Die Reinigung von Strassen und Plätzen kostet die Schweizer Städte jährlich über 300 Mio Fr. Mehr als ein Fünftel – sicherlich also mehr als 60 Mio Fr. – geht auf das Konto achtlos weggeworfener Verpackungen und Gebinde. Ein Patentrezept gegen das Littering gibt es nicht. Mannigfaltig nehmen sich deshalb die Massnahmen aus, welche die Behörden rund um den Globus ergreifen. Während ein in den USA unbotmässig ausgespuckter Kaugummi eine happige Busse nach sich zieht, warnen Globetrotter-Foren vor öffentlicher Ächtung oder Gefängnisaufenthalten, die in Fernost – so in Singapur – stante pede einer achtlos weggeschnippten Zigarettenkippe folgen.

Weit weniger repressive, nicht aber weniger aufsehenerregende Wege schlägt da die Stadt Zug ein.

Reiche Stadt – saubere Stadt?

Zug – das propere Zug – hat ein Littering-Problem? Zugs Stadtökologe Bruno Trüssel lächelt milde – er kennt das Vorurteil: Reiche Stadt gleich saubere Stadt. Dass dem nicht automatisch so sein muss, belegt in Zug die Rössliwiese unten am See. Der beliebte Treffpunkt ist so etwas wie der Schandfleck der Kolinstadt. An schönen Wochenenden verschwindet das Grün des Rasens regelmässig unter einem Teppich von Papier, Karton, Pet- und Glasflaschen.

Dieser Umstand hatte Zugs Stadtregierung bereits vor fünf Jahren zu einer spektakulären Aktion veranlasst. Während einer Woche waren die Mitarbeiter des Werkhofs damals in den behördlich verordneten «Streik» getreten. Die Rössliwiese wurde sich selbst überlassen – sich selbst und dem Güsel.

Schon vor fünf Jahren ein Thema

Dass aus Zug letztlich nicht «Klein-Neapel» und aus der Rössliwiese keine Müllhalde wurde, ist vor allem einem deutschen Weltenbummler zu verdanken, der 2003 in Unkenntnis der Sachlage hochmotiviert zur Tat schritt und den Unrat fein säuberlich einsammelte und sachgemäss entsorgte

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Das war zwar nicht im Sinne der Zuger Behörden, die das vor Ort picknickende und biwakierende Kollektiv aufzurütteln gedachten; dennoch, für ein paar Schlagzeilen in den lokalen und nationalen Medien reichte es allemal. So positiv das Urteil damals ausgefallen ist, so gross allerdings ist die Ernüchterung heute. Denn auf der Rössliwiese herrscht aktuell wieder die altbekannte Güsel-Anarchie.

Appell an Eigenverantwortung

Jetzt will Zug erneut ein Zeichen gegen die Gleichgültigkeit im Umgang mit Abfall und Umwelt setzen. Dies weder mit Bussen noch dem Mahnfinger, sondern mit einem Theaterstück. Während des Sommers spielt die Theatertruppe Nina auf den Plätzen der Stadt und im Zentrum Metalli das Stück «Glittering». Das «humoristische Spektakel» auf der Gasse will mit einem Augenzwinkern an die Eigenverantwortung appellieren und in szenischen Beispielen die Folgen von Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit aufzeigen.

36 Vorstellungen des Theaters «Glittering» sind vorgesehen, neben den öffentlichen Aufführungen werden die vier Theaterleute ihr Stück auch an verschiedenen Zuger Schulen zeigen. Mit Hintergrund natürlich: Mit den Schülerinnen und Schülern wird versucht, via die Kinder deren Eltern zu erreichen. Denn die schlimmsten Abfallsünder sollen – so besagt es eine Studie (siehe Seite 77) – mehrheitlich über 25 Jahre alt sein!

Die Aufführungen sind ganz im Stile eines Barocktheaters gehalten: Die Akteure tragen üppige Kostüme, zumeist angereichert mit Pet-Flaschen, Milchtüten, Plastiktaschen – Abfällen eben, die oft nicht im, sondern neben dem Mülleimer landen.

Aufklärung und Information

Für Zugs Stadtökologen Bruno Trüssel ist die Stossrichtung klar. Mit dem Strassentheater soll die Bevölkerung auf unterhaltsame Art und Weise für das Thema Littering sensibilisiert werden. «Unser Hauptaugenmerk gilt der Aufklärung und der Information, erst zuletzt der Repression.» Denn eigentlich, und das ist vielen Littering-Sündern wohl gar nicht bewusst, handelt es sich beim Wegwerfen von Güsel im öffentlichen Raum auch in der Schweiz um ein Delikt, das mit Busse bestraft werden kann. In der Theorie auf jeden Fall, denn die Praxis zeigt: Kaum ein Missetäter lässt sich auf frischer Tat ertappen.

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«Umso wichtiger wäre eigentlich die soziale Kontrolle», bemerkt Trüssel dazu, «aber heute getraut sich ja kaum mehr jemand, etwas zu sagen.» Insofern handle es sich beim Littering auch weniger um ein Umweltproblem als viel mehr um ein gesellschaftliches Phänomen.