Altenmarkt im Pongau, 80 Kilometer von der Festspielstadt Salzburg entfernt. Es hat leichte Minusgrade, die Sonne vertreibt die letzten Nebelfelder aus dem breiten Tal mitten in der hoch frequentierten Tourismusregion im Salzburger Land. Weisser Rauch steigt von der grössten Skifabrik der Welt hoch. Am Rande des 4200-Seelen-Ortes produziert Atomic seit 1971 Ski. Bis zu 680 000 Paar der Marken Atomic, Salomon, Armada und Volant werden hier jedes Jahr gepresst. Vor der Fabrik parken Servicewagen einiger Rennläufer.

Der Bandscheibenvorfall von Manuel Feller sorgt bei den Technikern für Gesprächsstoff: Einer, der als Atomic-Sportler in die Fussstapfen des grossen Marcel Hirscher treten soll, fällt für Wochen aus. Drinnen das schlichte Büro von Atomic-Chef Wolfgang Mayrhofer. An der Wand hängt ein Poster von Vail. Sonne durchflutet den Raum. Die Skisaison hat eben begonnen. Mayrhofer kann von seinem Büro auf die verschneiten Hänge von Flachau, der Heimat der Skilegende Hermann Maier, sehen.

Wären Sie jetzt lieber auf der Piste?
Das ist fast Psychoterror, rundherum die Skigebiete. Aber ich fahre am Wochenende.

Wann sind Sie in die Skisaison gestartet?
In Sölden beim ersten Weltcuprennen. Um halb sieben geht es rauf. Man ist komplett alleine auf der Piste. Die Sonne geht auf, das ist ein super Erlebnis.

Wie viel Paar Ski haben Sie?
So sieben. Ich teste Prototypen und wechsle per­manent.

Kann man Ski überhaupt noch weiterentwickeln?
In den vergangenen zehn Jahren hat sich sehr viel ­getan. Der Standard, den wir jetzt haben, ist schon sehr hoch. Aber es ist immer noch viel möglich.

Woran tüfteln Sie in Ihren Entwicklungsabteilungen?
An der nächsten Innovation, die etwa dem euro­päischen Carver mehr Grip bringt oder es dem Amerikaner leichter macht, im Tiefschnee zu fahren.

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Gibt es regional so grosse Unterschiede?
Ja, enorme. In Europa will die Mehrheit einen perfekten Schneeteppich, der möglichst wenig Probleme macht. Der Nordamerikaner ist glücklich, wenn er unpräparierte Pisten im Pulverschnee runterfahren kann. Für ihn ist Skifahren ein Abenteuer.

Woher kommt der Unterschied?
In Europa ist die Inspirationsquelle der alpine Rennsport. Man eifert den Rennläufern bis zu einem gewissen Grad nach. Wenn man Marcel Hirscher fahren gesehen hat, ist das ein unvergessliches Erlebnis. In Nordamerika sind die Idole Freeskier.

Aber im Grossen und Ganzen entwickeln Sie weiter und bringen nichts komplett Neues, oder?
Wir haben komplett neue Ski am Reissbrett ent­wickelt. Carver und Tourenski ähneln sich so wenig wie ein Porsche einem elektrischen Kleinstwagen. Bei Skischuhen ist die Innovation noch dramatischer. Skischuhe haben im Vergleich zu vor vier oder fünf Jahren das halbe Gewicht. Der Tourentrend hat viel bewirkt. Die Anpassung der Skischuhe wurde auf ein ganz neues Niveau gebracht. Sie werden ­erhitzt und massgeschneidert. Der drückende Schuh ist Geschichte. Zudem kann man mit diesen Ski­schuhen dank der aufgebogenen Sohle auch noch gut gehen.

Wie arbeiten Sie den Trend zur Digitalisierung ab?
Wir bringen jetzt einen Digital oder Connected Boot. In dem Schuh befinden sich Sensoren. Diese messen Dinge wie Fliehkräfte, Schwunganzahl, Höchstgeschwindigkeit. Der Fahrer sitzt nach der Fahrt auf dem Sessellift und sieht auf einer App, wie balanciert er auf dem Ski steht, ob zu weit vorne, zu weit hinten oder zu weit innen. Es ist extrem lässig. Man kann sich mit Freunden messen. Dazu gibt es noch Tipps von Benni Raich oder US-Skistar Daron Rahlves.

Aber der Schuh greift nicht in die Fahrt ein, oder?
Nein, fahren muss man noch selbst.

Verwenden Sie solche Spielereien?
Schon seit einem Jahr, ich war bei der Entwicklung dabei. In Zukunft werden viele Produkte digitaler. In den kommenden ein bis zwei Jahren werden in unseren wichtigen Kategorien – Ski, Schuhe, Helme, Brillen – Produkte mit Sensoren, die mit Apps verbunden sind, auf den Markt kommen.

