Ab 1961 reisten ausgesuchte Erdbewohner höchstpersönlich in den Orbit. Dazu brauchte es präzise Uhren zur lückenlosen Kontrolle und Steuerung der weiten Ausflüge. Auf elektronische Zeitmesser alleine mochten sich die Verantwortlichen nicht verlassen. Das Risiko eines Ausfalls erschien ihnen viel zu hoch.

Die Geschichte der Weltraum-Armbanduhr schlechthin - der legendären Moonwatch - beginnt allerdings lange vor den ersten Ausflügen ins ferne All. Und sie besass daher auch ganz andere Hintergründe. Genau genommen startete sie 1943 mit dem Rollout des legendären Schaltrad-Chronographenkalibers 27 CHRO C12 bei Lémania im abgeschiedenen Vallée de Joux. Die Besonderheit des tickenden Newcomers bestand in C12, einem vergleichsweise aufwendigen Totalisator zum unmittelbaren Erfassen gestoppter Zeitintervalle bis zu 12 Stunden. Hiernach verlangten Wissenschaftler, Techniker, Sportler und auch Militärs. Noch im gleichen Jahr präsentierte der renommierte Rohwerkespezialist, welcher 1932 infolge der Weltwirtschaftskrise unter das Dach der SSIH-Gruppe mit ihren Uhrenmarken Omega und Tissot geschlüpft war, eine simplere Version nur mit 30-Minuten-Zähler, 27 CHRO genannt.

Geburtsstunde der Speedmaster

Den grossen Durchbruch brachte das Jahr 1957 mit einem brandneuen Modell, zu dessen herausragenden Eigenschaften ein wasserdichtes Stahlgehäuse, Durchmesser 39 mm, ein verschraubter Boden und ein zusätzlicher Schutzdeckel für das Chronographenwerk gehörten. 1958 gelangte es als Speedmaster in den Handel. Im Inneren: Besagtes Handaufzugskaliber mit 12-Stunden-Zähler, welches Omega schlicht 321 getauft hatte.

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Der Kaufpreis ein Schnäppchen

Aus heutiger Sicht handelte es sich um ein ausgesprochenes Preis-Schnäppchen. Mit Stahlband kostete die Speedmaster 410 Fr. Heute zahlen Sammler dafür bereitwillig mehr als 30000 Fr.

Damit begann eine beispiellose Uhren-Erfolgsstory, denn die klassische Speedmaster ist nun seit 52 Jahren optisch nahezu unverändert am Markt.

1965 forderten der Erfolg des Speedmaster-Chronographen und eine rasant wachsende Nachfrage ihren Tribut in Gestalt etlicher Modifikationen. Die Konstruktionsarbeiten bei Lémania währten bis zum August 1968. Dann stand das deutlich vereinfachte Kaliber 861 zur Verfügung.

Auch Breitling war im All dabei

Doch zurück ins Jahr 1962. Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa hatte ihr Mercury-Programm mit Ein-Mann-Flügen weitgehend abgeschlossen. Am 24. Mai 1962 hatte Scott Carpenter während der Mission Mercury-Atlas 7 die Erde im Raumschiff Aurora 7 dreimal umkreist und dabei einen Navitimer-Cosmonaute-Chronographen von Breitling getragen. Am 3. Oktober des gleichen Jahres vollzog Walter Schirra mit der Kapsel Sigma 7 sechs Erdumrundungen. Mit von der Partie diesmal: Ein Speedmaster-Chronograph von Omega.

Inzwischen liefen die Vorbereitungen für die Gemini- (zwei Männer) und Apollo-Missionen mit drei Mann Besatzung auf vollen Touren. Fortan sollten sich die Astronauten auch frei im All bewegen. Speziell dazu brauchte es eine nachweislich hoch belastbare Armbanduhr, denn ausserhalb der Raumkapsel mussten die Astronauten exakt um die Dauer ihrer Sauerstoffreserven, die Ladung der Batterien, die Foto-Belichtungszeiten oder die Öffnungsdauer der Verschlüsse der Treibstoffzellen wissen. Bei Weltraumspaziergängen im luftleeren Raum würde die Armbanduhr bei jeder Drehung des Handgelenks aus dem Schatten ins ungefilterte Sonnenlicht einen Temperaturschock von mehr als 100 Grad erfahren.

Auf dem Mond, dem erklärten Ziel der Nasa, ging es sogar noch härter zu. Hier herrschen Temperaturschwankungen von -120 bis +120 Grad Celsius. Darüber hinaus musste der Stopper auch anderen Weltraumbelastungen klaglos widerstehen.

Auf Einkaufstour wie Touristen

Um herauszufinden, welche der marktüblichen Uhren den Strapazen am besten gewachsen sein würde, startete die Nasa in Houston ein anonymes Casting-Prozedere. Inkognito betraten zwei Nasa-Mitarbeiter das Geschäft von Corrigans, dem ersten Uhren-Fachhändler am Platz. Ohne viele Worte erwarben sie zehn Armbanduhren verschiedener Marken, deren Weltraumeignung das Testlaboratorium anschliessend diskret, aber gründlich checkte. Zwei Jahre später konkurrierte Omega nur noch mit drei Marken um die Eignung fürs All.

Von diesen erbat das Nasa Manned Spacecraft Center, Gemini & Flight Support Procurement Office in Houston am 29. September 1964 eine Offerte für jeweils ein Dutzend Serienzeitmesser, welche ein unerbittliches, insgesamt elf Tests umfassendes Ausleseverfahren zu bestehen hatten. Die Norman M. Morris Corp., New York, der amerikanischen Omega-Importeur, lieferte am 21. Oktober 1964 zwölf Speedmaster-Chronographen ohne Band zum regulären Preis von jeweils 82.50 Dollar.

