Trotz Finanzkrise, tiefer Aktienkurse, schwachem Dollar und steigender Rohstoffpreise: Bucherer scheint unbehelligt das Rekordjahr 2007 ? Sie nannten es an anderer Stelle ein «Superjahr» ? fortzusetzen. Oder ziehen neuerdings Wolken auf?

Adelbert Bütler: Wir arbeiten 2008 bis anhin sehr gut und spürten in den ersten Wochen keine Auswirkungen von Turbulenzen. Sorgen machen uns die Börsenbewegungen der letzten Wochen und die Währungsparität Dollar zu Fr. von 1:1.

? weil Bucherer ein Drittel seines Gruppenumsatzes von bald gegen 600 Mio Fr. mit Touristen macht. Ist im Fremdenverkehr der Dollar weiterhin «Leitwährung»?

Bütler: Sein Gewicht hat sich in den letzten Jahren deutlich verschoben. Wir stellen fest, dass Touristen aus dem asiatischen Raum vermehrt in Euro rechnen. Den Asiaten kommt auf ihren Europatrips entgegen, dass sie praktisch eine Woche lang mit dem Euro reisen.

Aber die Abhängigkeit Bucherers vom internationalen Reiseverkehr ist nach wie vor bedeutend.

Bütler: Sie ist längst nicht mehr derart stark wie noch vor Jahren. Bucherers Umsatz drittelt sich aktuell ziemlich genau in die Segmente Schweizer Kunden, Gruppentouristen ? vornehmlich aus Asien und primär in unseren Verkaufsstellen in Luzern, Interlaken, Genf und, etwas weniger stark in Zermatt ? sowie ausländische Individualreisende, die sich entweder beruflich oder ferienhalber in der Schweiz aufhalten. Nach den Konsequenzen von SARS und dem damit zusammenhängenden Umsatzeinbruch 2003 fokussierten wir unsere Strategie überdurchschnittlich auf einen starken Heimmarkt. Diese Neuausrichtung ist gelungen. Wir wuchsen im Geschäft mit Schweizern überproportional um gegen 30%.

Dennoch, der Tourismus ist ein wichtiges Standbein für Bucherer. Einbussen sind Sie wehrlos ausgesetzt.

Bütler: ? was für uns keineswegs neu ist. Wir sind uns dieser Tatsache bewusst. Derartige Dellen schmerzen, sie sind aber Bestandteil und Risiko unseres Geschäfts. Auch hinter 2008 stehen für uns gegenwärtig zwei grosse Fragezeichen.

Weshalb? Und vor allem wo?

Bütler: Die Fussball-Euro 08 in der Schweiz und die Olympischen Sommerspiele in Peking werden für Bremsspuren sorgen.

Das verlangt nach Erklärungen.

Bütler: Wir wissen, die Fussball-WM 2006 in Deutschland belebte das Geschäft mit Uhren und Schmuck nicht. Bier und Bratwurst interessieren stärker ? das liegt in der Natur der Sache. Hotelzimmer werden während dieser Periode ? zu höheren Preisen ? an Fussballfans abgegeben, womit «Sightseeing-Touristen» den Kürzeren ziehen. Die EM ist aber eine Chance für die Schweiz; eine optimal verlaufende EM kann für unser Land Gold wert sein.

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Und die Sommerspiele in China?

Bütler: Es werden wesentlich weniger Chinesen nach Europa reisen. Sie sind sehr stolz, dass ihr Heimatland die Sommerspiele austrägt, und wollen Olympia zuhause vor dem Bildschirm miterleben. Noch wichtiger aber: Die starke Olympia-Reisetätigkeit nach und von China hat die Flugtarife temporär stark verteuert.

Dennoch geben Sie sich für 2008 sehr optimistisch. Wieso?

Bütler: Weil wir mit der Schweizer Uhr ein fantastisches Produkt verkaufen können. Die Uhrenindustrie bewegt sich auf einem sehr hohen Niveau. Neuheiten werden zudem die Nachfrage beleben.

Ihr Optimismus erstaunt: In 10, 20 Jahren wird die nächste Generation kaum mehr Uhren brauchen? Die Zeit wird schon heute am Handy abgelesen.

Bütler: Unterscheiden Sie zwischen multifunktionalen Instrumenten und Uhren. Solche multifunktionalen Messinstrumente haben andere Distributionskanäle und werden kaum über den gehobenen Fachhandel angeboten. Wenn die hiesige Uhrenindustrie ihrem Auftrag nach-kommt und Innovationen, Qualität und Service pflegt, besitzt die Uhr Zukunft, besonders die mechanische Uhr. Dort verfügen wir über Kompetenz, dort brauchen wir die internationale Konkurrenz nicht zu fürchten. Diese Uhren werden auch morgen gekauft ? davon bin ich überzeugt.

Profitieren alle Segmente gleichermassen von der hohen Nachfrage?

Bütler: Bestimmte Bereiche werden möglicherweise etwas weniger schnell wachsen als andere, auch geografisch werden wir Unterschiede zu spüren bekommen.

Wer sind die touristischen Zukunftsmärkte für den hiesigen Fremdenverkehr?

Bütler: China wird uns noch lange Freude machen, in ein paar Jahren wird auch Vietnam das Reiseziel Schweiz entdecken. Als drittes Zielgebiet nenne ich Indien.

Im Detailhandel scheinen die ganz Grossen einer- und die Nischenanbieter anderseits für die Bewältigung der unternehmerischen Zukunft gerüstet. Verschwinden werden am ehesten mittelgrosse Detaillisten. Macht die Grösse Bucherer so stark?

