Der US-Notenbankchef Ben Bernanke und sein Vorgänger Alan Greenspan argumentierten jahrelang, es sei einfacher und unter dem Strich billiger, die Folgen von spekulativen Blasen zu beseitigen, als zu versuchen, sie frühzeitig zu erkennen und klein zu halten. Tatsächlich gibt es in der Wirtschaftsgeschichte kaum Beispiele, bei denen Letzteres gelungen wäre.

Die letzten zwölf Monate sollten aber auch gezeigt haben: Man muss es zumindest versuchen. So teuer wie die Bekämpfung einer ausgewachsenen Finanzkrise kann ihre versuchte Vermeidung gar nicht sein. Das Problem ist nur, dass kein Regulator mit dem rasanten Innovationstempo an den Kapitalmärkten mithalten kann. Bestenfalls die Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen lässt sich mit neuen Regeln mindern. Dabei gilt für die Regulierung ein allgemeines Prinzip. Je simpler die Bestimmungen, desto besser. Denn: «Je präziser die Regeln, desto einfacher ist es, sie zu umgehen», sagt Kurt Schiltknecht, ehemaliger Notenbanker und Basler Wirtschaftsprofessor. Es sei einfacher für die Banken, wenn sie wüssten, wie die Regeln genau aussehen würden, die es zu umgehen gelte.

Zudem müssen die Regeln rasch gesetzt werden, denn der Widerstand der Bankinstitute gegen die strengeren Vorschriften wächst in dem Masse, wie sich die Banken von der Krise erholen und wieder Oberwasser gewinnen.

Internationale Einigung

International haben sich sowohl die Finanzminister der G20 als auch der Basler Ausschuss der führenden Notenbanken und Aufsichtsbehörden auf verschiedene Grundsätze geeinigt - mit dem Ziel, die Finanzbranche zumindest ein wenig sicherer zu machen.

Die Herausforderung wird aber letztlich sein, dass diese Willensbekundungen präzisiert und dann in den einzelnen Ländern umgesetzt werden.

Der konkreteste Entscheid des Basler Ausschusses ist eine absolute Verschuldungsgrenze, die sogenannte «Leverage Ratio». Unklar ist allerdings noch, wie hoch diese Grösse ausfallen wird. Bis Ende Jahr sollen aus den Grundsätzen, die Leitplanken für Eigenkapital und Liquidität umfassen, konkrete Vorschläge abgeleitet werden.

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In der Schweiz wurde die «Leverage Ratio» bereits umgesetzt; ein Beispiel für die Vorreiterrolle der Schweiz in der internationalen Regulierungsdebatte. Die Finanzminister der G20 haben sich ebenfalls auf Prinzipien geeinigt, die am Weltfinanzgipfel Ende September in eine feste Form gegossen werden sollen. Hier geht es um neue Vorschriften für Eigenkapital und Liquidität bei den Banken - und auch um neue Boni-Regeln.

Langfristig ausgerichtete Boni

Die Finanzminister der G20 haben unter anderem beschlossen, dass die globalen Standards für die Boni vom Erfolg über mehrere Jahre abhängen soll, auf eine Obergrenze wurde dagegen verzichtet.

Ex-Notenbanker Schiltknecht zufolge sollte sich der Staat nicht bei der Ausgestaltung der Boni einmischen: «Es genügt, die Rechte der Aktionäre in diesem Bereich zu stärken». Ein Verwaltungsrat, der eine unvernünftige Bonuspolitik verfolge, solle von den Anlegern abgewählt oder eingeklagt werden können.

Weniger Fortschritte als bei den breit diskutierten Boniregeln wurden dagegen in einer wichtigen Frage für die Stabilität des gesamten Finanzsystems erzielt: Wie kann dem Anreizproblem der systemrelevanten Banken begegnet werden?

