Er könne nicht ausschliessen, dass seine Bank auch in Zukunft zweistellige Boni bezahlen werde. Mit dieser Aussage in einem Fernsehinterview brachte Peter Kurer, Wirtschaftsanwalt und VR-Präsident der Grossbank UBS, alles ins Wanken, was er an Vertrauen aufgebaut hatte. Was zwar ehrlich gemeint war, «erschütterte» Interims-Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf, und Kurer musste sich öffentlich entschuldigen.

Rechtsanwalt François Bernath, der Kurer aus gemeinsamen Studienzeiten kennt, führt den Lapsus auf das Naturell des Grossbankenmanagers zurück. «Würde er mehr mit Bauch und Herz statt mit dem Kopf sprechen, hätte er doch nie von zweistelligen Boni gesprochen», sagt Bernath. «So etwas kommt einem schlicht nicht in den Sinn, wenn man die schwierige Lage emotional erfasst hat.»

Der UBS-Präsident «chrampft» zwar viel, urteilt Bernath, er sei gewissenhaft und «dran an den wichtigen Themen». Auch habe er mit randloser Brille und gestutztem Haar sein Äusseres dem neuen Job angepasst. Doch die Mühe sei fast vergebens. «Leider vergisst er das Wichtigste: Seine Wirkung in der breiten Öffentlichkeit.»

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Geister der Vergangenheit

Studienkollege Bernaths Einschätzung führt zur entscheidenden Frage: Hat Peter Kurer nach nur einem halben Jahr im Amt seinen Kredit bereits aufgebraucht? Erhalten jene Kritiker Recht, die ihn schon bei seiner Wahl im Frühling als Fehlbesetzung abgestempelt haben? Wird Kurer die Geister der Vergangenheit nicht los, wonach er mitverantwortlich für die Krise der Grossbank ist?

Rechtsanwalt Urs Schenker von der Zürcher Kanzlei Baker & McKenzie verteidigt seinen früheren Arbeitskollegen. «Peter Kurer macht in einer extrem schwierigen Lage einen guten Job. Als er zum Schluss kam, dass der Gang nach Bern unvermeidlich wurde, tat er dies mit Anstand und brachte eine für alle Seite vernünftige Lösung zustande.»

Öffentliche Aufregung wie nach Kurers Bonus-Zitat sei für die UBS nach der staatlichen Rettung kaum zu vermeiden, glaubt Jurist Schenker. «In der politischen Arena gibt es immer von irgendeiner Seite Kritik ? auch die beste Lösung hat da ihre Feinde.»

Schon neue Köpfe im Gespräch?

Skeptisch äussert sich Kommunikationsberater Victor Schmid. Die Schuld an der verschärften Lage könne man zwar nicht dem UBS-Präsidenten in die Schuhe schieben, doch die Aussichten hätten sich für die UBS verschlechtert. «Umso stärker ist Kurer auf einen Vertrauensvorschuss im Publikum angewiesen. Doch woher soll der jetzt noch kommen?», fragt Schmid.

Unter Kurers Führung könne sich die UBS kaum stabilisieren, schätzt der PR-Experte die Lage kritisch ein. Der Kenner der politischen Kräfteverhältnisse geht davon aus, dass hinter den Kulissen bereits über neue Köpfe diskutiert wird. «Vielleicht müsste es jemand sein, der aus Liebe zum Vaterland in die Bresche springt, ohne Rücksicht auf persönliche Risiken.»

Ein Wechsel an der Spitze der Bank sei kein Thema, heisst es bei der UBS mit Blick auf den 27. November. Dann versammeln sich die Aktionäre bereits zum vierten Mal in diesem Jahr. Diesmal geht es darum, die Beteiligung der Eidgenossenschaft über 6 Mrd Fr. oder rund 9% abzusegnen. Die UBS erhofft sich von der Staatsbeteiligung neues Vertrauen bei Anlegern und Drittbanken.

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Präsident Kurer könnte mit einer staatsmännischen, Vertrauen erweckenden Rede Terrain wettmachen, das er an der Generalversammlung vom 2. Oktober eingebüsst hat. Nachdem er damals die «umwälzenden Entwicklungen» in der Finanzindustrie skizzierte, sagte Kurer den folgenschweren Satz: «Ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen berichten zu können, dass wir die UBS recht erfolgreich durch diese Turbulenzen manövrieren konnten.» Das klang nach Entwarnung und erweckte bei vielen den Eindruck, die UBS hätte das Gröbste hinter sich. 14 Tage später mussten ihr Bund und Nationalbank mit bis zu 68 Mrd Fr. unter die Arme greifen.

