Hans Schweickardt steht die Bräune noch im Gesicht. Vor kurzem erst ist der Verwaltungsratspräsident des Stromriesen Alpiq aus seinen Ferien in Asien zurückgekehrt. Doch wirklich erholt fühlt er sich nicht. «Schlecht», fasst er seine aktuelle Stimmung zusammen. Er sei «tief betroffen» über den Unfall in Japan. Was, wenn das Kraftwerk bloss 20 Kilometer von Tokio entfernt gestanden hätte? Was, wenn die Millionenstadt hätte evakuiert werden müssen? «Unvorstellbar», entfährt es dem Strom-Manager.

Die Schweiz, in der Schweickardt kurz nach der Katastrophe landete, war nicht mehr die gleiche, die er drei Wochen zuvor hinter sich gelassen hatte. Vor seinem Urlaub bewegte vor allem eine Frage die Strombranche: Wo werden die Schweizer Stromfirmen als Erstes ein neues Atomkraftwerk bauen? Seit eine 14 Meter hohe Flutwelle die Reaktoranlage Fukushima überrollt hat, lauten die Fragen anders: Wird in der Schweiz je wieder ein AKW gebaut? Und müssen die alten Anlagen vorzeitig abgeschaltet werden?

Alpiq ist als grösstes Energieunternehmen des Landes von der neuen Ausgangslage stark betroffen. Der Konzern betreibt den Meiler von Gösgen und ist an jenem von Leibstadt beteiligt. Erst vor Weihnachten hatte er sich mit den Konkurrenten Axpo und BKW auf ein gemeinsames Vorgehen bei den drei Gesuchen für neue AKW geeinigt. Alpiq selbst wollte bei Gösgen einen neuen Reaktor aufstellen.

Alpiq steht hinter Sistierung

Schweickardt macht klar: «Auch Alpiq steht hinter der Sistierung der AKW-Gesuche». Diese war von Energieministerin Doris Leuthard gleich nach der Katastrophe angeordnet worden. Er widerspricht der im «Sonntag» kolportierten Geschichte, Axpo-Chef Heinz Karrer habe das Gesuch für den Bau eines neuen AKW zurückziehen wollen, sei aber von Alpiq gehindert worden: «Das ist absolut falsch.» Als die Situation in Japan eskalierte, hätten Axpo, BKW und Alpiq Rücksprache genommen. Man sei zum Schluss gekommen, dass man Leuthards Sistierung begrüsse. «Es wäre das schlechteste überhaupt, wenn die drei Firmen jetzt auf eigene Faust vorgehen würden», betont der Alpiq-Verwaltungsratspräsident.

Klar ist für Schweickardt, dass der bisherige Zeitplan heute Makulatur ist. «Zuerst müssen wir wissen, was in Japan passiert ist.» Die Erkenntnisse müssen in Neubauprojekte einbezogen werden. Es werde einige Zeit dauern, bis die Ergebnisse vorliegen, sagt Schweickardt. Er glaubt darum nicht, dass eine AKW-Abstimmung vor den nächsten Wahlen 2015 realistisch ist.

Nur: Können die sistierten Gesuche überhaupt je wieder aufgenommen werden? Immerhin wird das inzwischen bis weit in die bürgerlichen Parteien hinein bezweifelt. Darüber könne man nur spekulieren, sagt Schweickardt. Längerfristig gehe es um die Beantwortung einer klaren Frage. Ist der Klimaschutz wichtiger? (Atomkraftwerke stossen kaum CO₂ aus). Oder ist es wichtiger, die Risiken der Kernkraft völlig auszuschalten und auf Neubauten zu verzichten? «Diese Diskussion muss man führen und danach die Weichen stellen.» Doch er sagt auch: «Aus reinem Bauchgefühl habe ich heutzutage gewisse Zweifel, dass die vorgesehenen Anlagen wie geplant ausgeführt werden können. Zu dieser Beurteilung ist eben die sachliche Analyse der Unfallvorgänge notwendig.»

Wie es auch immer kommt: Alpiq muss sich mit dem Szenario beschäftigen, dass sich in der Schweiz keine AKW mehr bauen lassen. Als Erstes wäre in einem solchen Fall allerdings die bundesrätliche Energiepolitik gefordert, sagt Schweickardt. Sie ging bisher vom Bau neuer Kernkraftwerke aus. Es werde nötig, erneut das Potenzial erneuerbarer Energien abzuschätzen oder des Bezugs aus dem Ausland.

