Etiketten halten die Welt in Ordnung. Im Detailhandel ginge schon längst nichts mehr ohne die kleinen Klebedinger mit den immer noch geheimnisvoll anmutenden Strichcodes, aber auch Produktion, Logistik und Lagerwirtschaft setzen zunehmend auf Etiketten. Allerdings auf ihre «klugen» Nachfolger, sogenannte RFID-Tags. RFID steht für Radio Frequency Identification, was bedeutet, dass die Etiketten ihre Daten preisgeben, wenn sie auf kurze Distanz vom elektromagnetischen Feld eines Lesegeräts dazu angeregt werden. Mit solchen Tags versehene Dinge können berührungslos identifiziert und lokalisiert werden.

Einen Nachteil haben die Tags allerdings, wie Skifahrer etwa nur zu gut wissen: Zur Erfassung müssen Tag und Lesegerät sehr nahe zueinander gebracht werden – zum Beispiel die Tageskarte mit dem Lesegerät am Skilift –, was ihren Aktionsradius beträchtlich einschränkt. Und: Lesegeräte identifizieren nicht einzelne, sondern unbesehen alle Tags, die in ihre Nähe kommen.

Mit einer Batterie versehen werden die cleveren Winzlinge allerdings zu Sendern, den aktiven RFID-Transpondern, die Funkbefehle empfangen und gezielt beantworten können. «Dadurch wird ihr Einsatzgebiet sehr stark vergrössert», sagt Daniel Bajka, Geschäftsführer des kleinen Start-up Smtag im Zürcher Oberland, das sich auf die schlauen Etiketten spezialisiert hat. Erfunden hat man die Teilchen dort keineswegs. «Sie haben längst Einzug in unseren Alltag gehalten, wie die RFID-Funkschlüssel zum Öffnen von Autotüren zeigen.» Das wirkt sich positiv auf ihren Preis aus. 5 bis 10 Fr. kostet ein aktiver Tag – kaum mehr als ein herkömmlicher passiver also.

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Kniffliges Projekt mit Daimler

Der grosse Unterschied liegt in der Anwendung der aktiven und passiven Etiketten. Diese kann ganz schön knifflig sein, wie Bajka am Beispiel eines Projekts mit dem Nutzfahrzeughersteller Daimler erklärt. In dessen Werk in Stuttgart werden täglich 400 Lastwagen gebaut, was bedeutet, dass pro Tag weit mehr als 1000 Lastwagenachsen ihren Zielort finden müssen. In einer der riesigen Lagerhallen unter 1500 Achsen die für jeden Fahrzeugtyp passende zu finden, ist wahrlich kein Kinderspiel.

Bisher stellte es eine grössere logistische Herausforderung für die Lagerverwaltung dar, die gefragte Achse «just in time» in die Produktion zu liefern. Irrtümer werden bei diesen Quantitäten oder abzufahrenden Strecken sehr schnell kostspielig. Narrensichere Lösungen waren gefragt. Solche, denen die öl- sowie staubgeschwängerte Luft, Spritzlack und Vibration nichts ausmacht.

«Wie bringt man 1500 Tags dazu, nicht alle durcheinander zu reden?» Diese Frage bereitete Bajka und seinen fünf Mitarbeitenden beim Daimler-Projekt einiges Kopfzerbrechen. Ab Fabrik geliefert sind die kleinen Etiketten nämlich inaktiv und müssen auf ihre zukünftige Arbeit vorbereitet werden. Bajka spricht von «Konditionierung». Für das Pilotprojekt beim Lastwagenbauer, für das man mit der deutschen Beratungsfirma Ebp-Consulting und dem Fraunhofer Institut arbeitete, hiess das: Jeden einzelnen Tag für die unmittelbar bevorstehende Teilaufgabe optimal zu konditionieren, und dies in Echtzeit. Während sich die Ingenieure vom Fraunhofer Institut mit der Auswertung der erfassten Daten und der Integration ins SAP-System beschäftigten, arbeiteten die Entwickler der Smtag in hartnäckiger Tüftelarbeit am optimalen RFID-System. Das ehrgeizige Ziel: Intelligente und energieeffiziente Tags. Wenn sich heute in der Daimler-Lagerhalle ein Hubstapler einer Achse nähert, meldet ihr Tag brav alle nützlichen Daten auf das Lesegerät im Cockpit des Staplers. Diese werden umgehend an den Zentralcomputer des Werks gesendet, der dem Staplerfahrer Instruktionen auf sein Display zurückschickt – alles innert weniger Sekunden. Der automatisierten Lagerverwaltung ist man einen Schritt näher gekommen.

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Das Anwendungsgebiet von aktiven Transpondern ist fast grenzenlos: Sie kennzeichnen wertvolle Objekte und erlauben deren Inventarisierung innert Sekunden. In Kombination mit Temperatursensoren kann mit ihnen der Weg von leicht verderblichen Produkten durch die ganze Kühlkette hindurch lückenlos nachgewiesen werden.

Kontrollieren, nicht überwachen

Allerdings kann alles, was zum Schutz dient, ebenso zur Überwachung eingesetzt werden. Verfolgen solche Überwachungen ein klares, transparentes Ziel, sind sie unumstritten. Etwa dann, wenn in einem Spital Demenzkranke davor bewahrt werden sollen, die Abteilung ungewollt zu verlassen. Datenschützer äussern aber Bedenken vor der heimlichen Anwendung der Tags. «In jedem Kleidungsstück ein Transponder, von dem ich nichts weiss? Zugegeben, das ist kein angenehmer Gedanke», räumt Bajka ein, gibt jedoch zu bedenken, dass die Möglichkeiten zur heimlichen Überwachung oder ungewollten Identifizierung bereits mit herkömmlichen Barcodes oder Handys gross seien.

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Smtag konzentriert sich auf den westeuropäischen Markt und arbeitet vornehmlich mit Partnern, die genau so klein und flexibel sind wie sie selbst. Das Know-how, das in den Lösungen mit den «active RFID» stecke, sei letztlich nur mit erheblichem Aufwand kopierbar. «Wir können fertige Lösungen innert weniger Wochen anbieten», umschreibt Bajka die Stärke von Smtag, «die Tags mögen kopierbar sein, unsere Erfahrung, die Art, wie wir die Projekte managen, unsere Brainpower – das ist unser USP.»