Das Tal der Tränen hat die internationale Atomindustrie längst hinter sich gelassen. Rund um den Globus erlebt die höchst umstrittene Kerntechnologie eine beeindruckende Renaissance. Alleine in Europa wollen Grosskonzerne wie Westinghouse, General Electric/Hitachi oder Areva knapp 20 neue Meiler verkaufen - zwei davon in der Schweiz.

Das Jahrhundertprojekt sprengt beinahe alle Dimensionen: 14 bis 18 Milliarden Franken werden die beiden Atomkraftwerke kosten, welche die Stromversorger Axpo und BKW gemeinsam bauen wollen. Nur das Neat-Eisenbahnprojekt kann hier noch mithalten.

Ohne Schweizer geht nichts

Die zuständige Planungsgesellschaft Resun startete vor wenigen Tagen die Ausschreibung. Doch der Verteilkampf um die Milliarden tobt bereits seit Monaten. GE/ Hitachi und Westinghouse stehen seit Längerem in Kontakt mit Resun, bestätigen Firmensprecher gegenüber der «Handelszeitung». Eines ihrer Ziele ist es, möglichst früh Schweizer Firmen an Bord zu holen: «Jeder Anbieter weiss: Ohne lokalen Anteil kann er ein Projekt wie den Neubau eines Kernkraftwerks gar nicht durchführen», sagt Manfred Thumann, Verwaltungsratspräsident der Resun. Er schätzt, dass die Hälfte der Aufträge bei Schweizer Firmen landen könnte - das wären bis zu 9 Milliarden Franken.

Besonders offensiv agiert General Electric/Hitachi. Das Unternehmen baute bereits die Reaktoren in Mühleberg und Leibstadt. Es kooperiert zudem mit dem Schweizer Paul-Scherrer-Institut (PSI). «Wir arbeiten daran, mit gewissen Schweizer Firmen für den Neubau ins Geschäft zu kommen», bestätigt Daniel Roderick, Top-Manager bei GE/Hitachi. Bereits heute hat sein Konzern laut Roderick gute Beziehungen zu Schweizer oder in der Schweiz produzierenden Firmen, wie etwa ABB und Alstom.

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ABB und Alstom sind interessiert

«Die geplanten Kernkraftwerke sind bei uns ein Thema», bestätigt ein Sprecher von ABB Schweiz. Mit dem nuklearen Teil der Anlage wird ABB nichts zu schaffen haben. Doch verfügt sie über Technologien, um etwa den produzierten Strom ins Netz einzuspeisen.

Interessiert zeigt sich auch Alstom: Die französische Firma übernahm im Jahr 2000 das Kraftwerksgeschäft von ABB, der Hauptsitz ihrer globalen Kraftwerkssparte liegt in Baden. Der Konzern machte in den letzten Monaten vor allem durch Stellenabbau Schlagzeilen. Sollte aber der französische Partner Areva den Zuschlag für den Bau der Reaktoren erhalten, wäre Alstom mit an Bord, erklärt Daniel Schmid, Mediensprecher von Alstom Schweiz. Und selbst wenn der Auftrag an die Konkurrenz ginge, wäre nicht alles verloren. Alstom bietet etwa eine Kombination aus Turbine und Generator an, die weltweit in jedem dritten neuen Kernkraftwerk steckt. Laut Schmid kann diese Anlage in Kernkraftwerke der meisten anderen Produzenten eingebaut werden.