Die Wetten für das Ergebnis der nächsten Sitzung der US-Notenbank (Fed) am 16. September sind gemacht. Die Federal Reserve Bank von Cleveland berechnet anhand von Preisen von Finanzinstrumenten die Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses. Und das Resultat ist eindeutig: Zu 85% veranschlagen die Märkte die Chance unveränderter Leitzinsen. Eine Anhebung um 25 Basispunkte auf 2,25% hat nur eine Wahrscheinlichkeit von 10%. Zuletzt im April hatte die US-Notenbank das Ziel für den Fed-Fund-Satz um 25 Basispunkte auf 2% reduziert.

Interne Debatten im Fed

Unveränderte Zinsen erscheinen nur auf den ersten Blick langweilig: Im Grunde genommen ist der Nullentscheid so riskant wie die Optionen Erhöhen oder Senken. Denn die Antworten auf die zentralen Fragen sind offen: Wie gross ist die Rezessionsgefahr für die USA? Wie stabil ist das US-Finanzsystem? Kommt die Inflation unter Kontrolle? Und ist die Erholung des Dollars nachhaltig oder nur eine technische Gegenreaktion auf die vorangegangene Baisse?

Diese ganze Debatte wird auch innerhalb des Fed geführt. Dabei wird die Inflationsgefahr von einigen regionalen Federal-Reserve-Banken als so hoch eingeschätzt, dass sie eine Anhebung des Diskontsatzes forderten.

Aus der Sicht des Fed hat jedoch die Stabilität des Bankensystems Top-Priorität. Und hier gibt es eine Unzahl von Variablen. Niemand kann sagen, welche Bank noch welche Risiken im Immobilienmarkt trägt. Unklar ist auch, welche Probleme im Zusammenhang mit den enormen Positionen in derivativen Instrumenten auftauchen können.

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Klar ist allerdings die Tendenz zu steigenden Verlusten bei den ausstehenden Krediten der US-Banken. Allein im 2. Quartal 2008 haben die US-Banken 87% weniger verdient als im Vorjahr. Banken, die in einer solchen Position sind, haben wenig Lust, neue Risiken einzugehen. Jeder Kreditantrag dürfte dreimal umgedreht werden, bevor er genehmigt wird. Die Folge ist eine drohende Kreditklemme. Diese kann sich zu einem eigenständigen Konjunkturrisiko auswachsen. So gesehen müsste das Fed auf tiefe Zinsen abzielen, um den Banken Gewinnmöglichkeiten zu eröffnen.

Der Respekt steht auf dem Spiel

Die Falken innerhalb der Fed, die sich für höhere Zinsen stark machen, sehen diesen Punkt bestimmt. Aber für sie hat die Notenbank einen wichtigen Job nicht erledigt: Die Sicherung der Preisstabilität. Im Juli ist der Konsumentenpreisindex zum Vorjahr um 5,6% gestiegen. Bestärkt dürften sich die Hardliner durch die Ergebnisse des am 3. September publizierten Beige Books fühlen.

In diesem Bericht zum Zustand der US-Wirtschaft wird zwar der Rückgang bei einigen Rohstoff- und Energiepreisen konstatiert, aber: «Alle Federal Reserve Distrikte melden einen gestiegenen Preisdruck aufgrund höherer Inputkosten. Aktuell gehen die Anleger offenbar davon aus, dass die Inflationsraten wieder fallen. Das zeigt sich in der tiefen Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen. Sie beträgt 3,68% und liegt damit deutlich unter der Teuerung.

Das ist eine heikle Situation. Denn glauben die Märkte nicht mehr daran, dass die hohen Inflationsraten ein vorübergehendes Phänomen sind, dann kann es zu einem Einbruch am Obligationenmarkt kommen. Die Fed kann sich nun in dieser Situation entscheiden, zuzuwarten. Eine Option, die allerdings nicht weniger riskant ist, als die Zinsen anzuheben.

Denn die Fed begibt sich in eine passive Rolle und muss der Dinge harren, die da kommen. Insbesondere kann sie nur auf das Urteil der Investoren warten und deren Erwartungen nur noch bedingt steuern.