ENERGIE-EFFIZIENZ.

Was macht Atrien bei Bauherren so attraktiv?

Peter Hartmann: Atrien als grosse verglaste Räume können attraktive, vielseitige Nutzungen anbieten. Eine besonders günstige Situation liegt dann vor, wenn sich bei bestehenden Gebäuden der Innenhof, der bisher kaum genutzt war, relativ kostengünstig zu ganzjährig nutzbaren Arbeitsflächen umwandeln lässt. Oft sucht der Bauherr auch die Möglichkeit, einen zentralen Raum zu schaffen, wo Kontakte und Kommunikation möglich werden, sei dies durch ein Café, eine Lounge oder Sitzungstische.

Lohnen sich Atrien auch energetisch?

Hartmann: Das hängt sehr von der Art der Glaskonstruktion und insbesondere auch vom Betrieb im Atrium ab, eine Berechnung müsste neben der Betriebsenergie auch die graue Energie einbeziehen. Punkto Heiz- und Kühlenergie gilt: Wünscht sich der Nutzer eine Ganzjahresnutzung mit Temperaturen im Bereich um 22 Grad, handelt er sich unter Umständen hohe Heiz- und Kühlkosten ein. Weit sparsamer fährt, wer die Nutzung und entsprechend auch die Temperatur der Tages- und Jahreszeit anpasst. Beispielsweise kann man das Atrium in der warmen Jahreszeit für viele anspruchsvolle Aufgaben, im Winter aber nur als kaum beheizten Pufferraum nutzen, der entsprechend warme Kleidung erfordert. So bleibt der Energieaufwand klein.

Nochmals zur grauen Energie. Wie schneiden Atrien im Allgemeinen ab?

Hartmann: Ein Atrium ist in manchen Fällen ein Bau mit grossen verglasten Aussenflächen. In der Tragkonstruktion, den Gläsern und den notwendigen Sonnen- oder Blendschutzeinrichtungen steckt im Normalfall eine grössere Menge grauer Energie. Es ist durchaus gerechtfertigt, diese zu erheben und in die ökologische Kalkulation einzubeziehen. Ein Atrium ist jedenfalls nicht per se nachhaltig.

Anzeige

Kann ein Atrium dazu beitragen, ein Minergie-P-Zertifikat zu erreichen?

Hartmann: Da bin ich skeptisch. Zwar gibt es Bürobauten mit Atrien und einem Energiebudget, das einem Minergie-P-Gebäude entspricht. Der Umkehrschluss aber gilt nicht. Der für das Label notwendige Nachweis ist für Bauten mit Einschluss von Atrien nicht trivial und erfordert jedenfalls Simulationsberechnungen.

Baut man ein Glasdach, verringert sich die Sonneneinstrahlung. Erkauft man sich den Atriumraum mit viel Kunstlicht?

Hartmann: Nicht zwingend. Gut konzipierte und gewartete Glasdächer lassen relativ viel Licht durch. Ausserdem bestehen auch Möglichkeiten, das natürliche Sonnenlicht gezielt ins Gebäude zu lenken. In jedem Fall braucht es ein automatisiertes Betriebssystem, um Sonnenschutz und ergänzendes Kunstlicht in den ans Atrium angrenzenden Räumen zu optimieren. Ein permanentes Arbeiten bei Kunstlicht darf keinesfalls die Konsequenz einer Atriumlösung sein, und zwar aus Gründen des Komforts wie auch des Stromverbrauchs.

Was gilt es weiter bei der Projektierung zu beachten?

Hartmann: Es ist eine Vielzahl von Punkten, welche die Planung eines Atriums ebenso diffizil wie attraktiv machen: Akustik, Brandschutz oder Belüftung sind wichtige Themen, aber auch die Reinigung der grossen Glasflächen. Wer erst am Schluss daran denkt, für den Unterhalt einen Lift oder Zugänge zu den Glasfassaden einzubauen, handelt sich enorme Mehrkosten ein.

Was empfehlen Sie Bauherren, die mit einem Atrium liebäugeln?

Hartmann: Ein erster Schritt könnte die Besichtigung bestehender Atriumbauten mit ähnlichem Nutzungsprofil sein, verbunden mit dortigen Befragungen zu Betriebserfahrungen und Wohlbefinden der Nutzer. Ein Atriumraum ist dermassen komplex, dass nur mit einer frühzeitigen interdisziplinären Zusammenarbeit ein gutes Ergebnis zu erreichen ist. Hat man falsch geplant, sind die Patzer kaum zu korrigieren und man handelt sich unnötig hohe Nebenkosten für Heizung, Lüftung oder Beleuchtung ein. Erfolgreiche Atrien aber sind flexible und attraktive Räume, die mit relativ bescheidenem Energieeinsatz neuen Platz für Kommunikation und weitere Nutzungen schaffen und das Wohlbefinden der Beschäftigten steigern.