Wird sich Herr K. bei uns nichts antun?», fragt die Fachangestellte Pflege den Stationsarzt. «Er macht mir einen ziemlich depressiven Eindruck.» Der Kardiologe nickt. «Stimmt. Die Schmerzen unter dem Brustbein können wir uns einfach nicht erklären. Wir haben seit dem Stent-Eingriff vor einem Jahr keine Verengungen in den Gefässen festgestellt. Ich schicke den Psychokardiologen vorbei!» Dieser gibt eine Stunde später Entwarnung: Der Patient sei in einer Ehekrise, und die Schmerzen könnten sehr wohl damit zusammenhängen.

Herr Z., ein junger, engagierter Unternehmer, leidet neuerdings schon bei geringster Anstrengung unter Atemnot. Die Abklärungen ergeben eine virale Infektion des Herzmuskels und ein stark ausgeweitetes und schwaches Herz. Mit Medikamenten kann es wieder stabilisiert werden.

Doch nach einiger Zeit verschlechtert sich der Zustand von Herrn Z. erneut. Bis anhin hat er seine Krankheit mit Leichtigkeit weggesteckt - zum Erstaunen aller. Sich bewusst auf das Positive im Leben fokussieren war seine Devise. Doch jetzt lassen seine positiven mentalen Kräfte nach. Beim Psychokardiologen sucht er nach einem neuen Umgang mit seiner Erkrankung.

Menschen, nicht Fälle

«Wir behandeln Menschen, nicht Patienten», lautet das Credo des Kardiologen Prof. Paul Mohacsi. Er leitet den Bereich Herzinsuffizienz und Herztransplantation am Universitätsspital Bern, dem auch die Psychokardiologie angegliedert ist. Seit 2005 bietet die Psychokardiologie im Inselspital Patienten wie Herrn K. und Herrn Z. psychologische Unterstützung und Psychotherapie an.

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Patienten als Menschen behandeln heisst - neben fachbezogener Kompetenz - auch offene Ohren, ein zugewandtes Herz und Zeit haben. Nur so kann die psychologische Unterstützung den herzkranken Menschen auch erreichen.

Junge Disziplin

Die Psychokardiologie steht in der Schweiz am Anfang - anders als die Psychoonkologie, die heute aus keiner Krebsstation mehr wegzudenken ist. Dass auch Herz- patienten oft grossen psychischen Belastungen ausgesetzt sind und psychologische Unterstützung brauchen, beginnt sich als Idee erst langsam zu etablieren.

Forschungsergebnisse zeigen, dass Herzinfarkte nicht selten als traumatisierend erlebt werden. Eine Herzoperation kann beim Schwermütigen das depressive Erleben verstärken. Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die Erfahrungen mit potenziell tödlichen Herzrhythmusstörungen haben. Zur Angst vor dem Tod kommt bisweilen die Furcht vor einem möglichen Elektroschock durch den implantierten Defibrillator.

Symbolorgan «Herz»

Ist mit dem Erwachen im Spitalbett nach einer notfallmässigen Herzoperation das Gröbste überstanden? Körperlich auf jeden Fall, falls keine Komplikationen folgen. Gegen Schmerzen gibt es Medikamente. Der psychische Verarbeitungsprozess hingegen fängt erst an. Auch jener der Angehörigen. Denn das Herz ist kein Körperteil wie jeder andere. Es ist das wichtigste Organ. Mit ihm steht und fällt unser Dasein. Von jeher hat es eine wichtige symbolische Bedeutung. Es steht für das Gefühl, das Echte, die Wahrheit im Menschen.

«Mensch, habe ich Glück gehabt!» «Wie soll mein Leben jetzt weitergehen?» «Ich kann doch meine Familie nicht im Stich lassen!» Solche Fragen drängen sich ins Bewusstsein. Jetzt erst wird deutlich, dass alles auch anders hätte ausgehen können. Und Zeit zum «Studieren» hat man im Spital mehr als genug.

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Manche Menschen stehen auch unter psychischem Schock und sind daher stark in sich gekehrt. Sie müssen erst mit den veränderten Umständen zurechtkommen. Herztransplantierte hingegen spüren schnell, dass sie wieder mehr Kraft und Energie haben. Bis sie aber ihre Beziehung zum neuen Herz aufgebaut haben, braucht es Zeit. Wieder andere Patienten erleben sich etwa nach einer Bypass-Operation angespannt, leiden unter Ängsten - gelegentlich auch unter Halluzinationen - oder reagieren gereizt.

Angebot annehmen

In diesen Situationen ist es für alle Beteiligten eine grosse Erleichterung, auf das Angebot der Psychokardiologie zurückgreifen zu können, also auf Einzelsitzungen, Entspannungsübungen, Psychoedukation und Angehörigengespräche. Das Angebot ist bewusst niederschwellig gehalten und konzentriert sich auf die Hospitalisationszeit. Oft können aufgrund von wenigen Gesprächen neue Perspektiven entstehen und den Patienten beruhigen. Je nach Wunsch und Kapazität kann die Psychotherapie nach Spitalaustritt und Rehabilitation ambulant weitergeführt werden. Das gilt auch für die Beratung vor dem Eingriff.

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Dem Vorurteil, man brauche psychologische Unterstützung nicht, man sei ja nicht psychisch krank, widersprechen die Zahlen: Zwei Drittel der psychokardiologisch betreuten Menschen hatten vorher nie psychiatrische oder psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Wichtig ist aber die eigene Bereitschaft, Hilfe anzunehmen und sich mitzuteilen. Nur dann gilt das alte Sprichwort: «Dem Hertzen hilfts, wan der Mund die Noth klagt.»