Ravi Jagannathan, Ökonomieprofessor an der amerikanischen Northwestern University, erzählt dazu eine Anekdote. Als junger Mann arbeitete er im indischen Hyderabad für eine Firma, die Sprengstoff herstellt. Bei der Produktion in der Branche lässt sich viel Geld sparen, wenn man in grossen Fabriken produziert. Das Problem ist, so der heutige Ökonomieprofessor: Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief, früher oder später. Ein einziger Unfall aber kann katastrophale Folgen haben. Schadensbegrenzung konnte daher nur in einem bestehen: die Betriebsgrössen klein zu halten.

Banken als Sprengstofffabriken

Die Parallelen zur Bankenwelt sind spätestens seit Lehman offensichtlich: Grosse Banken - aber auch stark vernetzte kleine Institute - stellen ein Systemrisiko dar. Deshalb wird keine Regierung umhin kommen, eine solche Bank, die sich verzockt hat, zu retten.

Die Lehre daraus ist klar: Banken müssen, auf dem Weg der Regulierung oder der Besteuerung, einen massiven Anreiz bekommen, klein zu bleiben. «Um die Frage der Grösse kommt die Regulierung nicht herum», sagt Schiltknecht.

Wird kein international koordiniertes Vorgehen für die Abwicklung von Bankenkonkursen gefunden, sollte die Schweiz nationale Lösungen in Betracht ziehen, heisst es im Stabilitätsbericht der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Dann wäre allerdings ein Konkurs der ganzen Bankengruppe nicht möglich. Denkbar ist aber, organisatorische Anforderungen an die Banken zu stellen, um im Krisenfall einzelne für die Schweizer Wirtschaft lebenswichtige Teile herauszulösen. Wenn auch dies nichts nützt, müsse radikal die Grösse des Instituts beschränkt werden. «Eine weitere Möglichkeit wäre eine progressive Eigenmittelunterlegung», sagt Schiltknecht. Das heisst, je grösser die Bilanz ist, desto mehr Eigenmittel muss das Institut proportional unterlegen.

Vor einem Jahr, als das ganze Finanzsystem stark ins Wanken geraten ist, wurde mitten in der Panik die bange Frage gestellt: Hat der Kapitalismus versagt? Heute sind Angst und Schrecken verflogen, und es wird wieder Aussenseitern überlassen, die Systemfrage zu stellen. Dagegen ist die Kritik an den Ökonomen zu einer Art Volkssport geworden.

«Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, die nicht von den Prognosen idiotischer Ökonomen abhängt», poltert etwa der Bestsellerautor Nassim Taleb. Auch wenn manche Konjunkturforscher reichlich wenig Einsicht in die eigene Fehlbarkeit erkennen lassen: Sie dafür zu schelten, die Krise nicht frühzeitig in ihre Prognosen eingebaut zu haben, ist ungefähr so, als würde man einen Meteorologen dafür beschimpfen, dass ein Meteoriteneinschlag seine Wettervorhersage obsolet gemacht hat.

Kritik aus dem eigenen Lager

Doch Kritik an der Ökonomie kommt auch aus dem eigenen Lager. «Der Grossteil der Makroökonomie der vergangenen 30 Jahre war im besten Fall spektakulär nutzlos und im schlimmsten Fall schädlich», sagt der Nobelpreisträger Paul Krugman. Richtig daran ist: Die Kapitalmärkte und die Krisen, die von ihnen ausgehen können, befanden sich jahrzehntelang in einem toten Winkel der makroökonomischen Forschung.

Wer deshalb gleich die Ökonomieprofessoren für die Krise verantwortlich machen will, kann auch gleich Klimaforschern die Erderwärmung zur Last legen. «Die Wirtschaftswissenschaften haben nicht versagt», sagt denn auch Wirtschaftstheoretiker Paul Romer. «Das fundamentale Problem war nicht, dass man nicht verstand, was vorging. Das fundamentale Problem waren die Anreize.» Und hier sollte jetzt angesetzt werden.