfalls «Vladimiro», eine runde Hängeleuchte mit asymmetrischen Kristallketten. Hier kann auch Farbe mit ins Spiel kommen, weiche Farbverläufe von Weiss bis Bernsteinfarben beispielsweise, aber auch viele andere.

poetische leuchtenkreationen

Wie sich internationale Avantgarde-Designer heute moderne Kronleuchter vorstellen, zeigte jetzt der international bekannte Hersteller der «Strass»-Kristalle, das österreichische Unternehmen Swarovski. Seine von André Heller gestalteten «Kristallwelten» in Wattens bei Innsbruck ziehen seit Jahren die Besucher in den Bann des funkelnden Materials. Im Umfeld der diesjährigen Mailänder Möbelmesse lud Swarovski zu einer faszinierenden Präsentation ein. Im maroden Charme einer alten Mailänder Werkstatt hingen poetische Leuchtenkreationen von fünf Designern. Eine rosafarbene Leuchte in Form einer Robe war da zu bewundern und ein zarter Ast voller Kristallblüten, genannt «Design Blossom» von Designer Tord Boontje. Der bekannte Engländer Nigel Coates verfremdete die klassische Kronleuchterform mit blauschimmernden Plexiglasarmen. Eine zarte Rauminstallation fügte Georg Baldele, der in London lebt, hinzu: «Stella Polare». Die kleinen Sterne aus Strass kommen durch frei hängende Kerzen zum warmen Strahlen. Diese einzeln schwebenden Kerzen hat Baldele vor einigen Jahren entworfen. Sie begeisterten auch den weltbekannten «Lichtpoeten» Ingo Maurer, der sie über sein Unternehmen vertreibt.

Wem selbst mit Kerzenlicht Kristallleuchten zu cool erscheinen, kann heute zwischen einer Vielzahl von schönen Kerzenleuchtern aus anderen Materialien wählen. Die romantische Stimmung von Kerzenlicht ist seit jeher begehrt, und in Kombination mit einem Hängeleuchter bekommt sie noch eine besonders stimmungsvolle Dimension. Der Künstler Bohuslav Horak hat einen grünen, schneckenförmig gewundenen «Ast» modelliert, auf dem fünfzehn Kerzen Platz finden. Wer ihn nicht über den Tisch hängen mag, kann auf eine Variante als Stehleuchter zurückgreifen, nur hat der dann nicht die grosse, dominante Wirkung. Andere Entwerfer hängen einen zarten Metallkorb über den Tisch mit einem umlaufenden Kerzenkranz. Die individuelle Dekoration des Korbes kann den Leuchter immer wieder verändern, ob Obstarrangement oder Adventsdekoration mit kleinen Geschenken oder lange, eingeflochtene Efeuranken. Die persönliche Kreativität wird durch solche gestalterischen Ideen so richtig angefeuert.

Auch Meister der Reduzierung wie Antonio Citterio beschäftigen sich mit eindrucksvollen Hängeleuchten, natürlich in ihrem formalen Radius. Der italienische Architekt und Designer nimmt eine dicke Glasplatte, lässt die Stromleiterbahnen metallisch aufdrucken und setzt oben drauf kleine Lampenschirmchen. Ein technisches wie ästhetisches Meisterwerk und die perfekte Beleuchtung für eine grosse Tafel ­ ob man es nun Kronleuchter nennt, ist die Frage des eigenen sprachlichen Empfindens. Eindrucksvoll ists allemal. Zur Wahl stehen übrigens ein Rechteck bzw. ein Oval mit jeweils acht Lichtquellen oder ein schlankes Band mit sechs.

Obwohl die Leuchte «Zoom» auch sehr asketisch aussieht, nennt man sie ohne Zögern sofort Kronleuchter, denn sie strahlt etwas Besonderes aus. Geschlossen hat sie gerade einmal einen Durchmesser von knapp zwanzig Zentimetern, ein Ring aus Federstahlstreifen und transluzenter Folie hängt an vielen Metalldrähten. Doch wenn «Zoom» sich aufplustert, kann sie jeden Durchmesser bis zum hundertdreissig Zentimeter erreichen. Ihr Geheimnis: Der Ring besteht aus scherenförmig miteinander verbundenen Einzelteilen, hinter denen innen kleine Halogenbirnen leuchten. Bei all ihrer formalen Einfachheit strahlt die von Floyd Paxton für die Firma Serien entworfene Leuchte etwas Üppiges, Orientalisches und Erhabenes aus ­ eben das, was Kronleuchter ausmacht.

Schon bald ein Stück Designgeschichte ist eine Leuchte, die zu den Protagonisten der «Neuen Bescheidenheit», des Purismus der 90er Jahre gehört. Dieser prägt heute ein ganzes Marktsegment und einen beliebten Wohnstil. Die Leuchte heisst «85 Bulbs», und genauso sieht sie auch aus: ein Bündel von 85 Glühbirnen mit einer einfachen Fassung und je einem Kabel. Dieser eindrucksvolle Kronleuchter für Minimalisten wird in einem Buch über «Droog Design» aus den Niederlanden, zu dessen Kollektion er gehört, sehr originell vorgestellt ­ bzw. er stellt sich selbst vor: «Ich gehöre nicht zu dieser -Sorte. Ich arbeite einfach in einer niederen Position, zusammen mit anderen gewöhnlichen Glühlampen, solchen Dingern, die nicht viel Wert haben. Ich mag die Idee, Kraft aus der Minderwertigkeit heraus zu bekommen. Man kann eben eine Glühbirne nicht vermeiden, sie gehört immer zur Lampenkonstruktion dazu. Sie sollten sich also nicht über ein Ding lustig machen, dem Sie nicht entkommen können, auch wenn ein Schirm darüber steckt.» Welche dieser 85 Bulbs hier gesprochen hat, weiss wohl nur der Designer Rodie Graumans oder das holländische Designer-/Verlegerpaar, das «Droog Design» mit seiner humorvoll-trockenen Art durch internationale Projekte und Ausstellungen in der Designwelt bekannt gemacht hat.

Klassik, Reedition oder Avantgarde

Für einige gehört zum «echten» Kronleuchter immer noch Glas und Farbe ­ in der handwerklichen Tradition der berühmten Glasbläser aus Murano. Ihre Kronleuchter zieren viele eindrucksvolle Räume in historischen und moderneren Gebäuden. Ganz nach dem eigenen Geschmack bieten italienische Leuchtenhersteller mit eigenen Manufakturen in Murano die ganze Palette: von der Leuchte nach historischem Vorbild bis zur Reedition von besonderen Designstücken aus der Zeit der klassischen Moderne. So hat vor kurzem das bekannte Haus Venini einen mehrarmigen Kronleuchter reeditiert, der ganz aus opalem Glas zu bestehen scheint. Das Meisterwerk, das in verschiedenen Farbvarianten erhältlich ist, gehört zum Werk des Architekten Giò Ponti, dessen bekanntester Bau das Pirelli-Hochhaus in Mailand ist, das Mitte der 50er Jahre entstand. Doch auch Elemente für ganz moderne Designs werden auf der Insel Murano in Form geblasen.

So kann heute jeder mit der Wahl «seines Kronleuchters», ob spektakuläre «klassische Replik» oder romantische Kerzenrunde, seine bevorzugte Feststimmung verbreiten. Oder seinen Designgeschmack dokumentieren oder sogar die eigene Haltung.

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