BANKENSOFTWARE. Der Kauf von neuen Softwarelösungen ab Stange ist für die Banken schon fast zur Routine geworden. In vielen Fällen gehen diese Neuentwicklungen zulasten von altgedienten Gemeinschaftswerken, wie etwa Agi und Unicible, die von neuen, unabhängigen Anbietern aus dem Markt gedrängt wurden. Ein gleiches Schicksal droht auch der Berner Informatikgesellschaft RTC, die erst kürzlich mit der Migros Bank einen Schlüsselkunden an die Softwarefirma Finnova aus Lenzburg verloren hat. «Ausschlaggebend beim Entscheid war die Offenheit des Produktes für die nahtlose Einbindung von Drittapplikationen und die Verfügbarkeit der personellen Kapazitäten bei Finnova und ihren Partnerfirmen», sagt Harald Nedwed, Chef der Migros Bank. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass derzeit vor allem die Kantonalbanken von Baselstadt und Baselland ebenso wie die Aargauer Kantonalbank, die alle zum RTC-Verbund gehören, von der Konkurrenz stark umworben werden.

Multis wollen mit dabei sein

In der Schweizer Bankenindustrie haben sich die inländischen Softwareanbieter Avaloq, Finnova, Temenos und Olympique mittlerweile gut die Hälfte des Marktes gesichert, der nicht von den Grossbanken und gewichtigen Auslandsbanken mit Eigenentwicklungen abgedeckt wird. Die grossen ausländischen Softwarehäuser, wie SAP und Oracle, sind international bei den Finanzdienstleistungsunternehmen stark vertreten, spielen aber mit ihren Kernbankensystemen auf dem einheimischen Markt nur eine untergeordnete Rolle. Trotzdem, die Multis wollen im lukrativen Feld der Banken und Versicherungen an vorderster Front mit dabei sein. Die Wachstumserwartungen stufen Branchenexperten als besonders hoch ein. Eine von Forrester durchgeführte Umfrage bei europäischen Finanzinstituten ergab, dass 60% der Unternehmen einen Bedarf für eine umfassende Überholung oder Modernisierung ihrer Bankensoftware sehen. Gemäss dem Beratungsunternehmen IDC wachsen die IT-Ausgaben im Bankensektor zwischen 2005 und 2009 pro Jahr durchschnittlich um knapp 5%, wobei die Zuwachsraten bei den externen Anbietern mit rund 8% deutlich höher liegen. Das eröffnet auch den Schweizer Softwarehäusern gute Chancen im weltweiten Markt. Die Genfer Softwarefirma Temenos realisiert den Umsatz mehrheitlich im Ausland und hat mit dem Eintritt in den US-Markt erst jüngst einen weiteren Expansionsschritt vollzogen. Auch der Zürcher Bankenspezialist Avaloq hat erste Erfahrungen auf dem internationalen Parkett gesammelt. Für Finnova ist der Sprung über die Grenze ebenfalls ein Thema. «Das ist eine interessante Fortsetzung, nach der rasanten Wachstumsentwicklung im Inland», sagt CEO Charlie Matter. Bereits vor Jahresfrist hat sich die Lenzburger Firma mit der Münchner Informatik-Gesellschaft MSG Systems AG liiert, die 20% der Aktien von Finnova besitzt und ihren Anteil Ende 2008 auf gut 40% erhöhen wird. Damit verfügt der deutsche Partner gemeinsam mit dem Management, das etwas mehr als 10% der Aktien hält, über die Mehrheit. Im kommenden Jahr sollen die Expansionspläne konkretisiert werden, wobei Deutschland im Vordergrund steht.

Technologiezyklus als Taktgeber

Finnova-Chef Matter ist die Verbindung mit MSG System vor allem wegen der strategischen Zusammenarbeit in den verschiedensten IT- und Bankbereichen eingegangen. Mittlerweile findet ein reger Know-how-Austausch statt. Spezialisten vom deutschen Softwarehaus verstärken das Lenzburger Team. «Das hilft uns bei inländischen Weiterentwicklungen und für künftige Adaptionen im Ausland.» Zudem verweist Charlie Matter auf den intensiven Meinungsaustausch beim automatischen Testing und Technologiefragen. Die hochgesteckten Erwartungen haben sich für ihn vollumfänglich erfüllt. Besonders eng gestaltet sich die Kooperation mit den MSG-Töchtern Gillardon und Finsys im Bereich der Gesamtbankensteuerung. Die Funktionalitäten der beiden Systeme werden unter den drei Firmen aufeinander abgestimmt.Für Kenner der Bankenszene ist nicht der günstige konjunkturelle Verlauf bestimmend für den Erneuerungsrhythmus. Den Takt gibt vielmehr der Technologiezyklus vor. ZKB-Analyst Mark Diethelm sieht einen der Hauptgründe für die laufenden Veränderungen in der veralteten Architektur: «Die Programme wurden spezifisch für Bankprodukte und nicht für Kundenbedürfnisse geschrieben». Das ist der Grund, weshalb sich die Banken fieberhaft bemühen auf externe Gesamtlösungen umzustellen. Nebst den Kosteneinsparungen bieten diese neuen Kernbankensysteme auch den Vorteil, dass sich regulatorische Veränderungen, wie etwa die steigenden gesetzlichen Anforderungen im Zusammenhang mit Sarbanes-Oxley und Basel II mit einem geringeren Änderungsbedarf realisieren lassen. Die Umstellung auf eine neue IT-Generation ist zeitaufwendig und mit hohen Kosten verbunden. Die Migros Bank investiert 100 Mio Fr. für den Umstieg auf die Finnova-Software, und bei der Graubündner Kantonalbank sind es 45 Mio Fr. Ähnlich sehen die Aufwendungen bei den Kernbankensystemen von Avaloq aus. Die VP Bank aus Liechtenstein budgetiert für den Kauf und die Einführung rund 50 Mio Fr. Die Softwarehersteller müssen sich nicht nur an der Verkaufsfront erfolgreich behaupten, es gilt auch die Kernprodukte laufend zu erneuern. Finnova-Chef Matter sieht neue Herausforderungen im Hinblick auf die stärkere Verschmelzung von Telefonie und IT. Dazu kommen neue Funktionen etwa beim Internetbanking. Das erfordert bei den Softwarehäusern erhebliche finanzielle Mittel, die für neue Technologien eingesetzt werden. Die gewichtigen inländischen Anbieter verfolgen bei der Gesellschaftsform unterschiedliche Wege. Der Genfer Softwarespezialist Temenos ist bereits an der Schweizer Börse SWX kotiert, während Avaloq als Kandidat für ein Going Public gilt. Für Avaloq-Chef Francisco Fernandez ist dies allerdings kein unmittelbares Ziel: «Wir konzentrieren uns zunächst auf die Expansion ins Ausland.» Demgegenüber will Finnova vorderhand im Privatbesitz bleiben. «Wir haben uns bewusst für einen Industriepartner und nicht eine Private-Equity-Firma entschieden», bringt es Charlie Matter auf den Punkt.

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