Die Idee eines neuen Atomkraftwerks (AKW) in der Schweiz hat zuerst Alessandro Sala, der Vorgänger des heutigen Chefs des Energiekonzerns Atel, Giovanni Leonardi, im Frühling 2004 aufgeworfen. Das kam nicht überraschend: Denn Atel ist an den beiden AKW Gösgen und Leibstadt beteiligt. Wolle die Schweiz autonom bleiben und nicht von Stromimporten abhängig werden, führe kein Weg an neuen nuklearen Grossanlagen vorbei, hob Leonardi die Idee auf eine politische Ebene.

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Option Nuklearenergie

In der Zwischenzeit haben die weiteren Stromriesen, Axpo, BKW und EOS, eine ähnliche Position bezogen, am deutlichsten Axpo-Chef Heinz Karrer. Zwar räumt er den erneuerbaren Energien (Geothermie, Kompogas, Wind, Solar) durchaus Platz ein. Aber damit könnten, so die Berechnungen der Axpo, im Jahre 2030 bloss 6% des eigenen Strombedarfs gedeckt werden. Also brauche es eine Doppelstrategie mit einem neuen AKW. Daneben will Karrer die Wasserkraft ausbauen. Ins Wasser- und Pumpspeicherwerk Linthal werden dafür bis 2015 rund 1 Mrd Fr. investiert. Weiter soll ein Gaskombikraftwerk gebaut werden. Bis 2030 will die Axpo 5 Mrd Fr. in Produktion und Netze investieren. Nochmals so viel Geld würde ein neues AKW kosten.

BKW-Direktor Kurt Rohrbach möchte als erste Massnahme gegen die drohende Versorgungslücke die Bewilligung für das AKW Mühleberg, das im Jahre 2020 abgeschaltet werden soll, um fünf bis zehn Jahre verlängern lassen. Das Problem wäre damit aber noch nicht gelöst. Die BKW sind an den französischen AKW Fessenheim und Cattenom beteiligt, und auch diese Quellen drohen ab 2020 zu versiegen. Zwar investieren auch die BKW bereits Millionen in erneuerbare Energien, etwa in das Windkraftwerk auf dem Mont Soleil oder das Solarkraftwerk im Stade de Suisse in Bern. Doch damit kann nicht mehr als ein Bruchteil des zusätzlich benötigten Stroms erzeugt werden. «Letztlich bleiben nur Weiterentwicklungen bestehender Technologien, wobei die Option Kernenergie offen zu halten ist», sagt Rohrbach.

Die Zeit drängt

Nicht anders tönt es bei Hans Schweickardt, CEO der Energie Ouest Suisse (EOS), des grössten Stromversorgers der Westschweiz. «Wir können uns den Luxus nicht erlauben, auf die nukleare Option zu verzichten», sagt er. Als Übergangslösung müsse die Stromerzeugung mit neuen Gaskombikraftwerken sichergestellt werden.

Auch die verschiedenen Wirtschaftsverbände setzen auf die Karte Kernkraft. Urs Näf, Energiedossierverantwortlicher bei der Economiesuisse, sieht keine Alternative. Mit Stromsparen und einer höheren Effizienz könne die drohende Versorgungslücke bestenfalls gemildert werden. «Ein modernes AKW hingegen könnte mit 12 TWh etwa 20% des heutigen Bedarfs abdecken zu günstigen Kosten von 4 bis 5 Rp./ kWh», sagt er. Strom aus Gaskraftwerken jedoch zur Substitution der Kernkraft kommt für Economiesuisse wegen der hohen Gaspreise und der CO2-Abgabe nicht in Frage. Er befürchtet spätestens in 30 Jahren eine ernsthafte Versorgungskrise, wenn nicht bereits in den nächsten zehn bis 15 Jahren ein neues AKW gebaut werden könne.

«Die Diskussion über das Kernkraftszenario muss sofort aufgenommen und die Weichen für den Ersatz von Mühleberg und Beznau müssen jetzt gestellt werden», fordert Walter Müller, Ressortleiter Umwelt &Energie bei Swissmem. Auch er hält Gaskraftwerke aufgrund ihres CO2-Ausstosses für keine sinnvolle Übergangslösung. Aber die Verdrängung der Frage der Stromversorgung «bedeutete letztlich, dass wir immer mehr auf Importe angewiesen wären, was zu höheren Preisen und Versorgungsunsicherheit führt», so Müller.

Verbesserte Sicherheit

Zurückhaltender äussert sich das Bundesamt für Energie (BFE). Matthias Gisler, Leiter Sektion Energiepolitik: «Kurz- und mittelfristig sehen wir ein neues AKW nicht als realistische Option.» Beantwortet werden müssen laut Gisler zwei Fragen: Was leisten bis dann die erneuerbaren Energien? Und wie sicher sind dann die AKW?

Beim Paul Scherrer Institut (PSI) verweist man auf den Druckwasserreaktor der Generation 3, wie er gegenwärtig in Finnland gebaut wird: Ein sicherheitstechnischer Quantensprung. Bei jenen Reaktortypen, die in 20 Jahren in der Schweiz gebaut werden könnten, wäre der Sicherheitslevel nochmals höher. Zudem könnten diese Reaktoren den Energiegehalt von Uran viel besser ausschöpfen. Damit würde sich das Abfallvolumen reduzieren und die notwendige Lagerzeit für das Abklingen der Radioaktivität verkürzen. Die Befürworter der Kernenergie betonen, dass vor dem Bau einer neuen Anlage zuerst die Entsorgungsfrage für Atommüll gelöst werden müsse.

