Es ist eine der längsten Übernahmeschlachten, die es in Europa je gegeben hat - und eine der bittersten. Seit Dezember 2014 wehrt sich der Schweizer Bauchemiekonzern Sika gegen die Umklammerung durch den französische Riesen Saint-Gobain. Bislang mit Erfolg, denn nach einem Gerichtsurteil zu ihren Gunsten sehen sich die Schweizer im Vorteil.

Doch der Rechtsstreit geht weiter. Und selbst falls Sika am Ende triumphiert, spricht vieles dagegen, dass der Hersteller von Bauklebstoff und Mörtel mit einem Börsenwert von aktuell 13 Milliarden Franken auf Dauer unabhängig bleibt - auch wenn das auf der Generalversammlung an diesem Dienstag erneut die offizielle Marschroute sein dürfte.

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Übernahme mit geringem Einsatz

Die Gründerfamilie Burkard hatte 2014 entschieden, ihren Anteil an der über 100-jährigen Firma ohne das Wissen der Sika-Spitze zu verkaufen. Dabei klopfte sie zwei Insidern zufolge auch beim deutschen Konsumgüterkonzern Henkel an, kassierte aber bereits in einem frühen Stadium der Gespräche eine Absage. Saint-Gobain offerierte dagegen 2,75 Milliarden Franken für den Anteil und erhielt den Zuschlag. Die Franzosen waren bereit, eine Prämie zum damaligen Aktienkurs von 80 Prozent auf den Tisch zu legen, weil bei einem verhältnismässig geringen Kapitaleinsatz die Kontrolle über Sika lockt: Die Burkards halten zwar nur 16 Prozent des Kapitals, aber 53 Prozent der Stimmrechte.

Doch der Sika-Verwaltungsrat vereitelte die Transaktion, indem er die Stimmrechte der Familie beschnitt. Im Oktober segnete ein Gericht die Massnahme ab. Die Familie akzeptierte das nicht und legte Berufung ein.

Ein Überblick über mögliche Szenarien:

1. Einvernehmliche Lösung

Bisher haben alle drei Parteien Gesprächsbereitschaft signalisiert, ohne allerdings von ihren Positionen abzurücken. Immerhin gibt es Anzeichen, dass sich die harten Fronten etwas aufweichen könnten. «Eine Reihe von Leuten hat entschieden, ihre Waffen runterzunehmen», sagt eine mit der Sache vertraute Person. Es bestehe eine gewisse Chance, dass es im laufenden Jahr zu einer Lösung komme. Die könnte zum Beispiel auch so aussehen, dass Sika die Aktien der Familie zurückkauft. Dank des starken Kursanstiegs und der reichlich vorhandenen Barmittel könnte Sika nahezu den gleichen Preis für den Anteil bieten wie Saint-Gobain. Mit Spannung wird nun erst einmal die Generalversammlung erwartet. Verzichtet das Sika-Management auf weitere Attacken?

Insgesamt wetten derzeit die wenigsten auf eine einvernehmliche Lösung. Die meisten gehen davon aus, dass nicht einmal das in der zweiten Jahreshälfte erwartete Urteil des Obergerichts Zug zu einer Entscheidung führt, sondern erst der Schiedsspruch des obersten Schweizer Gerichts, der 2018 fallen dürfte. «Die Familie wird bis zum bitteren Ende durchhalten», ist sich ein Insider sicher.

2. Sieg von Saint-Gobain

Setzt sich die Familie vor Gericht durch, übernimmt Saint-Gobain bei Sika das Ruder. Neben Managementwechseln hätte das nach Einschätzung mehrerer Experten aber auch noch eine ganz andere Konsequenz: Die Sika-Aktie würde wohl abstürzen, weil die Investoren dem Unternehmen unter dem Joch Saint-Gobains weniger zutrauen. Das könnte die Franzosen zum Handeln veranlassen. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich mit einem Gewinnanteil von 16 Prozent zufrieden geben werden», erklärt ein weiterer Insider. «Wenn man das zu Ende denkt, kommt man zum Schluss, dass Saint-Gobain seinen Anteil erhöhen wird.»

Weniger Einigkeit herrscht in der Frage, ob der Konzern nur eine Mehrheit anpeilen oder aufs Ganze gehen würde. «Meiner Meinung nach ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie eine Angebot für die ganze Sika machen», erklärt Jupiter-Fondsmanager Cedric de Fonclare. Allerdings wäre eine solche Transaktion für den Baustoffkonzern, der bereits das Glas für den Spiegelsaal in Schlosses in Versailles lieferte, ein Kraftakt.

3. Sieg von Sika

Selbst wenn alle Gerichte Sika recht geben, hat die Firma noch nicht gewonnen. Saint-Gobain wären die Schweizer dann zwar vorerst los, nicht aber die Familie als Aktionärin. Mit ihrer Stimmenmehrheit dürfte sie einen ihr genehmen Verwaltungsrat installieren und dann möglicherweise einen neuen Käufer suchen. Denn die Familie habe grundsätzlich entschieden, zu verkaufen, erklärt ein Vertrauter.

Nicht ausgeschlossen ist, dass Saint-Gobain dann einen weiteren Anlauf unternimmt. Als möglicher Interessent käme auch BASF infrage, sagen zwei Insider übereinstimmend. Mit einem Angebot für die ganze Sika könnte der Verwaltungsrat wohl leben, sofern der Preis stimmt. Denn Präsident Paul Hälg hat immer wieder betont, dass es ihm nicht um die Unabhängigkeit an sich geht, sondern um den Schutz der Minderheitsaktionäre, die beim gegenwärtigen Saint-Gobain-Angebot leer ausgehen würden.

(reuters/gku)