Kommt in diesem Jahr für die Brauereien die Stunde der Wahrheit? Denn nach einer längeren Phase des Niedergangs keimte ab 2006 wieder Hoffnung auf: Der Pro-Kopf-Konsum stieg in dieser Zeit jährlich um jeweils einen Liter. War das nun eine Trendwende oder bloss ein Zwischenhoch, das im letzten Jahr zudem von der Fussballeuropameisterschaft begünstigt wurde? Letzteres ist der Fall: Die Branche läuft dem guten Ergebnis von 2008 hinterher. Gemäss Zahlen des Schweizer Brauerei-Verbandes (SBV) war der Markt in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres volumenmässig um 3 bis 4% rückläufig. «Mai, Juni und Juli waren wettermässig zu schlecht, und der heisse August allein hat das nicht wettmachen können», erklärt SBV-Direktor Marcel Kreber.

Diese Aussage bestätigen die beiden den Biermarkt dominierenden Giganten Carlsberg/Feldschlösschen und Heineken/Eichhof. «Wir weisen einen Volumenrückgang aus, der im Rahmen des Gesamtmarktes liegt», räumt Urs Knapp ein, Firmensprecher von Heineken Switzerland. Bei Carlsberg/Feldschlösschen lässt Mediensprecher Markus Werner durchblicken, man behaupte sich im Wettbewerb - auch ohne Grossereignisse. Im Klartext heisst das, dass sich auch der Branchenleader dem rückläufigen Trend nicht entziehen kann.

Branchenriesen klagen

Spielverderber ist, so wird einhellig betont, nicht nur das Wetter, sondern auch die trübe Wirtschaftslage. Die Rezession drücke den Konsum in den Restaurants. Im Gegenzug werde verstärkt billiges Dosenbier aus dem Detailhandel getrunken. Mit ein Grund für diese Verhaltensänderung könnte zudem sein, dass eine Stange Bier in diesem Jahr in den meisten Lokalen um 20 Rp. teurer geworden ist. Doch Knapp relativiert: «Nicht in erster Linie die höheren Preise drücken auf den Bierkonsum, sondern die wegen der Wirtschaftskrise rückläufige Besucherfrequenz in den Gaststätten.»

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«Zusätzliche Sorgen bereitet uns derzeit die um sich greifende Verbotskultur», ergänzt Werner von Carlsberg/Feldschlösschen. Werbeverbote für alkoholische Getränke und vor allem die Rauchverbote in den Lokalen dämpften den Konsum. «Wir stellen fest, dass in jenen Kantonen, in denen 2009 das Rauchverbot eingeführt wurde, ein auffällig höherer Volumenrückgang zu verzeichnen ist als in den Kantonen ohne Rauchverbot», so Knapp. Ein weiteres Ärgernis für die Branche: Bier darf nicht länger als Wellness-Getränk propagiert werden. So hat das Kantonale Labor Zürich verfügt, dass der SBV über die wissenschaftlich erwiesenen, gesundheitsfördernden Wirkungen von Bier auf seiner Website nicht länger berichten darf.

Kleinbetriebe trotzen der Krise

Doch trotz rückläufiger Märkte und zusätzlicher Verbote: In der Krise gibt es auch Gewinner. «Wir erwarten für 2009 ein Wachs- tum von 5 bis 10%», sagt zum Beispiel Raphael Locher, Firmen- chef der gleichnamigen Brauerei in Appenzell. Diese gehört mit einem Ausstoss von 100000 hl zu den letzten mittelgrossen, unabhängigen Brauereien und vertreibt ihre Bierspezialitäten in der ganzen Schweiz.

Einen Boom erleben zudem verschiedene regionale Kleinbrauereien. Die Einsiedler Rosengarten etwa hat im 1. Halbjahr 10% mehr Umsatz verbucht. Zudem fällt auf, dass der Trend zu Kleinst- und Gasthofbrauereien, der vor rund 15 Jahren begann, ungebrochen ist. Inzwischen gibt es in der Schweiz wieder mehr als 200 Brauereien. Das sind mindestens doppelt so viele wie in den 1990er-Jahren. In der Zentral- und Ostschweiz sowie im Tessin sind gegenwärtig weitere Brauanlagen geplant oder im Bau. Lokale Vielfalt ist angesagt, die nicht zuletzt auch mit der Konsolidierung bei den Grossbrauereien zusammenhängen dürfte, wie Marcel Kreber vermutet.

Wettbewerb um die Restaurants

Bereits prognostiziert Alois Gmür, Produktionsleiter der Rosengarten und Präsident der Interessengemeinschaft (IG) Klein- und Mittelbrauereien, dass die IG-Mitglieder ihren Marktanteil in den nächsten Jahren von 8 auf 12% steigern werden.

Angesichts des schrumpfenden Marktes ist dies eine kecke Prognose. Klar ist, dass der Kampf um Marktanteile wie eh und je im Wesentlichen in den Restaurants entschieden wird. Wenn der Pächter wechselt, was im Laufe eines Jahres bei 20 bis 25% der Lokale geschieht, geht die Diskussion los, welche Biermarke das Rennen machen wird.

Allerdings handeln immer weniger Wirte Exklusivverträge mit Grossbrauereien aus, weil sie den Gästen umso mehr Biervielfalt bieten wollen. Dazu gehören lokale Biersorten und auch Importbiere, die zwar im letzten Jahr gegenüber Schweizer Bieren nicht weiter Terrain gutmachen konnten. Immerhin gelang es ihnen, sich bei knapp einem Fünftel des Markvolumens zu halten.