Ist Personalisierung auch im Skisport ein Trend?
Bei uns können Sie seit Jahren Ihren eigenen Ski de­signen. Wir bedrucken den nach Ihren Vorstellungen, und das ohne Zusatzkosten. In unseren Pro-Centern stimmen wir für Profis und diejenigen, die es werden wollen, das Material perfekt ab.

Bewegte Geschichte

Wolfgang Mayrhofer ist mit Atomic seit Jahrzehnten verbunden. 1986 begann er beim Skihersteller zu arbeiten, seit 2011 führt er Atomic Austria. Seit 2018 ist er Sprecher der österreichischen Skiindustrie. Die Hälfte der global verkauften Ski stammt von Austro-Herstellern. Atomic hat eine bewegte Geschichte: Der legendäre Alois Rohrmoser gründete die Firma 1955. In der Spitze produzierte der Konzern in Altenmarkt, Wagrain und Bulgarien jährlich über eine Million Paar Ski. In den 1990er Jahren verpasste Atomic den Umstieg auf die Schalenskitechnologie und schlitterte in eine Krise. Die Hausbank Bawag sperrte die Konten und schickte den Konzern, laut Gründer Rohrmoser ungerechtfertigterweise, in den Konkurs. Die Bank hatte nach dem Zusammenbruch von Karibik-Geschäften Geldbedarf. 1994 wurde Atomic an die börsenkotierte finnische Amer-Gruppe verkauft. Im März 2019 ging Amer Sports und damit Atomic für 4,6 Milliarden Euro an ein Konsortium mit Chinas Sportriesen Anta, dem Unternehmer Chip Wilson und Tencent. Atomic ist vor Rossignol und Head Weltmarktführer.

Wolfgang MayrhoferAtomicfür Bilanz MagazinAltenmarkt, 06.12.2019

Atomic-Chef Wolfgang Mayrhofer mit einem von Tausenden Druckgittern. Die Österreicher halten Rossignol und Head mit Innovationen auf Distanz.

Quelle: Daniel Delang für BILANZ

50 Prozent der Ski werden bereits geliehen. Ist der Trend zu Rental für Sie eine Bedrohung?
Vor zehn Jahren war Rental ein Bedrohungsszenario, dann wurde die Industrie restrukturiert, die Skifirmen wurden der Marktgrösse angepasst. Ich glaube, dass bei Rental mit 60 Prozent das Maximum erreicht ist. Es ist auch gut, dass es den Verleih gibt. Die Einstiegsbarriere ist so deutlich geringer. Die Sehnsucht, in die Berge zu gehen, ist bei den Menschen sehr gross. Schnee wird immer ein wenig exotischer, das ist ein Zugmittel. Das hängt auch mit dem Klima zusammen.

Die Klimaerwärmung sehen Sie also nicht als Bedrohung für Ihre Geschäfte?
Im Sommer und im Winter gehen mehr Leute in die Berge als früher, die Statistik zeigt uns das klar. Im Sommer zieht es kaufkräftige Senioren in die kühleren Regionen. Das Angebot hat sich hier deutlich verbessert. Gleichzeitig sind die Ski so viel einfacher zu fahren und die Schuhe so viel komfortabler. In Deutschland gibt es sehr erfolgreiche Kampagnen für Wiedereinsteiger.

Aber steigende Temperaturen bedeuten weniger Schnee. Ist das denn kein Problem für den Absatz?
Habe ich Kältefenster von 72 Stunden, kann ich Berge heute komplett zuschneien. Der Schnee wird präpariert und bleibt. Pistengeräte bauen die Schneedecke mit Hilfe von Sensoren millimetergenau auf. Die Innovation ist so gross, dass uns nicht bange ist, auch wenn die Temperaturen steigen.

Aber der Klimawandel ist Ihnen nicht egal, oder?
Nein, im Gegenteil. Wir haben schon vor zehn Jahren auf eine Hackschnitzelheizung umgestellt, schon damals wegen der Umwelt. Wir sind auf gutem Weg, Co2-neutral zu produzieren. Da wir vom Schnee leben, ist das ein Muss.

Seit Ihre Muttergesellschaft Amer Sports im März 2019 an den Sporthandelsriesen Anta verkauft wurde, haben Sie einen chinesischen Eigentümer. War das im ersten Moment ein Schock?
Es war auf den ersten Blick überraschend, aber bei genauerer Betrachtung nachvollziehbar. Das von Anta geführte Konsortium, an dem auch der kanadische Unternehmer Chip Wilson und der chinesische Internetriese Tencent beteiligt sind, hat auf einen Schlag enorm starke Marken bekommen. Neben Atomic zählen Wilson, Salomon, Suunto, Peak Performance dazu. Die kann Anta über das 10 000 Filialen grosse Vertriebsnetz in den boomenden chinesischen Sportmarkt bringen.

