Nicht zuletzt dank Zürich als boomender Kunststadt hat sich die Messe Kunst Zürich im vergangenen Jahrzehnt als attraktive Ergänzung zu den europäischen Grossmessen entwickelt. Über 20000 Besucher aus dem In- und Ausland verwandeln die Hallen in Zürich-Oerlikon im November jeweils in ein lebhaftes Kunstzentrum. Mit der Beschränkung auf rund 70 Galerien bleibt die Überschaubarkeit gewahrt. Kunstgenuss statt Kunstmarathon lautet die Devise.

Im Zentrum steht ein breites Angebot zeitgenössischer Kunst. Neben international Etabliertem erwartet die Besucher auch ein viel versprechendes junges Kunstschaffen. Besonderes Augenmerk gilt dabei zwölf jungen Galerien, welche für den ZKB-Preis nominiert sind (siehe Seite 97).

Vielfältige Selbstbefragung

Beim diesjährigen Angebot fällt eine ausgeprägte Konzentration auf die Themen Autobiografie und Selbstbefragung auf. Seit die Kunst ab dem späten 19. Jahrhundert im Zuge der Individualisierung immer stärker als Mittel zur Selbstfindung eingesetzt wurde, entdeckten die Künstler und Künstlerinnen einen spontanen Malgestus. Die neue Experimentierfreudigkeit führte zum Ausloten von Grenzen, zum Schaffen von Zwischenräumen ohne Eindeutigkeit. Sich selber darzustellen, sich zu hinterfragen und mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, steht seither bei vielen Kunstschaffenden im Zentrum. Vielleicht ist es genau das, was zeitgenössische Kunst auch in unsicheren Zeiten so erfolgreich macht: Sie spiegelt das eigene Befinden so direkt wider wie kaum ein anderes Medium.

Die Suche nach dem eigenen Selbst ist an der diesjährigen Messe bei auffallend vielen Positionen zu finden, doch sind es vorwiegend Künstlerinnen, die sich direkt mit dem eigenen Ich auseinandersetzen. Die männlichen Kollegen ziehen es vor, einen distanzierteren Blick auf ihre Biografie zu werfen und setzen sich – etwa mit Hilfe der Porträt-Fotografie – gerne in die Position des Beobachters.

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Monika Dillier bei Anton Meier (Genf) fühlt sich, als müsse sie in ihrem eigenen Kopf ständig aufräumen. Gesehenes und Gefühltes bringt sie dabei spontan und subjektiv zu Papier. Mit dem Prozess der Selbstfindung verknüpft sind immer wieder Erinnerungen an die eigene Vergangenheit. Guadalupe Ruiz bei der jungen Galerie von Döring (Schwäbisch Hall) untersucht in ironischen Fotografien ihre «fucking family». Die Schweizer Künstlerin Annatina Graf bei Chelsea (Laufen) und Hirschkuh (Kleinlützel) tastet sich mit virtuellen und malerisch-zeichnerischen Mitteln zwischen Gegenwart und Erinnerung, zwischen Realität und Fiktion an ihre Autobiografie heran. Einen alternativen Umgang mit dem Selbst bietet uns Georgine Ingold bei Daeppen, (Basel). In ihrer Serie «Selfportraits» setzt sie Schauspielerinnen ins Bild, um diese, stellvertretend für sich selbst, ihre Rolle spielen zu lassen.

Autobiografie und Porträt

Der berühmte Fotograf Philipp Halsmann (zu sehen bei Arte F, Zürich) porträtierte zwischen 1930 und 1970 Berühmtheiten wie Marilyn Monroe. Er war der Ansicht, dass jedes Porträt auch immer eine Seite von sich selbst zeige. Arte F präsentiert an der diesjährigen Kunst Zürich weitere wunderbare Vintage-Fotografien ausgesuchter Klassiker wie Robert Doisneau, Ansel Adams oder René Burri.

Heinz Holtmann (Köln) zeigt neben Klassikern der 60er und 70er Jahre wie Dieter Roth, Arnulf Rainer, Daniel Spoerri, Sigmar Polke auch zeitgenössische Fotografie: Die koreanische Foto-Künstlerin In Sook Kim beispielsweise lotet in autoerotischen Selbstreflexionen das Abgründige aus.

Mit Istvan Baloghs Serie «Sur-Face» präsentiert die renommierte Pariser Galerie Bernard Jordan, die kürzlich einen Ableger in Zürich eröffnet hat, einen Schweizer Künstler, dessen Figuren sich dem Betrachter schutzlos und entblösst ausliefern. Eine weitere interessante Position des Porträts findet man bei der Galerie Renate Bender aus München – die von dem japanischen Fotografen Izima Kaoru inszenierten Todesmomente im Leben schöner Frauen. Die logische Fortsetzung des Erinnerns führt vom rein Autobiografischen zum Sittenbild. Chantal Michel (bei Krethlow, Bern) nimmt dabei noch eine Zwischenposition ein und verbindet in ihren Arbeiten Sittenbild und Selbstdarstellung. Falk Gernegross (Galerie Kleindienst, Leipzig) widmet sich in einem sieben Meter langen Wandgemälde dem weiblichen Akt, wobei jedoch nicht die einzelne Figur im Vordergrund steht, sondern die Gruppe als Gesellschaftsphänomen untersucht wird.