Heute stammen 40 Prozent des Schweizer Stroms aus Atomkraft. «Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben: Wind, Photovoltaik und andere erneuerbare Energieformen sind noch weit davon entfernt, diese Menge zu ersetzen.» Schweickardt glaubt darum: «Wir werden irgendwann das Wort Gas in den Mund nehmen müssen.» Der Alpiq-Verwaltungsratspräsident hat schon bisher die Meinung vertreten, dass der Bau einiger weniger Gaskraftwerke als Überangslösung nötig werden könnte, bis die neuen Kernkraftwerke ans Netz kommen. Fliessen zudem mehr erneuerbare Energien aus Wind und Sonne ins Netz, können Gaskraftwerke helfen, das Netz stabil zu halten, wenn Sonnenschein oder Wind für einmal ausbleiben.

Blockierte Gaskraftwerke

Bisher allerdings ist der Bau von Gaskraftwerken in der Schweiz blockiert worden – nicht nur von Linken und Grünen, die solche Anlagen aus Gründen des Klimaschutzes ablehnen. Sondern auch von bürgerlichen Politikern. Diese unheilige Allianz hat einen taktischen Grund. Die bürgerliche Seite war überzeugt: Das Schweizer Stimmvolk bewilligt nur entweder Gaskraftwerke oder AKW – nicht beides. Das Parlament beschloss darum, dass die Betreiber der Gaskraftwerke den CO₂-Ausstoss primär in der Schweiz kompensieren müssen und nicht im Ausland. Das wäre die Stromfirmen sehr teuer gekommen und sie legten die Projekte als unwirtschaftlich in die Schublade.

Nun sind die Perspektiven der Atomenergie unsicher geworden – erhöht das die Chancen der Gaskraft? «Das muss die Politik entscheiden», sagt Schweickardt. Wenn die Schweiz im Alleingang die Strompreise «unattraktiv» gestalte, schade sie der Konkurrenzfähgikeit des Wirtschaftsstandortes. Er fordert, die Frage der Kompensation neu zu beurteilen. Es solle den Betreibern von Gaskraftwerken überlassen werden, wo sie den Ausstoss der Klimagase kompensieren wollen.

Nach der Atomkatastrophe in Japan ist eine solche Anpassung der Gesetze wohl kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Schweickardt beobachtet jedenfalls, dass sich die negative Haltung gegenüber Gaskraftwerken aufweicht, sogar im linken und grünen Lager. Und noch ein weiterer Umstand könnte den Bau von Gaskraftwerken fördern: Die laufenden Verhandlungen der Schweiz mit der EU. Im Rahmen der Gespräche geht es auch um eine Verknüpfung der Emissionshandelssyteme der Schweiz und der Europäischen Union. Ziel dieses Systems ist es, Emissionen dort zu reduzieren, wo die Kosten am tiefsten sind – also etwa, indem man mit Geld aus dem Zertifikatehandel alte Kohlekraftwerke in Osteuropa ersetzt.

Für die Schweiz wäre die Verknüpfung mit dem EU-Zertifikatehandel gemäss verschiedenen Experten wohl nur zu haben, wenn Schweizer Gaskraftwerken die Kompensation ihres CO₂-Ausstoss im Ausland erlaubt wird. Schweickardt sagt dazu: «Die Schlussfolgerung, dass Ausnahmen in einem solchen System schwierig zu erreichen sind, ist nicht von der Hand zu weisen.» Die Schweiz müsse sich überlegen, ob sie am Emissionshandelssystem teilnehmen wolle, auch wenn sie Ausnahmen aufgeben müsse. «Durch die grundsätzliche Frage nach der Zukunft der Kernenergie könnte sich hier etwas bewegen», glaubt Schweickardt. Zentral sei allerdings, dass die Betrügereien bei der CO₂-Kompensation abgestellt werden.

 

Kernkraft

Stilllegung SP-Präsident Christian Levrat hat angekündigt, seine Partei wolle einen Plan für den Ausstieg aus der Atomenergie vorlegen. Und er forderte, das Kernkraftwerk Mühleberg sei sofort vom Netz zu nehmen, die beiden Blöcke in Beznau in den kommenden Jahren. Bis 2030 müssten auch Gösgen und Leibstadt stillgelegt sein, sagte Levrat im «Blick».

Kosten Alpiq-Präsident Hans E. Schweickardt warnt vor einem raschen Ausstieg. Können in dieser Zeit keine Gaskraftwerke oder keine neuen Stromleitungen gebaut werden, «wird der Industriestandort Schweiz umgepflügt», sagt er. Wegen der steigenden Strompreise müsste Industrie abwandern. Das hätte Folgen: «Wir werden an einen Punkt kommen, an dem unser Wohlstand in Frage gestellt ist.» So würden die Einnahmen fehlen, um die Sozialsysteme zu finanzieren. Wie hoch die Strompreise steigen würden, lässt sich laut Schweickardt nicht prognostizieren.

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