Bütler: Die unmissverständliche Fokussierung und die Strategie, zwar nicht alles machen zu wollen, aber das, was wir machen, mit hoher Fachkompetenz zu erledigen. Mittelgrosse Anbieter müssen nicht zwingend verschwinden, wir haben Anbieter aus diesem Segment, die in der «Champions League» spielen. Weil sie sich konsequent auf ein paar wichtige Bereiche konzentrieren und spezialisiert haben.

Das spricht gegen den Generalisten.

Bütler: Nein, wir sind ausgesprochen ein Generalist. Wir führen lediglich zwölf Uhrenmarken, das aber mit hoher Kompetenz. Wo finden Sie die breiteste Rolex-Auswahl auf der Welt? Bei Bucherer. In jedem Bereich der Uhren ? etwa den Sport-, den Schmuck- oder den Manufakturuhren ? markieren wir jeweils mit zwei der international wichtigsten Namen und damit einem sauber positionierten Uhrenportfolio Präsenz. Wir fokussieren innerhalb unserer Grösse. Weil weniger mehr ist!

Immer mehr Hersteller setzen auf eigene Verkaufspunkte, eröffnen Boutiquen, lancieren Monobrand-Shops, Flagship-Stores oder Shops-in-Shop-Konzepte. Wie wehren Sie sich als Leader des Fachhandels gegen diese Tendenzen?

Bütler: Die Vertikalisierung macht uns, so wie sie heute praktiziert wird, keine Freude, weil mit ungleich langen Spiessen gekämpft und weil die Verantwortung, die ein Fachgeschäft eigentlich hätte, vollumfänglich auf den Fachhandel abgewälzt wird. Allein in der Schweiz gibt es über 30 Flagship-Stores ? nennen Sie mir zum Beispiel einen dieser Stores, der Uhrmacher ausbildet, um den immer wichtigeren Après-vente-Service gewährleisten zu können. Nicht anders verhält es sich mit auszubildenden Detailhandelsangestellten. Bei uns aber werden zurzeit 48 Lehrlinge ausgebildet.

Dazu kommt, dass gewisse Modelle oder limitierte Auflagen bevorzugt an die eigenen Verkaufspunkte geliefert werden.

Bütler: Das finde ich unfair ? bringt aber letztlich neue Herausforderungen.

Sie predigen Wasser und trinken Wein. Auch Bucherer kennt Shops-in-Shop-Auftritte bestimmter Marken.

Bütler: Unsere Gruppe ist in der Lage, mit Bucherer und Kurz über starke Einzelhandelsbrands zu verfügen. Swiss Lion ? ausgerichtet auf den Tourismus ? anderseits setzt auf Shops-in-Shop. Bucherer hingegen bietet ein eigenes Einkaufserlebnis, da stünden Markencorners schräg in der Landschaft. Zu der von uns gepflegten Swissness passt ein solches Konzept nicht.

Was macht Bucherer unique?

Bütler: Unsere Kunden wollen schweizerische Werte gepflegt wissen, nicht ein internationales «Hab-ich-schon-Gesehen».

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Uhrenherstellern und Handel verändert?

Bütler: Die Tatsache, dass wir es heute vornehmlich mit Konglomeraten zu tun haben, führte beidseitig zu anderen Denk- und Verhaltensweisen. Die Uhrenbranche hat allerdings länger als andere Bereiche in einer «geschützten Werkstatt» arbeiten können. Jede Branche ist Veränderungen ausgesetzt, denken Sie in anderen Sparten an Fielmann, an Athleticum, an Hobby-Centers, an Aldi usw.

Wie treffen Lieferverzögerungen Bucherer?

Bütler: Einerseits sind die verspäteten Auslieferungen bestellter Waren ein Ärgernis, anderseits sind sie Beweis dafür, dass Uhren nicht einfach auf Halde produziert werden. Das macht die Begehrlichkeit des Wertgegenstandes Uhr aus; Uhren sind keine Lego-Spielsteine aus Dreischichten-Produktion.

Die Edelmetalle erleben eine Hausse, können Sie die höheren Einstandspreise auf den Kunden abwälzen?

Bütler: Teilweise, allerdings mit Verzögerungen, teils müssen wir auch reduzierte Margen riskieren, weil wir ? etwa bei Edelsteinen ? von den raschen Preissteigerungen getroffen werden.

Schmuck wird teurer ?

Bütler: Ja, weil der grösste Anteil an einem Schmuckstück meist auf den preissensitiven Diamanten oder die Edelsteine entfällt, zweitens auf die Arbeit und erst drittens auf das Edelmetall.

Wird Bucherer in der Schweiz expandieren?

Bütler. Wir sind auf dem Heimmarkt bestens präsent und positioniert. Die Stammmarke Bucherer besitzt ? auch wenn keine verbindlichen Zahlen existieren ? einen derart gefestigten Marktanteil, dass es heute schwierig wird, einen zusätzlichen Standort zu erschliessen, der für Bucherer Sinn macht. Kurz hingegen hat ein, zwei Pfeiler im Köcher.

Sehen Sie Potenzial für Bucherer im deutschsprachigen Ausland?

Bütler: Ja, im letzten Sommer haben wir unser Verkaufsstellennetz in Deutschland um vier wichtige Einheiten vergrössert. Wir sind nun Deutschlands zweitgrösster Juwelier. Mit eingeschlossen werden muss in die unternehmerischen Zielsetzungen unsere eigene Uhren-Manufakturmarke Carl. F. Bucherer. Mit CFB fahren wir eine international ausgerichtete Strategie. Weltweit führen etwa 300 Konzessionäre unsere Uhrenmarke. Im Mai 2008 eröffnen wir einen CFB-Monobrand-Store in Peking, seit vergangenem Dezember verfügen wir bereits über ein analoges Geschäft in Dubai.