Mit Scheich Faraj al-Zawi hat niemand gerechnet. Der Führer des mächtigen libyschen Stammes der al-Zawi schlägt sich mitten in den Unruhen auf die Seite der Protestierenden - und droht dem Regime von Diktator Muammar Gaddafi, die Ölleitungen in seinem Stammesgebiet zu unterbrechen, falls dieser weiter auf Protestierende schiessen lasse.

Für die Gegner des Potentaten ist die mutige Tat des Scheichs ein Zeichen der Hoffnung. Für die Kritiker des Wüstenstromprojekts Desertec ist sie ein Beleg dafür, dass sich Europa mit dem Bau von Solarkraftwerken in Nordafrika in eine gefährliche Abhängigkeit begibt. Was, wenn der Alte Kontinent dereinst Strom aus Libyen bezieht und dort eine neue korrupte Elite herrscht - oder das Land von Stammesfürsten regiert wird?

ABB erwartet Verzögerungen

Der schweizerische Industriegigant ABB steht mittendrin in diesem politischen Sturm. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Konsortiums, welches das Vorhaben Desertec vorantreibt. Derzeit werden in Ägypten und Marokko Referenzprojekte entwickelt. Auch in den Ländern, deren Zukunft alles andere als Stabilität verspricht. Für die ABB ist Desertec trotz den Wirren in Nordafrika nicht grundsätzlich in Frage gestellt, wie Jochen Kreusel, Leiter des Konzernprogramms Smart Grids erklärt. «Doch die Referenzprojekte könnten in Verzug geraten. Etwas anderes zu behaupten, wäre angesichts der momentanen Lage blauäugig», meint der ABB-Manager weiter.

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Die Erschütterungen hätten aber auch ihre guten Seiten: «Die Unruhen beweisen, wie wichtig es ist, diese unruhige Weltgegend durch wirtschaftliche Integration zu stärken», sagt Kreusel. Ins gleiche Horn stösst Aeneas Wanner, Geschäftsführer des Vereins Energie Zukunft Schweiz und Mitglied der Desertec-Stiftung. «Natürlich zeigen die Unruhen, dass es bei Desertec grosse Risiken gibt. Aber es existieren auch viele Chancen.» Europa müsse die Handelsbeziehungen mit der nordafrikanischen Region intensivieren, um den Ländern eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten.

Das Potenzial von Desertec hält Wanner nach wie vor für gewaltig: Der Norden liefere die Technologie, die es den nordafrikanischen Staaten erlaube, einen ihrer grössten Vorteile zu nutzen: Die enorme Sonneneinstrahlung. Allerdings muss auch er einräumen, dass ohne Unterstützung der obersten Politik in den Ländern vorerst nichts zu machen ist. Und diese sind im Umbruch.

Mit welchen Unwägbarkeiten die Desertec-Initianten zu kämpfen haben, zeigen Ägypten und Marokko. Ägypten galt bisher laut Wanner als vergleichsweise stabil und wirtschaftlich solide. Zudem war dort die nötige politische Unterstützung für Desertec vorhanden. Nun stelle sich natürlich die Frage, welche Minister an Bord blieben.

Marokko seinerseits hat für den Bau der ersten Desertec-Kraftwerke unter anderem Kreditzusagen von der Weltbank erhalten. Die Pläne des Landes sind ambitioniert, die staatlich-marokkanische Stromgesellschaft will beim geplanten Solarkraftwerk als Hauptinvestor auftreten. Noch Anfang Februar sagte ein Geschäftsleitungsmitglied von Desertech-Projektpartner Munich Re, er erwarte keine Verzögerungen der Projekte in Marokko. Die politische Lage sei dort stabiler - anders etwa als in Ägypten oder Tunesien.

Doch die Geschichte hat auch vor den Grenzen Marokkos nicht halt gemacht. Heute ist Marokko in Aufruhr. Nach landesweiten Protesten hat der seit 1999 regierende König Mohammed VI. zwar Reformversprechen abgegeben. Sie sind jedoch vage, die Volksseele brodelt weiter. Die Bilanz der Unruhen im «politisch stabilen» Land: Fünf Tote und 128 Verletzte.

Den Kopf tief im Sand

Michael Wolffsohn, Professor an der Bundeswehrhochschule München, kann angesichts solcher Entwicklungen die optimistische Haltung der Desertec-Initianten nicht nachvollziehen. «Man muss den Kopf schon sehr tief in den Sand stecken, wenn man jetzt erst recht an dem Projekt weiterarbeiten will.» Seiner Meinung nach ist das Projekt in seiner heutigen Form nicht realisierbar. Ohne politische Stabilität in der Region sei an Rentabilität nicht zu denken. Und zumindest vorerst sieht er diese nicht. «In Marokko etwa gibt es eine hochgradig organisierte Zelle der al-Kaida - das weiss doch jeder», sagt er. Auf absehbare Zeit werde sich die Situation auch nicht verbessern.

