Was sich bereits vor einem Jahr abzeichnete, ist nun Realität geworden: Die Zahl der angekündigten, hängigen und abgeschlossenen Übernahmen und Fusionen (Mergers & Aquistions, M&A) mit Schweizer Beteiligung hat nach Rekordjahren einen Einbruch erlitten. Verglichen mit dem Vorjahr brach 2009 die Anzahl der Transaktionen um 19% auf 477 ein - 2008 waren es 592 Deals, 2007 verzeichnete 529 Transaktionen.

Spiegelbild der Finanzkrise

Diese Zahlen gehen aus der exklusiv für die «Handelszeitung» zusammengestellten Übersicht des M&A-Unternehmens The Corpo- rate Finance Group (TCFG) hervor. Sie können als Spiegel der im Jahre 2009 massiv verunsicherten Finanzmärkte gelesen werden. Im ersten Halbjahr 2009 herrschten Schock und Panik vor. Das Beben an den Aktienmärkten, der Absturz der Börsenindizes, der im März seinen Tiefpunkt erlebte, paralysierte die weltweite M&A-Szene. So nahm die Zahl der Transaktionen mit Schweizer Beteiligung im 1. Quartal 2009 gegenüber dem Vorjahr um 33% ab, im 2. Quartal betrug das Minus gar 43%.

Kein Geld für Mega-Deals

Auffallend im M&A-Jahr 2009 ist die markant zurückgegangene Zahl der Grosstransaktionen im Wert von über 500 Mio Fr. und über 1 Mrd Fr. Als Folge der Krise liessen sich solche Mega-Deals kaum mehr finanzieren. Zudem waren die Akteure mit den eigenen Problemen beschäftigt und warteten an der Seitenlinie die weitere Entwicklung an den Märkten vorerst ab. Im Small- und Mid-Cap-Bereich dagegen war für strategisch sinnvolle Transaktionen stets genügend Kapital vorhanden.

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Zweitens dominierten die staatlichen Rettungsaktionen das vergangene Jahr. Namentlich im Finanzsektor mussten zahlreiche Institute rekapitalisiert werden, die ihre Risiken und Bilanzen nicht mehr im Griff hatten. Laut TCFG waren knapp 17% des weltweiten M&A-Volumens auf Investitionen von Regierungen zurückzuführen.

In der Schweiz gehörten zwei Institute zu den grossen Profiteuren: Der Versicherer Zurich FS übernahm das Autoversicherungsgeschäft des schwer angeschlagenen und staatlich geretteten US-Riesen AIG für 2,1 Mrd Fr. und rückte mit diesem Schachzug im Segment Personal Lines zur Nummer drei im US-Markt auf. Die Bank Julius Bär kaufte vom niederländischen Finanzinstitut ING, das ebenfalls auf Staatshilfe angewiesen war, die Schweizer Tochter ING Bank (Suisse) für 500 Mio Fr. ab.

Die Stimmung in der M&A-Branche verbesserte sich aber Mitte 2009. Erste positive Anhaltspunkte und Hoffnungsschimmer waren zu sehen. Im 4. Quartal legt die M&A-Aktivität wieder zu: Plus 21% gegenüber dem Vorjahresquartal.

«Angesichts des überraschenden, positiv verlaufenen 4. Quartals 2009 erwarten wir auch für das Jahr 2010 eine Fortsetzung der Erholung des Schweizer M&A-Markts», sagt Mark Möckli, Partner von TCFG. Allerdings wäre es seiner Meinung nach verfrüht, eine starke Erholung zu prognostizieren. Möckli rechnet mit einem Anstieg von M&A-Transaktionen um rund 10% auf über 500 Deals. «Damit würde bereits die Rückkehr zur Normalität erreicht.»

Weitere Konsolidierungen

Optimistischer gibt sich Marco Illy, Leiter Investment Banking Schweiz bei der Credit Suisse: «Eine Erholung im Schweizer M&A-Markt steht bevor. 2009 verzeichnete die Schweiz ein Transaktionsvolumen von rund 50 Mrd. 2010 dürfte der Wert bei eher 60 Mrd liegen.» Laut Illy wird es in konsumnahen Branchen, bei deren Zulieferern sowie im Mediensektor und im Private Banking zu grösseren M&A-Aktivitäten kommen. Überdies werden Industriegesellschaften mit komplexeren Konglomeratsstrukturen Devestitionen prüfen, um strategisch gut positionierte Geschäftsteile weiterzuentwickeln, meint Illy.