Für Investoren ist Volatilität untrennbar mit Risiko verbunden. Je höher die Volatilität einer bestimmten Anlage ist, umso riskanter scheint es, darin zu investieren.

Tatsächlich bedeutet eine gestiegene Volatilität zum einen, dass die Wahrscheinlichkeit von grossen Kursverlusten gestiegen ist, zum anderen aber auch, dass es wahrscheinlicher geworden ist, dass die Aktie starke Kursgewinne verzeichnen wird. In der Praxis wird dieser Umstand jedoch oftmals nicht wahrgenommen und führt dazu, dass Anleger Optionen oft dann verkaufen, wenn die Volatilität niedrig ist, und Aktien abstossen, wenn sie hoch ist.

Unnötige Verwirrung

Warum das so ist, lässt sich auf verschiedene Gründe zurückführen. So wissen viele Anleger nicht, dass man Volatilität ohne grossen Aufwand handeln kann. Investoren verfolgen die mit ihren Anlagen verbundene Volatilität auch nur selten systematisch. Davon abgesehen ist es oft schwieriger als angenommen, an die richtigen Informationen zu gelangen und daraus Handlungsempfehlungen für sich abzuleiten. Schliesslich ist bei hoher Volatilität auch die Unsicherheit am grössten, sodass eine falsche Entscheidung teuer zu stehen kommen kann.

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Ein letzter Grund mag darin liegen, dass die fachspezifische Terminologie kompliziert scheint. Sich davon verwirren zu lassen ist jedoch unnötig. Die Bedeutung von Volatilität - als Mass für die Schwankungsintensität - lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man sich in die Lage eines Pendlers versetzt.

Die Pendler-Metapher

Angenommen, der Arbeitsweg eines Pendlers beträgt rund 50 Minuten. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger, aber im Durchschnitt beträgt die Abweichung vom Mittelwert 10 Minuten. Die jährliche Pendlervolatilität beträgt also 20%. Die Wahrscheinlichkeit, zwischen 40 und 60 Minuten nach Verlassen des Wohnorts im Büro einzutreffen, beträgt demnach 68%.

Die Volatilität liesse sich verringern, beispielsweise durch Umsteigen vom relativ langsamen Tram auf das schnellere Motorrad. Dadurch würde sich die Wahrscheinlichkeitsverteilung verändern, aber sowohl beim Tram als auch beim Motorrad bliebe sie linksschief. Zudem führen eine Streckenblockierung - oder im Falle des Motorrads ein Unfall zu unangenehmen «Fat Tails», also das Risiko grosser und unvorhergesehener «Verspätungsverluste» tritt häufiger auf als bei der Normalverteilung.

Diese Metapher illustriert, wie einfach die Volatilität erfasst werden kann und wie leicht es ist, basierend darauf Entscheide zu treffen - auch für Anleger.Volatilität bedeutet also immer ein gewisses Mass an Unsicherheit, bringt aber auch Bewegung und damit Chancen in den Markt.

Chancen für Anleger bietet etwa die Diskrepanz zwischen der Bewertung einer Option (auf Basis der impliziten Volatilität) und ihres effektiven Endwerts (realisierte Volatilität). In der Aktienwelt weit verbreitet ist der S&P 500 Volatility Index (VIX). Die implizite 5-Jahres-Volatilität des VIX liegt derzeit bei 32 bis 33% - so hoch wie seit 1941 nicht mehr. Da dieser Index die vom Markt erwartete Volatilität abbildet, können Anleger mit einer Optionsstrategie gezielt die aktuell hohe implizite Volatilität verkaufen und die realisierte kaufen und vom Spread profitieren. Der Verlust ist auf die Optionsprämie begrenzt.

Eine ähnliche Strategie kann mittels eines Varianzswaps implementiert werden: Bei Fälligkeit des Instruments wird die Differenz zwischen der impliziten und der realisierten Volatilität ermittelt sowie bezahlt oder entgegengenommen. In diesem Fall ist das Verlustpotenzial theoretisch unbeschränkt. Möchte ein Anleger Volatilität verkaufen, ist er gut beraten, wenn er Optionen abstösst, die aus dem Geld sind. Die inverse Beziehung zwischen Volatilität und der Entwicklung des zugrunde liegenden Basiswerts lässt sich ebenfalls von versierteren Anlegern nutzen. Auf dem Zinsmarkt gilt der Grundsatz: Je niedriger der Zinssatz, desto höher die Volatilität.

Ähnlich zeigt es sich am Aktienmarkt. Wenn die Kurse fallen, steigt die Volatilität tendenziell an. Möchte also ein Anleger in einem Baissemarkt seine Verluste «verringern», indem er sein Aktienportefeuille veräussert, wirkt ein gleichzeitiger Verkauf hoher Volatilität als Absicherung.

Trotz der zahlreichen beschriebenen Möglichkeiten und Vehikel lässt sich die Volatilität nicht in jedem Fall nutzen. Was dies bezüglich Risiken bedeutet, hat Peter Carr so auf den Punkt gebracht: «Das Risiko ist dann angemessen, wenn Sie das Gefühl haben, dass reich und dann arm sein dasselbe ist wie arm und dann reich sein.»