Der Weg zu Stephan Fels, seit 2008 Alleineigentümer der Vogel & Meier AG, die ihre Produkte unter der Marke VM Sails herstellt, ist leicht zu finden: Wer auf Goldach zusteuert, sieht schon von weitem ein Segel. Es schmückt den Kreisel und weist in Richtung Tübach, wo heute gerade Spinnaker hergestellt werden. Das sind jene bauchig geschnittenen Ballonsegel, die aussehen wie übergrosse Blätter einer exotischen Orchidee.

Wüsste man nicht, dass die vielen bunten Stoffrollen als Grundmaterial für Segel dienten, wähnte man sich eher in einem Geschäft für Schneiderinnen. Beim Anfühlen erst wird klar, dass es sich um hochtechnische Gewebe handelt, die ärgsten Stürmen trotzen und dennoch federleicht sein müssen.

Spürt Fels die lahmende Wirtschaft? «Eigenartigerweise kaum bei den kleineren Booten und eher bei den grossen. Ist auch verständlich, denn hier fallen Investitionen mehr ins Gewicht», stellt er fest.

Als erste Segelmacherei Europas hat VM Sails das CAD-Verfahren für die Produktion eingeführt. Das war noch unter dem vorigen Besitzer Werner Meier, der sich mit dem Gedanken trug, sein Werk in jüngere Hände zu geben. «Wir haben uns an einer Regatta getroffen und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, bei ihm zu arbeiten», sagt der gelernte Segelmacher und Segeldesigner aus Berlin. Der Rest ist rasch erzählt: Meiers Gesundheit verschlechterte sich und in Fels sah er seinen Nachfolger. Der passionierte Regattasegler überlegte nicht lange.

Gigantisches Sonnensegelmodell

Der Schritt in die Selbstständigkeit für den 29-Jährigen war gross. «Aber ich habe den Entscheid keine Sekunde bereut», ergänzt Fels und führt durch die riesige Halle, wo emsig gearbeitet wird. Die Saison hat schliesslich begonnen, und wer nicht gerade ein neues Segel braucht, hat zumindest Bedarf nach allerlei Zubehör. Auf dem Tisch von Fels steht ein komisches Modell, das eher aussieht wie der Entwurf für ein futuristisches Haus. «Weit gefehlt.» Er fügt hinzu, dass das die Vorarbeiten für gigantische Sonnensegel sind, die dereinst den Marktplatz von Poschiavo und dessen Umgebung überspannen sollen. Ein gewaltiges Ding.

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Aber das ist noch nicht alles, was es zu bestaunen gibt: An den Wänden hängt eine Kollektion trendiger Taschen, die durch ihr eigenwilliges Design bestechen. In einem Gestell wird eine Auswahl Portemonnaies präsentiert. «Alles aus den gleichen Stoffen gefertigt, die wir auch für die Segel verwenden», erklärt Fels.

Zurück in der Produktionshalle, kann man zuschauen, wie mit Lasertechnik die von Fels berechneten Stoffbahnen gezeichnet sowie geschnitten werden. An einem anderen Arbeitsplatz werden sie nach traditioneller Manier mit Spezialnähmaschinen zusammengefügt. Vor den Sommerferien mussten auch mal Überstunden gemacht werden, denn VM Sails ist nicht nur bekannt für hochwertige Ware, sondern auch für Termintreue. Das Ausliefern der Segel übernimmt Fels - wenn immer möglich - selbst. «Die Kunden schätzen unsere persönliche Betreuung», sagt er.

«Fehlerquote» unter 0,5 Prozent

Das Hightech-KMU stellt Segel für kleine Jollen bis hin zu grossen Jachten her. Unter den Regatta- seglern gehören die One-Design- Klassen zur wichtigsten Kundengruppe. Unter One-Design versteht der Fachmann Boote, die alle gleich gebaut sind. Die Segelfans kommen hauptsächlich aus dem angrenzenden Ausland und befahren mit ihren Schiffen die Seen in Europa, aber auch das Mittelmeer und die Nordsee oder den Atlantik.

Stolz erzählt Fels, dass sein Betrieb eine «Fehlerquote» von nicht einmal 0,5% habe. Darauf angesprochen, wo es denn hapern könne, erwähnt er Dinge, die weder lebenswichtig noch für den Sieg in einer Regatta entscheidend sein können - etwa, wenn ein Faden nicht abgeschnitten ist oder wenn ein Mastrutscher nicht passt.

Pro Jahr werden in Tübach rund 1000 Segel hergestellt und ausgeliefert. Ein kleineres Exemplar bekommt man schon ab 600 Fr., ein grösseres Kaliber kann schnell 30000 Fr. oder mehr kosten.

Beim Abschied erzählt Fels, dass Segler untereinander eine verschworene Gemeinschaft seien und auch viel Wert auf Geselligkeit gelegt werde. «Und das Schöne ist: Diese Leidenschaft zieht sich durch alle Volksschichten und Altersklassen.» Auf diese Weise hat der gebürtige Berliner auch den Tübacher Werner Meier kennen gelernt, eine Bekanntschaft, die seine berufliche Karriere veränderte.