Rund 20000 Besucher aus dem In- und Ausland verwandeln die ABB Event Halle in Zürich-Oerlikon jeweils während vier Tagen im November in ein rege besuchtes Kunstzentrum. Die Messe Kunst Zürich hat sich seit ihrer Gründung vor 15 Jahren beständig weiterentwickelt und ist heute ein bedeutender Treffpunkt für Kunstliebhaber. Seit dem letzten Jahr ist die Ausstellerzahl nochmals leicht gestiegen. Doch auch mit rund 80 Galerien wird der Messebesuch nicht zum Kunstmarathon.

Es hätte wohl nicht erstaunt, wenn dieses Jahr die eine oder andere Galerie der Messe ferngeblieben wäre oder wenn es einige gar nicht mehr gäbe. Doch die düsteren Prognosen haben sich nicht erfüllt, und mit einem vielseitigen Programm stellen sich die Galeristen dem Anspruch des Publikums, das am Kunststandort Zürich Qualität, Aktualität und Internationalität gewohnt ist. Der Hauptfokus liegt auf einem breiten Spektrum zeitgenössischer Kunst. Besonderes Augenmerk gilt dabei den zwölf Solo-Shows, deren Galerien für den Förderpreis der ZKB nominiert sind (siehe Seite 67).

Gefragte Klassiker

Es ist nicht einfach, den kommerziellen Erfolg einer Messe zu beziffern. Es spricht jedoch für sich, dass fast alle Teilnehmer erneut dabei sein wollten, dass einige sogar grössere Stände angefordert haben und andere nach längerer Abwesenheit neu dazugekommen sind: Carzaniga (Basel) zeigt solide Werke klassischer Schweizer Kunst wie etwa Varlin, daneben informelle Malerei und zeitgenössische Schweizer wie Samuel Buri oder Albert Steiner. Brykina (Zürich) kommt mit einem beachtlichen Programm russischer Nonkonformisten um Marlen Spindler.

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Es ist auffällig, wie viele Galerien - unterschiedlichster Ausrichtung - sich dieses Jahr auf sichere Werte besinnen. Auch solche, die früher ihr Gewicht auf aktuelle Kunst gerichtet haben. Zu den Topshots gehören Georg Nothelfer aus Berlin, Holtmann aus Köln, die Zürcher Galerie Wild oder Anton Meier aus Genf. Sie alle sind regelmässige Messeteilnehmer an der Art Basel, schätzen aber den intimen Rahmen der Kunst Zürich.

Ebenso lohnenswert ist der Besuch der Galerie Fässler (Zug) mit ihrem Programm führender Künstler des 20. und 21. Jhs. von Picasso über Alberto Giacometti bis hin zu Not Vital oder Yves Klein. Auch ArteF (Zürich) bildet eine Schnittstelle zwischen Klassik und Gegenwart. Die Galerie ist spezialisiert auf Vintage-Prints hochrangiger Fotografie des 20. Jhs.

One-Person-Shows

Zusätzlich zu seinem traditionellen Stand widmet Rigassi dem 1950 geborenen Schweizer Fotografen Gaudenz Signorell, der seine Kamera als eine Art Skizzenblock benutzt, eine One-Person-Show. Carina Andres Thalmann zeigt mit ihrer neuen Zürcher Galerie Andresthalmann eine Einzelausstellung von Donald Sultan. Greulich aus Frankfurt bringt neue Arbeiten von Sebastian Meschenmoser, die von einer humorvollen Auseinandersetzung mit der Isoliertheit des Menschen zeugen. Die 2006 in Köln gegründete Galerie Christian Lethert entzieht sich mit ihrer Einzelausstellung einer eindeutigen inhaltlichen Zuordnung. In den Zeichnungen der Niederländerin Nelleke Beltjens (Jahrgang 1974) finden Gegensätze wie Präzision und Verträumtheit, Reduktion und Überfülle, Schlichtheit und Sinnlichkeit zwanglos zusammen.

Paare, Gruppen, Frauenpower

Eine Zweierausstellung der besonderen Art präsentiert Krethlow aus Bern: Christian Denzler und Bendicht Gertsch geben sich bei ihm ein Stelldichein. Denzler mit wunderschönen Zeichnungen, Gertsch mit Türmen und organischen Formen. Alexandra Huber und Menno Fahl sind zwei deutsche Kunstschaffende, deren Werke sich am Stand der Berliner Galerie Horst Dietrich finden. Beide Positionen spielen mit der Formensprache der Art Brut. Keinesfalls verpassen sollte man die erstmals vertretene Galerie Hilger aus Wien, die aus ihrem Programm fünf coole und renommierte Künstler mitgebracht hat: Daniele Buetti, Nives Widauer, Josef Felix Müller, Oliver Dorfer und Massimo Vitali.