É aber ungelöste Entsorgung

Allerdings verrät der in diesem Frühling vom BFE vorgelegte Sachplan-Entwurf keine Eile. Die Inbetriebnahme eines Lagers für schwach- und mittelaktive Abfälle wäre frühestens ab 2030 und eines Lagers für hochaktive Abfälle ab 2040 denkbar.

Axpo-Chef Karrer ist dennoch optimistisch. Er glaubt, dass angesichts der drohenden Versorgungslücke eine Bewusstseinsänderung in der Bevölkerung eintreten werde. Letztlich ist eine politische Mehrheit der entscheidende Faktor, denn laut Kernenergiegesetz hat das Volk das letzte Wort. Klar ist, dass die Gegner der Kernkraft alle Rechtswege ausschöpfen werden. Daran lässt Jürg Buri, Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES), keine Zweifel. «Die Leier von der Stromlücke ist reine Angstmacherei», kritisiert er. Die SES werde der Schweiz aufzeigen, dass es volkswirtschaftlich billigere Alternativen zur Kernenergie gebe. «Falls auf die Karte Kernkraft gesetzt wird, wird sich die SES mit allen Mitteln dagegen wehren.»

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Johann Schneider-Ammann: «Wir wollen an der Akzeptanz arbeiten»

Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann setzt zur Schliessung der Versorgungslücke auf die Karte Kernkraft.

Sie plädieren zur Sicherung einer billigen Stromversorgung für neue Atomkraftwerke. Wie stellen Sie sich die politische Durchsetzung dieser Forderung vor? Es geht nicht um «billigen» Strom, sondern um die Frage, wie wir langfristig eine wirtschaftliche, zuverlässige und ausreichende Stromversorgung sicherstellen können. Der Souverän ist sich nicht bewusst, dass wir bei kontinuierlich steigendem Konsum und demnächst rückläufigen Produktionskapazitäten auf eine Versorgungslücke zusteuern. Wir müssen über die Optionen sprechen, die uns zur Verfügung stehen. Kernkraft ist eine Möglichkeit der Stromproduktion, die gerade im umwelt- und energiepolitischen Umfeld deutlich an Attraktivität gewonnen hat. Letztlich entscheidet die Gesellschaft über neue Kernkraftwerke.

Die Chancen dafür sind sehr gering, da schon die technisch mögliche Endlagerung von Atommüll politisch verunmöglicht wird. Ohne die politische Akzeptanz der Endlagerung wird es in der Schweiz wahrscheinlich nicht möglich sein, neue Kernkraftwerke zu bauen. Daran wollen wir arbeiten. Diejenigen, die ein Endlager als Faustpfand für den Ausstieg aus der Kernenergie verwenden wollen, spielen ein unlauteres Spiel. Wir sind verpflichtet, ein Endlager zu bauen.

Die finanziellen Hürden beim Bau dürften sehr hoch sein. Wie sollen Investoren für solche Projekte gewonnen werden? In einem politisch stabilen Umfeld kann ein Kernkraftwerk wirtschaftlich betrieben werden. Die Gestehungskosten in einem neuen Kernkraftwerk liegen zwischen 45 Rp./kWh. Kommt dazu, dass ein Grossteil der Investitionen im Inland erfolgt, während bei der wohl einzigen Alternative, den Gaskraftwerken, der grösste Teil des Geldes für den Brennstoff ins Ausland abfliesst.

Sie wollen der Schweiz gute Bezugsbedingungen auf dem EU-Strommarkt sichern. Wie soll das mit Hilfe des Elektrizitätsmarkt- und Stromversorgungsgesetzes konkretisiert werden? Inhaltlich regen wir an, dass die im Elektrizitätsgesetz vorgesehenen Bestimmungen bezüglich Vorrang und Ausnahmen von den Auktionen als unverrückbar gegenüber der EU-Kommission bezeichnet werden. Die Bestimmungen im Stromversorgungsgesetz sind unzureichend, da sie nicht generell den inländischen Verbrauch, sondern nur bestimmte Kundengruppen privilegieren. Das begünstigt die monopolistischen Strukturen in der Strombranche, was nicht im Interesse einer Martktöffnung sein kann.

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Die Renaissance der Atomkraftwerke

Um den weltweit steigenden Strombedarf abzudecken, wird in den nächsten 30 Jahren alle zwei Tage ein Kraftwerk im Leistungsbereich von Gösgen benötigt. Der Grund: Die Zahl der Menschen steigt, die Entwicklungs- und Schwellenländer brauchen für ihr Wachstum und die Industrieländer für ihre steigenden Komfortansprüche mehr Strom. Im Moment ist zwar in den westlichen Industrieländern nur ein einziges AKW (in Finnland) im Bau, doch das könnte sich schnell ändern. Frankreich plant neue AKW, und in Deutschland ist der Ausstieg aus der Kernkraft unter Angela Merkel längst nicht mehr sakrosankt. Weltweit erlebt die Kernkraft gegenwärtig eine Renaissance. 24 AKW sind momentan im Bau, wovon 15 im Fernen Osten. Indien, das acht neue AKW baut, will bis 2050 die Atomstromproduktion verzehnfachen. China wird in den nächsten Jahren 18 AKW bauen, Südkorea hat elf geplant. Den Konzernen ABB, Siemens, General Electric und Alstom winken Milliardenaufträge. Um den Rohstoffbedarf an Uran zu sichern, hat China langfristige Belieferungsverträge mit Australien abgeschlossen. Auch Länder wie Indonesien, Thailand und Vietnam erwägen den Einstieg in die Nuklearenergie. Die atomareStromproduktion wird sich, wenn alle geplanten AKW gebaut werden, bis 2030 um das Zweieinhalbfache erhöhen.