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Im Westen scheint es eine regelrechte Furcht vor chinesischen Eigentümern zu geben. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Durchwegs gut. Gerade als die Übernahme kam, standen wir vor grossen Investitionen in ein Logistikzentrum. Alle Investitionsprojekte wurden genehmigt. Das ist sehr positiv.

Und Sie werden nicht stärker kontrolliert als vorher?
Das Monatsreporting ist ein wenig schärfer, aber insgesamt habe ich das Gefühl, dass die neuen Eigentümer langfristiger denken, eben wie in China üblich in den Fünfjahresplänen. Zuvor waren wir Teil eines börsenkotierten Unternehmens. Da catcht man sich von einem zum nächsten Quartal und muss wirklich pushen, um besser zu sein als im Quartal zuvor.

Wie läuft die Kommunikation?
Anta-Chef Ding Shizhong ist ein Selfmademan. Er hat grossartige, international ausgebildete Manager, die wissen, wie es geht. Sie sprechen unsere Sprache. Ding Shizhong und Chip Wilson sind sehr, sehr erfahrene Geschäftsleute, die auch gute Tipps haben, wie man die Marke entwickeln und das Geschäft noch ein Stück verbessern kann. Zudem haben wir in China jetzt ein Netzwerk, von dem wir vor zwei Jahren noch Lichtjahre entfernt waren.

Wolfgang Mayrhofer Atomic für Bilanz Magazin Altenmarkt, 06.12.2019

Nachhaltig unterwegs: Schon vor zehn Jahren stellte Mayrhofer von Öl- auf Hackschnitzelheizung um. Man ist auf gutem Weg, klimaneutral zu produzieren. Angst vor dem Klimawandel hat er aber nicht.

Quelle: Daniel Delang für BILANZ

China ist der Hoffnungsmarkt der Skibranche. ­Warum ist es der Zentralregierung so wichtig, Leute zum Wintersport zu bringen?
Sie will, dass die Chinesen sportlich und glücklich sind. Das Thema wird wegen der Olympischen Winterspiele 2022 gepusht. In Videos steht der Ministerpräsident am Berg und jubelt Kindern zu, die mit den Ski runterfahren. In Wintersportregionen werden Kinder ab dem kommenden Winter in den Skikurs gehen. Es laufen riesige Programme. Die Regierung will 300 Millionen Chinesen zum Wintersport bringen. In den Einkaufsstrassen in Peking stehen in Luxus­läden zunehmend Ski in den Auslagen. Man sieht, das Skifahren wird immer mehr zum Thema.

Können Chinesen Ski fahren?
Meist noch nicht, aber das Interesse ist sehr gross. Da ist es wichtig, dass das erste Erlebnis positiv ist. Kommt man nicht in Schuh und Ski und fällt auch noch hin, versucht man es wohl nicht wieder. Daher ist es wichtig, vor Ort Leute zu haben, die beim Einstieg helfen. Wir nehmen das sehr ernst und investieren. Beispielsweise statten wir mit anderen österreichischen Skiherstellern 1000 chinesische Skilehrer mit Ausrüstung aus.

Werden die Gebiete jetzt erst erschlossen?
Nein, es gibt bereits 70 bis 80 qualitativ sehr gute. ­Jedes Jahr kommen 15 bis 20 neue Gebiete hinzu. Es schneit wenig dort, aber es ist sehr kalt, sie können deshalb gut Schnee machen. Sie haben tolle Lifte, die besten Pistengeräte und Schneekanonen. Jetzt müssen wir schauen, dass die Software rüberkommt.

Ist Österreich für China das richtige Modell?
Sie nehmen Teile auf. Der chinesische Staatsminister war vor drei oder vier Jahren bei uns. Der hat sich angeschaut, was Skifahren für ein Sport ist. Entwickelt wird aber das amerikanische und nicht das europäische Modell. Die Company pachtet den Berg, stellt dort Lifte auf, baut Hotels und verleiht die Ski. Bei diesen Resorts kommt alles aus einer Hand.

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Peking will bei den Spielen sicher auch Chinesen auf dem Podest sehen. Ist das im Skisport möglich?
Beim alpinen Rennsport ist es unmöglich, aber es gibt Bereiche wie Buckelpiste oder Slope Style, Park und Pipe, in denen China extrem stark ist. Sie machen ­jugendliche Turner zu Wettkämpfern. Ich habe sie trainieren gesehen. Die Chinesen sind extrem stark.