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Immer neue Sehprozesse

Mit politischer Kunst hingegen setzen sich derzeit in erster Linie Künstler aus nicht-westlichen Ländern auseinander, wie sie beispielsweise die Zürcher Galerie Avanthay mit indischer, pakistanischer, philippinischer und tibetischer Kunst oder Art Seasons (mit Ablegern in Singapur, Peking, Jakarta, Seoul und Pfäffikon), aber auch Kasya Hildebrand (New York und Zürich) vertreten. Jeffrey Aaronson (Hildebrand) beobachtet mit scharfem Kamera-Auge die Grenze Mexiko/USA und deckt ein kollektives Sehnen nach Heimat und kultureller Identität auf. Leslie de Chavez (Avanthay), ein philippinischer Kunstschaffender, demonstriert in ungeschminkten Bildern Missbrauch und Korruption in seinem Land. Bei Frank Pages (Baden-Baden) zeigt Susanne Held eindrückliche Bilder ihrer Reisen nach Tibet. Und das Künstler-Ehepaar Wu Shao Xiang und Jiang Shuo (bei Art Seasons, Pfäffikon) macht auf seine einschneidenden Erfahrungen aufmerksam, als Verräter im eigenen Land zu gelten.

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Wieder andere Künstler richten ihren Blick weg von einer persönlichen Darstellung.

Für Francine Mury (bei Haldemann, Bern) wie auch für Barbara Petzold (Hengevoss-Dürkopp, Hamburg) oder Myrtha Steiner (Billing Bild, Baar) bilden Naturdarstellungen den Ausgangspunkt für ihr Werk. Einen weiteren Schritt Richtung Abstraktion, weg von der Naturdarstellung hin zur reinen Form, macht der Künstler Bodo Korsig (Peter Borchardt, Hamburg). Seine Riesenholzschnitte sind archaische Formen, die zum Spielraum des Betrachters werden. Dem Thema Licht widmet sich Anne Appleby (Galerie Albrecht, München und Berlin), indem sie ihre Inspirationsquelle – die Natur – in eine abstrakte, minimale Bildsprache umsetzt. Ihre Bilder fangen dabei das Licht ein und geben es gleichzeitig preis. Die Galerie Am Lindenplatz (Vaduz) widmet sich ebenfalls einer Künstlerin, deren Fokus auf dem Licht liegt: Die Licht- und Installationskünstlerin Miriam Prantl präsentiert Licht in ständiger Veränderung, sodass der Betrachter aufgefordert ist, sich auf immer neue Sehprozesse einzulassen.

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Stars der Klassischen Moderne

Auf Zahlen und Gesetzmässigkeiten in der Kunst respektive deren Künstler konzentrieren sich etwa die Galerien Multiple Art oder La Ligne, beide in Zürich, oder Zéro L’infini (Etuz). Den von ihnen gezeigten Künstlern gemeinsam ist das Ausloten des Nicht-Figürlichen und die Annäherung an ihre Objekte in einer analytisch-mathematischen Haltung.

Mit dem Moment des Ursprungs allen Seins, dem Augenblick der Leere, der sämtliche Möglichkeiten enthält, befasst sich Ruth Bättig (bei Billing Bild, Baar). Mit Rusanna Werbicki entdeckt man bei Rigassi (Bern) eine Künstlerin, die mit dem Moment des Allmöglichen auf sehr subtile Weise umzugehen weiss. Ihre Werke besitzen eine Weite und Unbegrenztheit, eine Idee von Unendlichkeit.

Einen wichtigen Sektor der Kunst Zürich bilden stets auch die grossen Klassiker. Zu finden sind sie etwa bei der Galerie Nothelfer (Berlin), die sich dem Tachismus und Informel verschrieben hat und mit Namen wie Richard Serra, Jan Voss oder Kazuo Shiraga aufwartet. Die Galerie Henze, Ketterer & Triebold (Wichtrach) präsentiert Stars der Klassischen Moderne wie Otto Müller, Erich Heckel oder Ernst Ludwig Kirchner. Bollag Galleries (Zürich) wartet mit Namen wie Picasso und Kirchner auf und Walter Bischof (Berlin) punktet mit Sigmar Polke und Gerhard Richter. Neu im Raum Zürich ist die Galerie Silvan Faessler mit einem Schwerpunktprogramm führender Künstler der Klassischen Moderne bis hin zur internationalen Gegenwartskunst. Werke von A.R. Penck, Dieter Roth und Georg Baselitz befinden sich auf Augenhöhe mit Werken der Brüder Giacometti oder Arbeiten von Not Vital oder Martin Disler.

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