Wolffsohn sieht nur eine Rettung für Desertec: Die EU muss den Investoren Ausfallbürgschaften gewähren. Denn private Investoren werden sich kaum an solchen hochriskanten Projekten in einer politisch so instabilen Region beteiligen.

«Das halte ich für Spekulation», erwidert ABB-Manager Kreusel. Genau zur Klärung solcher Risiken seien bei Desertec ja auch Banken und Versicherer dabei, so etwa mit der Munich Re der weltgrösste Rückversicherer. Bis Investoren im grossen Stil Projekte im Rahmen von Desertec realisieren können, würden ohnehin noch ein paar Jahre vergehen. «Schauen wir doch einmal, wie die Investoren die Region dann einstufen werden», sagt Kreusel.

Trotz den Unruhen will sich ABB also nicht entmutigen lassen. Kreusel ist überzeugt, dass die Idee hinter Desertec funktionieren kann. Europa sei ja heute schon abhängig von Nordafrika über Importe von Öl und Gas.

Desertec hänge zudem nicht an einer einzigen Leitung, die ein Land in Aufruhr einfach kappen könne, erinnert der ABB-Mann. Im Vollausbau würden sehr viele Kabel durchs Mittelmeer nach Europa führen. Kreusel spricht von «vielleicht 100 Leitungen oder mehr». «Desertec wird nicht nur in einem Land gebaut. Und die verschiedenen Länder verhalten sich politisch ja auch unterschiedlich.»

ABB engagiert sich bei Desertec derzeit vor allem als Expertin für die Stromübertragung. Bei der hocheffizienten Gleichspannungsübertragung gehört der Schweizer Energietechnikkonzern zu den führenden Anbietern - auch wenn die entsprechenden Produkte für Desertec noch weiterentwickelt werden müssten. So wird es für ABB eine Herausforderung sein, mit den Stromkabeln das Mittelmeer zu unterqueren, denn bisher wurden die Leitungen nicht tiefer als ein Kilometer verlegt. Die See zwischen Libyen und Sizilien erreicht jedoch Tiefen von bis zu 2 Kilometern. Darüber hinaus könnte die ABB mit Leittechnik für Solarkraftanlagen zum Zuge kommen, etwa, um die Spiegel der Kraftwerke möglichst genau auszurichten.

Sollte sich Desertec also wirklich umsetzen lassen, winken ABB dicke Aufträge. «Das Projekt ist wirtschaftlich von grossem Interesse für uns», sagt Kreusel. «Wir wollen einen Eindruck davon gewinnen, wie realistisch es ist.» Und diesen Eindruck kriege man nicht, wenn man Zuschauer bleibe. Darum ist ABB schon bei der Entwicklung des Projektes dabei - auch wenn die Aufträge später ohnehin ausgeschrieben werden.

ZKB-Analyst Richard Frei teilt die Meinung, dass ABB bei dem Vorhaben nicht abseits stehen sollte. Schliesslich sässen auch die grossen Konkurrenten mit am Tisch, darunter insbesondere Siemens. Der Aufwand für ABB halte sich heute in «erträglichem Rahmen». Sei die Firma von Anfang an dabei, bringe sie sich in Position, um später Aufträge zu erhalten, glaubt Frei. Und wenn aus Desertec nichts wird? «Forschung und Entwicklung bei ABB profitieren ohnehin», entgegnet er. In Europa stellten sich ähnliche Fragen wie beim Wüstenstromprojekt - etwa, wie die entstehenden gigantischen Windanlagen und die Solarenergie ans Netz angeschlossen werden können.

Weitere Partner aus der Schweiz

Nicht nur die ABB, sondern auch die übrigen Schweizer Beteiligten bleiben trotz allen Unsicherheiten beim gigantischen nordafrikanischen Wüstenstromprojekt dabei. Und nicht nur das: Laut Desertec-Stiftungsmitglied Wanner laufen derzeit Gespräche mit renommierten Schweizer Firmen und Forschungseinrichtungen. Verhandelt wird mit der ETH sowie mit dem Paul-Scherrer-Institut. Firmennamen will Wanner noch keine nennen. Ziel sei es, «in den nächsten Monaten» über eine Zusammenarbeit dieser Unternehmen und Institutionen mit Desertec zu informieren.