Die Kreativwirtschaft in der Schweiz steuert mit rund 40600 selbstständigen Unternehmen 4,5% zum BIP bei (19,5 Mrd Fr. Bruttowertschöpfung). Doch obwohl damit der Anteil an der Gesamtwertschöpfung höher ist als der der Uhrenindustrie oder der Chemie und knapp halb so gross wie jener der Banken und Versicherungen, sucht man bisher in dieser Branche vergeblich nach Startkapital.

Ostschweizer in Startlöchern

Das soll sich nun ändern. Nachdem er Anfang Jahr in Berlin den Venture-Fonds Kreativwirtschaft lancierte, ist der Vorstandsvorsitzende der Investitionsbank Berlin (IBB), Dieter Puchta, daran, das Modell in der Schweiz zu wiederholen. Diesen Monat startet er Gespräche mit einer interessierten Venture-Capital-Gesellschaft aus der Ostschweiz, wie er auf Anfrage der «Handelszeitung» mitteilt.

Die 84-jährige Förderbank IBB unterstützte die Berliner Wirtschaft letztes Jahr mit Finanzierungszusagen von rund 500 Mio Fr. Der erste Wagniskapitalfonds Deutschlands für die Kreativwirtschaft ist zunächst mit 45 Mio Fr. dotiert. Zielkunden sind junge Berliner Kreativfirmen in der Gründungsphase aus Film, Musik, Entertainment, Werbung und Design.

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Kritik an Finanzindustrie

Puchta, der die Schweizer Kreativwirtschaft als Beirat der Zürcher Hochschule für Künste (ZHdK) gut kennt, kritisiert die Schweizer Finanzindustrie: «Obwohl die Potenziale der Kreativwirtschaft in vielen Studien nachgewiesen werden und Zürich innerhalb der Schweiz – aber auch darüber hinausgehend – neben Berlin sicherlich ein weiterer Kristallisationskern für die Creative Industries im deutschsprachigen Raum ist, hat die Kreativwirtschaft auch in Zürich erhebliche Finanzierungsprobleme.» Er ist überzeugt, dass das Berliner Modell in Zürich Nachahmer findet. Noch täte sich die Finanzindustrie schwer, das Potenzial zu erkennen. Puchta: «Dies liegt zum einen daran, dass Banken trotz und gerade bis in die jüngste (Subprime-)Krise hinein Grund und Boden als Sicherheiten überbewerten und immaterielle Vermögensgegenstände aufgrund mangelnder eigener Kreativität unterbewerten.»

Neuer Wirtschaftszweig

Puchtas Credo: «Creative Industries benötigen Creative Finance.» Da Zürich über eine so gut aufgestellte Hochschule wie die ZHdK verfüge, die Kreativwirtschaft in der Schweiz sehr vital sei und die Schweizer Bankenszene nach wie vor über einen ausgezeichneten internationalen Ruf verfüge, könne er sich nicht vorstellen, dass dieser Dreiklang auf Dauer nicht dazu führen solle, dass die Kreativwirtschaft auch in der Schweiz besser finanziell unterstützt und gefördert werde.

Der Begriff Kreativwirtschaft ist in der Schweiz relativ neu. Dazu zählt man ausschliesslich Betriebe im privatwirtschaftlichen Sektor, vom Staat subventionierte Betriebe fallen ausser Betracht. In der Kreativwirtschaft sind gemäss einer Studie der ZHdK rund 200000 Menschen beschäftigt. Sie arbeiten in den Bereichen Design, Architektur, Film, Musik, Buch- und Literaturmarkt, Kunstmarkt, Eventveranstalter, Thinktanks und Werbung. Im Schnitt bestehen die kreativen Firmen aus weniger als fünf Personen. Fast zwei Drittel von ihnen sind gar Betriebe mit maximal zwei Beschäftigten.

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