Im Labor durch die Hölle

Anschliessend mussten die Probanden sozusagen in jene Hölle, welche die Strapazen des Weltraums simulierte. Weil die Nasa das Risiko eines Ausfalls unter allen Umständen ausschalten wollte, lagen die Anforderungen noch deutlich über dem, was die ausgewählten Uhren später erwarten würde. Im Rahmen mehrwöchiger Tests durchlitten sie bislang einmalige Torturen, darunter

schockartige Temperaturwechsel von -18 bis +93 Grad Celsius,

Wasserdichtigkeitsprüfungen,

verschiedene harte Korrosions- wie auch Abnützungstests,

Wechselbäder aus Über- und Unterdruck,

brutale Verzögerungen und Beschleunigungen bis zu 16 g, wobei ein g rund 9,81m/s² entspricht, und

heftige Stösse bis zur 40-fachen Erdanziehungskraft (40 g).

Die getesteten Chronographen trugen da und dort Blessuren davon. Einer versagte gleich zwei Mal bei der Feuchtigkeitsprüfung. Beim Hitzetest stellte er den Dienst endgültig ein, weil sich der Chronographenzeiger verbogen und mit den anderen Zeigern verhakt hatte. Beim Stopper einer anderen Marke verbog und löste sich das Glas während der Hitzeprüfung.

Allein die Speedmaster von Omega tickte wegen ihres robusten Uhrwerks sowie ihrer durchdachten Schale am Ende so, als wäre nichts gewesen. Selbst die chronographischen Funktionen zeigten keinerlei Beeinträchtigungen.

Deshalb erklärte die Nasa am 1. März 1965 das Omega-Produkt aus Biel zur offiziellen Uhr für ihre Weltraummissionen. Die erste war der Gemini-Titan-III-Flug, zu dem die Astronauten Grissom und Young am 23. März 1965 mit ihren Speedmasters abhoben.

Die Stunde der Wahrheit schlug dann am 3. Juni 1965 am Handgelenk von Edward White, der im Rahmen der Gemini-IV-Mission seinen viel beachteten Weltraumspaziergang absolvierte. Von dieser Bewährungsprobe erfuhr Omega allerdings erst im April 1966 auf dem Weg über die Titelseite des «Life»-Magazines. Die Reaktion: Der Speedmaster-Chronograph erhielt den Namenszusatz «Professional».

US-Uhrenindustrie war sauer

Problemlos gingen die Dinge in den USA freilich nicht über die Bühne. Bulova, der amerikanische Uhrenfabrikant ohne spezifische Chronographen-Erfahrungen, dem der Weltkriegsheld General Omar Bradley vorstand, wirkte auf die Weltraumbehörde ein, doch seine Produkte wegen des besonderen Werts heimischen Schaffens zu verwenden. Dagegen sprach nicht das Geringste, aber zuvor hatten sich die Bulova-Zeitmesser wie alle anderen dem strengen Ausleseverfahren zu unterwerfen, wo sie gleich zweimal scheiterten. Omega blieb Sieger.

Die erste Uhr auf dem Mond

Am 16. Juli 1969 begann die bis dato teuerste Reise der Menschheit. Exakt um 09:32 hob die riesige Saturn-5-Rakete mit der Apollo-XI-Kapsel in Richtung Mond ab. Der spannendste Moment begann am 21. Juli um 2:56 Uhr GMT, als Neil Armstrong «Einen kleinen Schritt für einen Menschen und einen Riesenschritt für die Menschheit» tat.

Rein theoretisch hätte ihn seine Speedmaster beim Ausstieg begleiten sollen. Doch kurz nach dem Aufsetzen der Fähre konstatierte «Buzz» Aldrin, dass der elektronische Bord-Zeitmesser nicht mehr funktionierte. Ergo liess Armstrong seine Uhr vorsichtshalber in der Mondfähre zurück. Damit war Aldrins Speedmaster die erste Uhr auf dem Mond. Sein Satz «Ich glaube, meine Uhr ist stehen geblieben!» löste bei Omega allerdings echte Schockstarre aus. Aber glücklicherweise war es nur der Chronographenzeiger, denn Aldrin hatte im Eifer des Gefechts versehentlich den Stopp-Drücker betätigt. Das Uhrwerk selbst tickte stoisch vor sich hin.

Zum Leidwesen von Omega wurde dieses wertvolle Erbe menschlichen Kulturguts Anfang 1970 zusammen mit anderen Weltall-Habseligkeiten gestohlen.

Die Uhr als Lebensretter

Am 17. April 1970 bewies die Speedmaster Professional, dass sie das plakative Attribut als «Einzige Uhr der Welt mit einer Rückfahrkarte vom Mond» zu Recht trug. Bei der dramatischen Apollo-XIII-Mission ermöglichte die Speedmaster die glückliche Rückreise zur Erde. Eine Explosion im Sauerstofftank hatte die Elektronik des Raumschiffs lahmgelegt. Notgedrungen mussten die Astronauten James Lovell, John Swigert und Fred Haise in die Landefähre umsteigen und die Elektrik mit Ausnahme des Funkgeräts stilllegen. Trotzdem blieb die Mannschaft cool. Das Timing und das Zünden der Steuerraketen, um aus der Bahn um den Mond wieder in Richtung Erde zu steuern, bewältigte Commander James Lovell abgebrüht und sekundengenau mit seiner Speedmaster. Zum Dank erhielt Omega die Astronauten-Auszeichnung «Snoopy Award».