Wie gross wird der chinesische Markt in fünf Jahren sein?
Momentan verkauft die ganze Branche in China ­jährlich 60 000 bis 70 000 Paar Ski. Allein in Österreich waren es 2018/19 mehr als 410 000 Paar. Aber das Wachstum ist in China rasant. Vor fünf Jahren waren es 500 oder 1000 Paar. Bis 2022 wird der chinesische Markt auf die Grösse des Schweizer Marktes mit rund 300 000 Paar angewachsen sein, da bin ich mir ziemlich sicher.

Wird China in Zukunft der grösste Markt der Welt?
Wir kämpfen darum, dass die Entwicklung nicht wie eine Sternschnuppe verglüht. Sotschi war so ein Fall.

Wie hart ist Konkurrenzkampf in der Skiindustrie?
Hart, weil der Markt nur zwei bis drei Prozent wächst. Im Prinzip ist es ein Verdrängungswettbewerb.

Also werden Skihersteller vom Markt verschwinden?
Das ist möglich.

Wie steht es um Stöckli?
Stöckli hat sehr starke Wurzeln in der Schweiz. Die Schweizer passen auf ihre Skimarke auf. Das ist auch in unserem Interesse. Wir arbeiten mit Stöckli gut zusammen, sie haben unsere Bindungen auf ihren Ski drauf.

Wolfgang MayrhoferAtomicfür Bilanz MagazinAltenmarkt, 06.12.2019

Die grösste Skifabrik der Welt: Rund 500 Mitarbeiter werken in Altenmarkt in der Skiproduktion. Sie stellen jährlich 600 000 bis 680 000 Paar Ski der Marken Atomic, Salomon, Armada und Volant her.

Quelle: Daniel Delang für BILANZ
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Mit Marcel Hirscher hatten Sie den Skistar unter Vertrag. Wie geht es nach seinem Rücktritt weiter?
Wir kooperieren weiter. Ein Vertrag wurde kürzlich unterschrieben, die Arbeit hat bereits begonnen. ­Gemeinsam mit Marcel entwickeln wir die nächste Generation des Rennskis von Atomic.

Was macht er konkret?
Er testet mit unseren Ingenieuren die Ski und bringt seine Ideen ein. Marcel ist mit ein Produktfreak.

Österreich macht sich seit dem Abgang von Hirscher Sorgen um die Zukunft des Skisports. Zu Recht?
Für den Nachwuchs ist es eine Chance. Aber Marcel hinterlässt natürlich eine Lücke. Ich sehe niemanden, der so fährt wie er. Er ist anders Ski gefahren, die Art und Weise, wie er den Sport betrieben hat, mit dieser Konsequenz und dieser Ambition. Alles so reinzuhauen wie er, ist unvergleichlich.

Dabei geben aber auch andere Profisportler 110 Prozent. Wie kann man die so in den Schatten stellen?
Es kommt alles zusammen. Die Art, Ski zu fahren, diese unglaublich robuste Technik, die er hat, die wahnsinnige mentale Stärke, die akribische Vorbereitung, egal ob es das Material oder seinen Körper betrifft. Er war seiner Zeit voraus und hat den Skirennsport revolutioniert. Wir verstehen jetzt erst, wie einzigartig seine Leistung war. Es wird wohl nie mehr einen Skisportler geben, der den Weltcup zehnmal gewinnt.

Wie hat er am Material gearbeitet?
Er hatte ein unglaubliches Gefühl fürs Material. Die Ski hat er regelmässig auf der Reiter Alm getestet und weiterentwickelt. Legendär ist auch sein Gespür für den richtigen Schuh. Er hat im zweiten Durchgang ­einen komplett anderen Schuh verwendet, weicher, mehr Winkel, mehr Keil, mehr Neigung. Ein Normal­sterblicher fährt dann wie der erste Mensch, Marcel 1,5 Sekunden schneller als im ersten Durchgang.

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Wie haben Sie ihn unterstützt?
Mit fünf bis sechs Leuten. Wir haben an einem Tag neue Ski gemacht, eingefeilt und sie mitten in der Nacht nach Frankreich oder in die Schweiz gefahren.

Wie viel Paar Ski verbrauchte Hirscher?
Wir haben jede Saison 150 bis 180 Paar speziell für ihn gemacht. Normal wären im Weltcup für einen Athleten 30 bis 40 Paar. Über die gesamte Laufbahn hat Hirscher also sicher 2000 bis 3000 Paar verbraucht.

Haben Sie auch Schweizer Sportler unter Vertrag?
Ja, etwa Mauro Caviezel, der in Lake Louise Dritter wurde. Wir haben auch gute Mädels wie Joana Hählen. Die Schweizer sind momentan sehr stark. Wir könnten noch den einen oder anderen dazunehmen. Für uns ist die Schweiz ein wichtiger Markt, dort wollen wir auch gute Athleten unter Vertrag haben.