Klare Botschaft

Nun werden von Kurer Aussagen zur Lohnpolitik erwartet. Wie kann die UBS in Zukunft sicherstellen, dass Boni an Leistung geknüpft werden, lautet eine zentrale Frage. UBS-Sprecher Christoph Meier sagt, die Bank werde «bereits in diesem Jahr» ein überarbeitetes Kompensationsmodell vorstellen. Wie bei allen übrigen Entscheiden, welche die Bankleitung in den letzten paar Monaten gefällt habe, sei auch bei den Boni die Botschaft klar. «Wir packen alle wichtigen Pendenzen an und setzen die gefällten Massnahmen rasch um», sagt Meier.

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Entscheidend wird sein, wie die Bank ihre Stars im Investment Banking entschädigen will. Weil diese Händler hohe Gewinne für ihre Arbeitgeberin erzielen können, bleibt ihr Marktwert trotz Krise hoch. So verpflichtete die UBS vor vier Wochen mit Jeffrey Mayer als neuem Co-Leiter des Zinsengeschäfts einen Ex-Manager der bankrott gegangenen Investmentbank Bear Stearns. Mayer hatte im Mai ein 27-Mio-Dollar-Angebot von JP Morgan abgelehnt, schrieben US-Medien.

CS geht eigene Wege

Eigene Wege geht die Credit Suisse. Die zweite Schweizer Grossbank zwingt ihre Händler schon länger, einen Teil ihres Bonus gleich anzulegen wie das Geld der Bank. «Das Modell im Eigenhandel hat sich bewährt», sagt CS-Sprecher Andrés Luther, «damit bringen wir die Eigeninteressen der Händler mit jenen der Firma in Übereinstimmung.»

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NACHGEFRAGT Dominique biedermann, Direktor der Ethos-Stiftung


«Das Vertrauen in dieser schwierigen Situation behalten»

Wie viel Vertrauen hat VR- Präsident Peter Kurer mit seinen Äusserungen zu den Boni bei Ihnen verspielt?

Dominique Biedermann: Alle warten auf neue Aussagen des Verwaltungsrats im Rahmen einer neuen Lohnpolitik. An der ausserordentlichen Generalversammlung vom 27. November hat der Verwaltungsrat die Gelegenheit, das Vertrauen zurückzugewinnen.

Haben Sie noch Vertrauen in die UBS-Führung?

Biedermann: In einer solch schwierigen Phase muss man das Vertrauen ins Management behalten. Im Rahmen der Vergütungspolitik warten wir auf Aussagen, wie die Gehälter im Jahr 2008 aussehen werden und wie das neue Vergütungssystem 2009 ausgestaltet sein wird. Und wir erwarten, dass der Verwaltungsrat freiwillig akzeptiert, dass die Aktionäre an der nächsten ordentlichen GV über den Vergütungsbericht abstimmen können.

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Die UBS will ein Bonus-Malus- System einführen. Was halten Sie davon?

Biedermann: Es ist noch zu früh, um sich dazu zu äussern. Das System wurde noch nicht richtig vorgestellt.

Welche Vergütung wäre sinnvoll?

Biedermann: Wir wollen, dass die Boni vom Gesamtergebnis der Bank abhängig sind. Zudem ist wichtig, dass der variable Lohnanteil nicht mehr als 50% des Gesamtlohnes ausmacht. Zum variablen Teil gehören aber nicht nur die Boni, sondern auch Optionspläne. Ferner sollten die Kriterien für die Boniausschüttung transparent gemacht werden. Ein einfaches Bonus-Malus-System genügt nicht.

Wurden Sie von der UBS zu den Bonifragen konsultiert?

Biedermann: Wir stehen in ständigem Kontakt und sprechen dabei unterschiedliche Themen an.

Fordern Sie auch von der Politik Massnahmen?

Biedermann. Das Obligationenrecht sollte dahingehend geändert werden, dass die Aktionäre das Recht haben, an der Generalversammlung über den Vergütungsbericht abzustimmen.

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Sollten die UBS-Verantwortlichen ihre Boni zurückzahlen?

Biedermann: Hier gibt es einen grossen Unterschied. Peter Wuffli ist im Jahr 2007 aus dem Unternehmen ausgeschieden und sein Lohn wurde ausbezahlt. Marcel Ospel ist erst im Frühjahr 2008 zurückgetreten. Die UBS hat noch immer nicht kommuniziert, ob der Lohn von Herrn Ospel schon bestimmt wurde. Hier ist also keine Rede von Rückerstattung.

Ihre Reaktion?

Biedermann: Wir erwarten Informationen vom VR. Wir sind erstaunt, dass die UBS noch nicht klar kommuniziert hat, was Herr Ospel an Vergütung erhalten hat.

Und Herr Wuffli?

Biedermann: Ich würde es schätzen, wenn er spontan einen grossen Teil seiner Vergütung für das Jahr 2007 zurückzahlen würde. Juristisch hat man aber noch wenig in der Hand. Deshalb ist es wichtig, dass die Möglichkeiten für Rückerstattung bei der Aktienrechtsreform verbessert werden.

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