In der Rückbesinnung auf eigene Kräfte sind die Frauen auch an der Kunst Zürich besonders stark. Ein überzeugendes Frauentrio zeigt die Kölner Galerie Garnatz mit Ilona Herreiner, Nina Malotta und Janet Werner. Obwohl Arte Giani sich nicht auf besonders weibliche Positionen verlegt, bringt die Galerie mit der in Schottland lebenden Norwegerin Hanneline Visnes eine Frau ins Spiel, die man gesehen haben sollte. Stark auch das Frauenquartett der Galerie Chelsea aus Laufen: Katharina Berthold, Annatina Graf, Marie-Louise Leus und Sandra Riche, die mit einem Augenzwinkern gesellschaftliche und politische Themen aufgreifen. Beatrice Brunner (Bern) zeigt mit Arbeiten von Julia Steiner, Beatrice Gysin und Nadin Maria Rüfenacht drei eindrückliche Positionen. Ebenso die Berner Galerie Haldemann, welche neben namhaften Künstlern wie Jörg Mollet oder Uwe Wittwer eine alte Dame der Schweizer Kunst präsentiert - die Malerin und Bildhauerin Gertrud Guyer Wyrsch.

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Schweizer und Internationale

Neben Haldemann und Beatrice Brunner trifft man einige weite-re starke Schweizer Galerien, die sich unermüdlich der zeitgenössischen Kunstvermittlung widmen. Bommer unterstützt seit 1975 vornehmlich bedeutende zeitgenössische Schweizer Künstler wie Rolf Iseli, Martin Disler, Thomas Woodtli oder Andy Denzler. Alex Schlesinger bewegt sich mit seinem Galerienprogramm im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Gegenständlichem. Renggli aus Zug begleitet etliche Kunstschaffende seit Jahren - etwa die Nidwaldner Foto- und Video-Künstlerin Judith Albert. Billing Bild unterstützt vielversprechende junge Künstler und auch Bollag gehört mit seinem Förderprogramm nationaler und internationaler Gegenwartskunst in diese Kategorie.

Der Förderung des Dialogs von zeitgenössischen Künstlern mit Arbeiten der Klassischen Moderne widmet sich seit vielen Jahren Ute Barth aus Zürich. Rigassi (Bern) verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Sein Crossover reicht von Klassikern wie Rolf Iseli bis hin zu den Zhou Brothers. Vergleichbar mit dem soliden Programm der Schweizer Galerien ist das einiger zeitgenössischer Galerien aus Deutschland. GAM Obrist aus Essen zeigt Laszlo Lackner, Dieter Kränzlein, Robin Horsch. Qualitativ ähnlich gelagert sind die Galerien Schwarz aus Greifswald, die Münchner Galerie von Braunbehrens oder Drees aus Hannover. Sie alle sind in ihrem Programm nicht auf eindeutige Positionen festzulegen, begreifen sich aber als Förderer internationaler zeitgenössischer Kunst. So auch die Walter Bischoff Galerie aus Berlin, die u.a. Fotografien von Tillmann Krieg zwischen Bewegung und Dynamik, Anmut und Grazie ausstellt. Toki-No-Wasuremono aus Tokio fördert Künstler, die sich zwischen Abstraktion und Gegenständlichem bewegen, während Art Seasons (Jakarta, Peking, Singapur, Seoul und Pfäffikon SZ) aktuelle asiatische Kunst unterstützt, ohne sich auf eine Stilrichtung festzulegen.

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Reduktive Tendenzen

Galerien, die ihr Programm auf minimale reduktive Formen konzentrieren, sind auch dieses Jahr stark vertreten. Feuerstein gilt als Vorzeigegalerie des Vorarlbergs für hochkarätige Minimal Art, abstrakte und informelle Tendenzen, während Renate Bender aus München konsequent eine Linie der reduktiven Formen zeitgenössischer Kunst vertritt.

Der Künstler Heinz Mack ist gleich bei mehreren interessanten Galerien anzutreffen - so bei c.Art aus Dornbirn. Galerie Trampler aus München, die sich neben minimal art auch der Farbfeldmalerei widmet, zeigt neben Heinz Mack ebenso Werke von Daniel Göttin. Letzterer findet sich auch bei Terashita aus Tokio, eine Galerie, die sich auf zeitgenössische Konzeptkunst und Minimal Art fokussiert. Der Name ist Programm bei La Ligne (Zürich) mit konkreter, konstruktiver und konzeptueller Kunst auf höchstem Niveau.

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